Ein Fußballspieler und die ägyptische Revolution

Ein Beitrag von Nils Bickenbach

Ein Fußball-Stadion brennt, über 70 Menschen sterben bei den Ausschreitungen in Ägypten. Ein Jahr nach dem Sturz Mubaraks ist die Lage immer noch alles andere als entspannt. Deshalb verlies der heutige TU-Student Sami Abu-El-Zahab Kairo im Februar 2011. Dort hat er mit Fußball sein Geld verdient – und das Chaos aus nächster Nähe miterlebt.

Februar 2011: An fast jeder Kreuzung standen Panzer, berichtet Sami. Fotos: privat

Februar 2011: An fast jeder Kreuzung standen Panzer, berichtet Sami. Fotos: privat

„Da stehen sie alle, mit Gewehren“, sagt der Busfahrer und fährt nicht weiter. Sami Abu-El-Zahab muss aussteigen und geht ein Stück zu Fuß. Weit kommt er nicht. Die Ausgangssperre ist überschritten. Schlagartig begreift er die Situation: Demonstranten und Plünderer ziehen durch die Straßen Kairos. Anwohner mit Stöcken in der Hand rennen ihm entgegen. „Geht nach Hause“, rufen sie. „Passt auf eure Autos auf.“ Es ist Ende Januar 2011. Die Stadt ist Schauplatz der Revolution. Samis Erinnerungen an diesen Abend sind besonders lebendig.

Sami eilt zurück zum Haus seiner Tante. Die Anwohner stehen zur Verteidigung vor den Häusern, Stöcke, Gewehre und Glasflaschen in den Händen. Sami bekommt einen Stock und reiht sich ein. Die Plünderer sollen sehen, dass es in diesem Viertel nichts zu holen gibt. Und es klappt. Sie ziehen vorbei.

Die Revolution vor der Haustür

Wenn er bisher von seiner besorgten Familie angerufen wurde, die die Bilder aus Kairo gesehen hatten, blickte er aus dem Fenster und sah nichts. Doch an diesem Abend hat die Revolution die Vororte erreicht. „Bürger haben mit Steinen die Kreuzungen blockiert, um Ausweise zu kontrollieren“, erinnert sich Sami. Menschen seien festgenommen worden, bis das Militär kam. Nach etwa drei Tagen habe sich die Revolution wieder auf das Zentrum der Stadt konzentriert. „Irgendwann haben kleine Geschäfte wieder aufgemacht.“ Auf Schnellstraßen gab es weiterhin Kontrollen. Von Bürgern oder Verbrechern? „Man hatte nie Gewissheit, ob man ankommt“, sagt Sami.

Der 22-Jährige ging im Sommer 2009 nach seinem Abitur in Dortmund nach Ägypten. Der Sohn einer Griechin und eines Ägypters kam in die U21-Mannschaft von Entag El-Harby, ein Erstliga-Team aus einem Vorort von Kairo. Nach einem Jahr spielte er auch bei den Profis. Er gab Interviews auf Arabisch, auch wenn er die Sprache nicht komplett beherrscht. Das brachte ihm Sympathien. „Die Leute haben mich im Bus erkannt“, sagt er. „Das ganze Land ist fußballfanatisch, sogar Frauen schauen zu.“ Jede Partie würde einem Derby zwischen Dortmund und Schalke gleichkommen, besonders in Kairo.

„Mir war klar, das Chaos wird sich so schnell nicht legen.“

2009 auf holt Sami auf dem Schulhof zum Schuss aus, später gegen Ägyptens Rekordmeister.

2009 auf holt Sami auf dem Schulhof zum Schuss aus, später gegen Ägyptens Rekordmeister.

An seinen ersten Einsatz bei den Profis erinnert Sami sich genau. „Das war gegen El-Ahly Kairo. Das Bayern München Ägyptens“, schwärmt er. Es läuft die 76. Minute, El-Ahly führt mit 2:1, als Sami eingewechselt wird. Kurz darauf bekommt der Offensivspieler die Chance zum Ausgleich. Vor dem Strafraum kommt er zum Schuss – doch der geht knapp vorbei.

Technisch habe er den meisten Ägyptern etwas voraus. „Aber die rennen wie Pferde“, sagt er. Dort gehe viel über Körpereinsatz. Auch vom System her laufe einiges anders als in Europa: „Manche spielen noch mit Libero.“ Vom Fußball konnte er gut leben. „Als U21-Spieler geht es einem schon ganz gut“, sagt Sami und erinnert sich an Abendessen am Nil. Zu den Profis seien es aber Welten. Die bekämen hohe Prämien für Siege.

Doch auch für Profis bedeutete die Revolution einen drastischen Einschnitt. „Die Gefängnisse wurden geöffnet. Dann ging das mit den Plünderern los.“ Es gab immer frühere Ausgangssperren, am Ende war es drei Uhr mittags, sagt Sami. „Das Training wurde unterbrochen, keiner ging mehr arbeiten. Alle waren zuhause und haben aufgepasst.“ Einkaufszentren wurden geplündert, Häuser beschädigt, besonders das Zentrum der Stadt glich einem Schlachtfeld, erinnert er sich. „Mir war klar, dass sich das Chaos so schnell nicht legen wird.“ Und mit den jüngsten Ausschreitungen bei einem Fußballspiel in Port Said mit über 70 Toten sieht er seine Vorahnung bestätigt. Zwei Tage vor dem Sturz Mubaraks am 11. Februar flog der gebürtige Dortmunder in einem Linienflugzeug nach Deutschland.

Ägyptens Zukunft ist ungewiss

Sami (r.) mit einem Teamkollegen auf dem Trainingsplatz in Kairo. Im Hintergrund rechts: das Stadion von Entag El-Harby.

Sami (r.) mit einem Teamkollegen auf dem Trainingsplatz in Kairo. Im Hintergrund rechts: das Stadion von Entag El-Harby.

Zurück möchte er vorerst nicht. Die politische Zukunft sei ungewiss und der Wirtschaft gehe es schlecht – die Arbeitslosigkeit sei hoch. Profifußballer sei zudem sowieso ein unsicherer Beruf und ihm habe das Lernen gefehlt. Seine Kollegen aus der U21 sind mittlerweile alle ohne Vertrag, keiner hat es zu den Profis geschafft, berichtet Sami. Das liege an der Revolution.

Die Profi-Liga wurde unterbrochen und erst im April wieder fortgesetzt. Der Trainingsrückstand macht sich bemerkbar. Die Ägyptische Nationalmannschaft ist in diesem Jahr nicht beim Afrika-Cup dabei – und das als dreifacher Titelverteidiger. Auch El-Ahly kam in der afrikanischen Champions League, wo der Verein Rekordmeister ist, nicht über die Gruppenphase hinaus.

Sami Abu-El-Zahab studiert nun seit dem Wintersemester 2011/2012 Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Dortmund. Und nach seiner Zeit in Ägypten mit wertvollen kulturellen Erfahrungen wisse er auch den deutschen Lebensstandard sehr zu schätzen. Dazu hat er das Lernen wieder. Und im Sommer will er wieder Fußball spielen – in der Westfalenliga.