Drogenfrei in die Zukunft

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Eigentlich wollte sie immer nur frei sein. Frei, unabhängig und selbstbestimmt. Niemand sollte ihr etwas vorschreiben können, nicht einmal ihre Eltern. Dass sie diese anlügen musste, um Nacht für Nacht auf der Straße zu tanzen, machte ihr nichts aus. Doch die Lügen waren nur der Anfang. Der Anfang einer Entwicklung, die sich erst langsam, dann lawinenartig vollzog. Die sie mitriss, bevor sie es realisieren konnte, und erst dann wieder freigab, als sie ganz unten angekommen war.

Als Ariana das erste Mal Drogen nimmt, ist sie 15. Warum sie es tut, weiß sie selbst nicht so genau. Wahrscheinlich, weil es dazugehört. Und dazuzugehören, das ist schließlich wichtig. 

„Wenn du nicht dazugehörst, hast du niemanden. Und wenn du niemanden hast, bist du niemand.“

Und ein Niemand, das wollte Ariana um keinen Preis sein. Also fing die Brasilianerin an, sich mit Menschen zu umgeben, die ihr Anerkennung entgegenbrachten. Dass diese nicht gut für sie waren bemerkte sie erst viel später. Erst einmal war sie froh und stolz, Teil dieser Gruppe zu sein. Mit ihren Freunden nachts durch die Straßen São Paulos zu ziehen – das fühlte sich gut an. Zu rauchen, obwohl ihre Eltern es ihr immer verboten hatten – es fühlte sich gut an. Beziehungen mit Männern einzugehen, die viel älter waren als sie – auch das fühlte sich gut an. Es war jedes Mal aufs Neue ein Kick, ein Adrenalinstoß, beschreibt sie heute. 

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Wenn die Wirklichkeit immer mehr verschwimmt… Foto: flickr.com/Gabriel Cabral

„Du weißt, dass du etwas falsch gemacht hast, aber trotzdem machst du weiter. Oder gerade deswegen.“

Die durchgetanzten Nächte waren jedoch nur der Anfang. Bald kamen die Tage hinzu, an denen sie nichts mit sich anzufangen wusste. An denen sie körperlich zwar anwesend war, geistig jedoch ganz weit weg. „Ich hatte die Lust an allem verloren, was mir einmal etwas bedeutet hatte. Als ob sich meine Prioritäten mit einem Mal völlig verschoben hätten“, erinnert sich Ariana. Vielleicht war es das Marihuana, das sie nahm, die „kleinen Drogen“. Vielleicht waren es die Freunde, mit denen das Leben so sorglos war. Vielleicht war es die Luft der „Freiheit“, die sie auf einmal schnupperte. Und vielleicht war es auch all das zusammen. Kein Jahr dauerte es jedenfalls, dann kamen die chemischen Drogen dazu. Ecstasy, Crack, LSD.

„Wenn ich Drogen nahm, war mein Leben wunderbar. Es war, als könnte mich nichts erschüttern, als gäbe es nur den Moment.“ 

Aber mit den Drogen kamen auch die Probleme. Mit 18 begann sie ihr Traumstudium. Design – das, wovon sie immer geträumt hatte. Doch träumen, das tat Ariana schon lange nicht mehr. An die Stelle ihrer Träume waren Illusionen getreten. Illusionen, die verdammt nah an der Realität waren, aber dann doch irgendwie haarscharf daran vorbei gingen. Illusionen, die ihr vorgaukelten, die Welt drehe sich nur um sie; als wäre sie die Königin ihres kleinen Universums.

Und eine Königin tut nun einmal, was sie will. Immer öfter schwänzte Ariana die Vorlesungen, war nächtelang unterwegs. Ging in Clubs, auf Partys, genoss ihre Freiheit. Hatte Sex, egal wann, egal wo, egal mit wem. Sie wollte einfach jemanden bei sich haben, den Anflug einer Beziehung. Bald ging sie nicht nur Liebschaften mit Männern ein, auch für Frauen begann sie sich zu interessieren. Mal hatte sie eine Beziehung zu einem Mann, mal zu einer Frau, manchmal auch beides zur gleichen Zeit. 

„Wenn du Dinge über einen längeren Zeitraum machst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie normal für dich werden“, reflektiert Ariana heute. Klar, den Gedanken, dass irgendetwas falsch liefe, habe sie des Öfteren gehabt. Aber statt etwas zu ändern, machte sie alles einfach nur noch exzessiver. Dass sie dafür ihren Körper benutzte, merkte sie nicht.

„Eigentlich wollte ich ein normales Leben haben, so wie jedes andere Mädchen auch. Aber ich habe es einfach nicht geschafft.“

Von alledem hatten ihre Eltern keine Ahnung. Als die beiden von Arianas homosexuellen Kontakten erfuhren, hatte sie ein Problem. Und sie hatte ein noch größeres Problem, als die Sache mit den Drogen ans Licht kam. „Ich ging vier Mal die Woche arbeiten, aber das reichte nicht, um die Uni zu bezahlen. Meine Eltern haben mir unter die Arme gegriffen. Aber als sie herausfanden, dass ich Drogen nahm, stellten sie die Zahlungen ein“, erinnert Ariana sich. Stattdessen begannen sie, sich um ihre Tochter zu kümmern, versuchten alles in der Welt Mögliche.

„Sie dachten, das sei Hilfe – aber das war es nicht. Zu viele Jahre waren vergangen, in denen sie nicht an meinem Leben teilgenommen hatten.“ 

Das Leben zu leben, das ihre Eltern für sie ausgesucht hatten – es war für Ariana unvorstellbar.