Ganzheitlich gegen den Schwindel

John fuhr als Beifahrer mit, als es zum ersten Mal passierte. Während der Wagen einen Berg hochfuhr, drehte sich plötzlich seine Welt im Uhrzeigersinn, bis sie auf dem Kopf stand. John klammerte sich an der Decke des Autos fest, schrie. Er dachte, sie hätten einen Unfall. Nach ein paar Minuten war wieder alles normal. Die Welt drehte sich zurück.

Eine beängstigende Erfahrung: Wenn die Welt sich nicht nur dreht, sondern auch Kopf steht. Foto: pixelio

Eine beängstigende Erfahrung: Wenn die Welt sich nicht nur dreht, sondern auch Kopf steht. Foto: CFalk / pixelio

Einige Tage später erfuhr John vom Arzt, dass er an der Room Tilt Illusion leidet. Eine sehr seltene Form des Schwindels. Wenn eine Entzündung, ein Tumor oder eine Durchblutungsstörung den Hirnstamm schädigen, kommt es zu solchen Erlebnissen. Sie verweilen aber meist nur kurz. Denn das Gehirn kompensiert die Fehlinformation schnell, indem es die Berichte der verschiedenen Sinnesorgane miteinander abgleicht.

In den meisten Schwindelfällen dreht sich die Welt nicht um 180 Grad. Aber ein bisschen dreht sie sich schon. Oder ist man es doch selber, der schwankt? Nach einer Achterbahnfahrt, nach dem Aufstehen oder einem Drink zu viel, lässt sich das nicht immer genau sagen. Und Formen des Schwindels sind genauso vielfältig wie seine Ursachen: Dreh-, Bewegungs-, Schwank-, Lagerungs- oder unsystematischer Schwindel. Neben Kopfschmerzen ist es eine der häufigsten Gründe für einen Arztbesuch. Krankhaft ist Schwindel aber nur, wenn er besonders häufig auftritt. Oder aber wenn weitere Beschwerden, wie Doppelbilder, Übelkeit, Hör- oder Sprachstörungen, hinzukommen. Und eine eigenständige Krankheit ist er auch nicht. Er ist nur ein Symptom. Dahinter verbergen sich viele andere Krankheiten. Oder eben auch nur zu wenig Bewegung oder zu viel Alkohol.

Schwindel-Zentrum in Essen

Um mehr über die Ursachen herauszufinden, gibt es im Essener Universitätsklinikum ein Schwindel-Zentrum. Vor drei Jahren war es das erste in Nordrhein-Westfalen. Diese Woche begrüßte es den 5000. Patient.

Dr Mark Obermann spürt den Ursachen von Schwindel nach. Foto: Obermann

Dr Mark Obermann spürt den Ursachen von Schwindel nach. Foto: Obermann

„Die meisten Patienten, die zu uns kommen, haben schon eine lange Liste von Arztbesuchen hinter sich“, sagt Dr. Mark Obermann, Leiter des Zentrums. Das Problem sei, dass die Fachbereiche Neurologie, Orthopädie und Hals-Nasen-Ohrenheilkunde sich überschneiden. So verweise oft jeder Spezialist zum nächsten, ohne sich das Gesamtbild des Patienten angeschaut zu haben. Genau das erfolgt im Schwindel-Zentrum. Hier arbeiten Neurologen, Physiotherapeuten, HNO-Ärzte und Psychologen zusammen.

Meist ist das Gleichgewichtsorgan schuld

Bei neuen Patienten überprüfen die Spezialisten stets zuerst das Gleichgewichtsorgan. Denn das verursacht meist das schwummrige Gefühl. Es liegt im Ohr und besteht aus mehreren Röhrchen. Die sind mit Flüssigkeit gefüllt. Sie sind in verschiedenen Richtungen ausgerichtet. Je nachdem in welche Richtung wir eine Bewegung ausführen, bewegt sich die Flüssigkeit in einem anderen Röhrchen. Kleine Härchen an der Wand der Röhrchen nehmen das wiederum wahr. Sie leiten die Information an das Gehirn weiter. Dieses gleicht dann die Informationen aus den verschiedenen Röhrchen mit den Informationen von den Augen ab. Daraus errechnet es unsere aktuelle Position und koordiniert alle Muskeln, damit wir in der Balance bleiben.

Wenn wir aber abrupt stehen bleiben, wie nach einer Achterbahnfahrt, bewegt sich die Flüssigkeit noch etwas weiter. Sie signalisiert so dem Gehirn, dass wir uns weiterhin bewegen. Tun wir aber nicht. Das sagen auch die Augen. Wegen der unterschiedlichen Informationen ist das Gehirn verwirrt. Es kann unsere korrekte Position nicht berechnen und uns wird schwindelig. Dr. Obermann empfiehlt dann: „Kurz hinsetzen oder aber einen Punkt in der Ferne mit den Augen fixieren. Solch ein Schwindel geht schnell wieder vorbei.“

Bei anderen Formen des Schwindels ist leider nicht so schnell eine Lösung zu finden. Das Röhrchensystem ist hochsensibel. Da kann viel schief gehen. Wenn sich Partikel in der Flüssigkeit befinden, lösen sie falsche Signale an den Härchen aus. Auch Entzündungen und gerissene Membranen bringen das Gleichgewicht durcheinander. Manchmal ist auch die zentrale Verrechnungsstelle im Gehirn defekt. Zum Beispiel durch Durchblutungsstörungen, Infarkte oder Tumore.

Das Schwindel-Zentrum Essen bietet eine ganzheitliche Therapie an. Foto: Schwindel-Zentrum Essen

Das Schwindel-Zentrum Essen bietet eine ganzheitliche Therapie an. Foto: Schwindel-Zentrum Essen

Psychischer Schwindel

Besonders unangenehm ist der Schwindel, weil man ihn von außen nicht sehen kann. Das führt häufig zu Unverständnis und kann psychische Faktoren verstärken. Denn Schwindel braucht nicht immer eine körperliche Ursache. So gibt es den phobischen Schwankschwindel. Dieser ist in der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen sogar die häufigste Schwindelursache.

Betroffene hatten irgendwann ein starkes Schwindelerlebnis. „Das ist so eine einschneidende Erfahrung, dass es zu eine Übererregbarkeit des Gleichgewichtssystems kommt. Außerdem achten die Patienten aus Angst dann akribisch genau auf Schwankungen“, erklärt Obermann. Normale Bewegungen, wie beim Busfahren oder in Menschenmengen, werden dann bereits als Schwindel empfunden. „Das führt zu einem Teufelskreis mit immer mehr Schwindel und Angst.“ Wichtig ist es dann, den Patienten wieder Vertrauen zu ihren Wahrnehmungen und Reflexen einzuflößen.

Um das zu erreichen, arbeiten die Profis vom Schwindel-Zentrum mit verschiedenen Methoden zugleich. Aufklärung, Entspannungsübungen, Psychotherapie oder Sport sollen helfen, wieder Vertrauen zum eigenen Körper herzustellen. Möglich ist eine solche ganzheitliche Therapie im Schwindel-Zentrum, weil sich Experten aus verschiedenen Bereichen ergänzen. Der 5000. Patient, der übrigens auch wegen eines angstbedingten Schwindels kam, belegt den Erfolg dieser Methode.