Kein schwuler Fußballer, kein Problem?

Ein Beitrag von Lena Christin Ohm

Den Schiri und die Gegner als „schwul“ zu bezeichnen, ist für einige
Fußballfans Alltag. Im Eifer des Gefechts werden tolerante Fans
(un-)bewusst homophob. Doch welche Konsequenzen es für den Sport hat,
warum ein Outing einem Todesurteil gleichkäme und wieso sich ein paar
Autoren mit Geschichten dagegen zur Wehr setzen, hat pflichtlektuere.com
herausgefunden.

„Es gibt keine schwulen Fußballer“, sagte Mario Basler 2008 und der Präsident des Französischen Fußballverbandes, Jean-Pierre Escalette, erklärte 2010, die Französischen Charta gegen Homophobie im Fußball lenke die Aufmerksamkeit auf etwas, das zum Glück nicht weit verbreitet sei. Diese Haltung ist nicht neu, gehört der Fußball, laut Tanja Walther-Ahrens, doch zu einem der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft“. Die ehemalige Bundesligaspielerin und Delegierte der „European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF)“ weiß, dass viele die Existenz eines schwulen Fußballprofis schlichtweg für unmöglich halten. Ganz nach dem gängigen Klischee, dass schwule Männer Eiskunstläufer aber keine Fußballer sein können. Dabei kann Fußball alles sein – auch schwul. Diese Tatsache werde jedoch gern verdrängt. Da verschanzen sich manche Funktionäre wie Escalettes lieber hinter dem Irrglauben, dass es keine homosexuellen Fußballspieler gibt.

Homophobie im Stadion

Woher Escalette, Basler und Co das jedoch so genau wissen und woher sie diese Sicherheit nehmen, ist unbekannt. Fest steht aber: Im Augenblick gibt es keinen als homosexuell geouteten Profifußballer, der offen mit seinen sexuellen Neigungen und Wünschen umgehen kann. Und der darüber berichten kann, wie homophob das Fußballgeschäft wirklich ist. Dafür gibt es aber in Stadien immer wieder homophobe Parolen, wie beim Spiel zwischen Dortmund und Bremen, als für kurze Zeit ein Transparent mit der Aufschrift „Lieber ‘ne Gruppe in der Kritik als ein Lutschertum und Homofick“ ausgerollt wurde.

Plakate mit homophoben Inhalt wie beim Spiel zwischen dem BVB und Werder haben im Stadion nichts zu suchen, da sind sich (fast) alle einig. Foto: Aktion Libero, iHibbel

Plakate mit homophoben Inhalt wie beim Spiel zwischen dem BVB und Werder haben im Stadion nichts zu suchen, da sind sich (fast) alle einig. Foto: Aktion Libero, iHibbel

Da können Jermaine Jones, Phillip Lahm, Mario Gomez und andere Fußballer noch so sehr betonen, dass ein schwuler Mitspieler für sie kein Problem wäre – Aktionen wie diese dürften schwule Fußballer treffen und sie in der Ansicht bestätigen, dass die Zeit für den ersten schwulen Bundesligaspieler, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt, noch nicht gekommen ist.

„Die Sexualität hat nichts mit Sport zu tun, aber trotzdem spielt es immer noch für viele eine riesengroße Rolle, ob jemand nun Männer oder Frauen liebt. Das ist bedauerlich und es ist schlecht für den Sport“, erklärt Dr. Tatjana Eggeling, Beraterin für Homophobie und den Umgang mit Homosexualität im Sport in Berlin. Dabei könne eine offene Einstellung gegenüber jeder möglichen sexuellen Orientierung eines Athleten zu einer enormen Leistungssteigerung führen.

Dr. Tatjana Eggeling ist "Beraterin für Homophobie und den Umgang mit Homosexualität im Sport" in Berlin. Foto: Brigitte Dummer

Dr. Tatjana Eggeling: Die Leistung leidet. Foto: Brigitte Dummer

„Ein schwuler Fußballprofi muss so viel Energie für das Verstecken der eigenen Sexualität aufbringen, muss einen Spagat zwischen zwei scheinbar nicht zu vereinbarenden Aspekten seiner Persönlichkeit meistern und gleichzeitig auch noch immer hochkonzentriert seinen Leistung bringen“, sagt Eggeling und führt aus, dass diese Energie und die Konzentration dem Sportler letztlich fehle – das steigere wiederum das Verletzungsrisiko und sorge dafür, dass sich nicht das ganze Können des Spielers entfalte. „Wenn ein homosexueller Spieler irgendwie mit all dem Druck und dem Versteckspiel klar kommt und gute Leistungen zeigt – wie viel besser wäre er erst dann, wenn er sich nicht verstecken müsste?“, fragt Eggeling.

Große Verluste für den Fußball

Doch das ist nicht die einzige Überlegung, die sich aufgeschlossene Funktionäre stellen müssen: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die sogenannte „Drop-out“ Rate bei schwulen und lesbischen Sportlern in der Pubertät deutlich höher ist als bei allen anderen. Während sonst häufig eine Verschiebung der Interessen oder das Auskosten der Jugend ein Grund für die Aufgabe des Leistungssports ist, sieht es bei Schwulen und Lesben anders aus: Sie müssen das eigene Sein hinterfragen und fühlen die gesamte Gesellschaft gegen sich. Und dann gibt es da noch die Entscheidung, ob man seinen Traum oder sein Leben leben will, wenn man einen Sport betreibt, in dem Homosexualität als „unmöglich“ angesehen wird. „Dem Sport gehen damit viele Talente verloren“, konstatiert Eggeling und erinnert auch an die wirtschaftlichen Folgen dieser Drop-out Rate: Bis in die Pubertät wurde in die Sportler schon viel Geld investiert – zu viel, um sie dann durch Engstirnigkeit und mangelnde Toleranz zu verlieren. Und doch ist eigentlich jede dieser Entscheidungen nachvollziehbar: Es geht immerhin um die seelische Gesundheit eines Menschen.

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2 Comments

  • Alex sagt:

    Wieso Homophobie? Fußball ist doch völlig schwul!

    Kurze Höschen, lange Söckchen, Gruppenkuscheln auf’m Rasen und hinterher gemeinsam duschen geh’n … Juchhè, Fußball ist ja sooooo tolll! *näsel*

    Dann hab‘ ich da noch so ein Bild vor Augen, wo ein bayrischer Torhüter seinen Gegner in die Wange beisst – ein hochhomoerotisches Bild war das!!! Und wie war der Schiri-Skandal noch gleich?

    Ihr könnt mir alle sagen, was Ihr wollt: Es gibt kaum etwas schwuleres, als Fußball. Und wenn das all den verkappt latent homosexuellen Homophobikern klar wäre, würden Fußballer kaum genug verdienen, um kein Hartz 4 beantragen zu müssen!

    Fragt doch mal einen Menschen so um die 60, ob er irgendwelche Heterosexuellen kennt, oder ob er gar selbst heterosexuell ist …. Sind solche Unterscheidungen nicht völlig überflüssig?!

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