Ist die Nanny wirklich super?

„RTL will mit diesem Format einerseits den betroffenen Familien eine Hilfestellung bieten, andererseits aber auch dem Zuschauer anhand von unterschiedlichen Fällen Lösungsansätze für Probleme in der eigenen Familie aufzeigen.“ Soweit die Selbstdarstellung des Senders. Die TV-Realität geht ungefähr so:

Dr. Thomas Breucker war neun Jahre Förderschullehrer, bevor er an die TU Dortmund kam. Foto: Fabian Karl

Dr. Thomas Breucker war neun Jahre Förderschullehrer, bevor er an die TU Dortmund kam. Foto: Fabian Karl, Teaserbild: RTL

RTL im Januar 2007 zur liebsten Fernsehzeit der Deutschen. Ein Teenager mit Joint in der Hand, harte Gitarrenriffs im Hintergrund. Die Show kann beginnen. „Andy ist erst 14 Jahre alt. Er kifft regelmäßig“, sagt die Stimme aus dem Off. Er drohe abzurutschen. Schnell ein Umschnitt. Die Familie mit ihrem Problemkind im Wohnzimmer. Dissonanzen im Zigarettenrauch. Eine Stunde später ist aus dem Problemkind Andy ein Musterknabe geworden. Den Drogen hat er abgeschworen. Ende gut, alles gut. Oder?

Einer, der das beurteilen kann, ist Dr. Thomas Breucker. Bevor er 2006 Dozent im Bereich „Rehabilitation und Pädagogik bei Lernbehinderungen“ an der TU Dortmund wurde, war er neun Jahre lang Förderschullehrer. Unter anderem auch Andys.

pflichtlektüre: Kann man von der Super Nanny Katharina Saalfrank überhaupt etwas lernen?

Thomas Breucker: Vom Grundsatz her schon. Es gibt Tipps, die nicht vollkommen verkehrt sind. Die Frage lautet aber immer: Sind die Tipps für genau das Kind und genau die Eltern das Richtige? In dem Fall meines ehemaligen Schülers Andy hatte ich da meine Zweifel.

pflichtlektüre: Könnten Sie an einem Beispiel erläutern, warum?

Seit 2006 verzichtet RTL im TV-Coachingformat "Die Super Nanny" auf die "Stille Treppe". Symbolfoto: flickr/Mike Hoff

Seit 2006 verzichtet RTL im TV-Coachingformat "Die Super Nanny" auf die "Stille Treppe". Symbolfoto: flickr.com / Mike Hoff

Breucker: Ein Tipp war, Tabellen anzulegen, um den Tagesablauf zu strukturieren. Das mag für manche Familien funktionieren. In Andys Familie, wo beide Elternteile wenig mit Schriftsprache zu tun haben, ist einfach fraglich, ob sie das eigenständig nutzen werden.

pflichtlektüre: Eine der Erziehungsmethoden, die die Super Nanny bekannt gemacht hat, ist die „Stille Treppe“. Sinnvolles pädagogisches Mittel oder pure Effekthascherei?

Breucker: Mit solchen Dingen wie einer „Stillen Treppe“ (Anm. d. Red.: Seit 2006 wird im Format auf die „Stille Treppe“ verzichtet) kann man arbeiten. Ich habe aber das Gefühl, dass es bei der Super Nanny oft um den plakativen Effekt geht. Interventionen werden so gewählt, dass der Zuschauer den Eindruck hat: „Das ist eine gute Idee. Das kann ich nachvollziehen.“ Es geht oft um einfache Antworten, die der Komplexität der Probleme nicht gerecht werden.

pflichtlektüre: Zum Beispiel?

Breucker: In der Folge mit Andy wurde herausgearbeitet, dass er stiehlt. Warum stiehlt er? Um sich einen Kick zu holen. Was machen wir da als Intervention? Da schicken wir ihn mal zum Stunttraining nach Bottrop-Kirchhellen. Das kann man natürlich machen und es gibt auch erlebnispädagogische Konzepte, die so erfolgreich arbeiten. Nur in dem Fall besteht das Problem: Wie kommt der Junge von Herne zum Movie Park in Bottrop-Kirchhellen (Anm. d. Red.: Knapp 30 Kilometer trennen die Städte voneinander)? Und von daher war es – meiner Einschätzung nach – eher ein Showeffekt. Das wird nichts sein, wo er regelmäßig hingehen kann und da frage ich mich schon nach dem Nutzen.

pflichtlektüre: Gab es noch weitere Beispiel?

Andy trinkt nicht nur gerne Bier und raucht, er kifft auch. Symbolfoto: flickr/Prensa 420

Andy trinkt nicht nur gerne Bier und raucht, er kifft auch. Symbolfoto: flickr.com / Prensa 420

Breucker: Ähnlich war das mit dem Problem, dass Andy raucht und Drogen nimmt. Als Lösung wurde er beim Fußballtraining angemeldet. Auch das ist auf der plakativen Ebene nachvollziehbar. Dem Schüler kam dann auch nach dem ersten Mal Fußballtraining die Erleuchtung: Rauchen ist ungesund und nicht gut für die Lunge. Aber auch da weiß ich von seinen Mitschülern, dass er nur ein oder zwei Mal beim Training war und es dann nicht weiterverfolgt hat.

pflichtlektüre: Was hat die Super Nanny im Leben von Andy geändert?

Breucker: Eigentlich nichts.

pflichtlektüre: Wie erklären Sie sich dann den Erfolg der Sendung?

Breucker: Ich denke, dass ein großer Teil der Eltern einfach nicht mehr weiter weiß. Und die Sendung transportiert ja auch die Hoffnung, dass da jemand ist, der in einem relativ überschaubaren Zeitraum hilft. Klar, dass sich da viele denken: „Wäre doch schön, wenn auch uns geholfen wird.“

pflichtlektüre: Also letzte Rettung Super Nanny?

Breucker: Ja. Die Vorstellung, da wird einem schnell geholfen, ist einfach verlockend. Denn das, was zum Beispiel Jugendämter anbieten, sind eher längerfristige Lösungen. Da werden Familien über Monate und zum Teil Jahre begleitet. Das ist nicht unbedingt das, was Eltern wollen. Die sind eher an einer schnellen Lösung interessiert.

pflichtlektüre: Wenn Eltern die Super Nanny als letzte Rettung sehen, tragen daran nicht auch die Schulen Schuld?

"Dick, gewalttätig und asozial." So sei das Bild von Jugendlichen im Trash-TV, kritisiert die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Symbolfoto: flickr/arnisto.com

"Dick, gewalttätig und asozial." So sei das Bild von Jugendlichen im Trash-TV, kritisiert die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Symbolfoto: flickr.com /arnisto.com

Breucker: Das hat verschiedene Gründe. Häufig haben Lehrer an Schulen einfach keine Zeit, um sich auch noch um die außerschulischen Probleme ihrer Schüler zu kümmern. Lehrer müssten teilweise die Aufgaben von Sozialarbeitern übernehmen und dafür sind keine Ressourcen da. Viele Kollegen tun das trotzdem. Ihre Arbeit wird dabei aber häufig von den Eltern erschwert. Denn die müssen zu einem großen Teil mitarbeiten und das fällt vielen schwer.

pflichtlektüre: Aus rein pädagogischer Sicht: Sollte man die Super Nanny absetzen?

Breucker: Man kann sich sicher Ideen holen, die funktionieren können. Fatal sind aber zwei Sachen. Zum einen, wenn hängen bleibt: Ich mache das jetzt wie die Super Nanny und schaue mir die Situation gar nicht genau an. Das wird nicht funktionieren. Zum anderen, wenn hängen bleibt: Ich kann wie die Super Nanny Probleme in ein paar Tagen lösen. Wenn das bei den meisten Zuschauern ankommt, dann wäre das ein Grund die Sendung abzusetzen.

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