Meditation im Olivenbaum

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Dicke Bücher belasten den Rücken, im Kino zahlt man für Überlänge drauf. Zeit ist Geld – im wahrsten Sinne. Wofür also die knappe Freizeit verwenden? Wir lesen, spielen und schauen für euch – nach zwei Stunden hören wir auf. Entweder, weil wir fertig sind oder weil die Zeit um ist. In dieser Ausgabe machen wir uns die Hände ölig – beim Olivenernten in Portugal.

Gutes Olivenöl kaufen, geht ganz schön ins Geld. Für uns Studenten daher wenig attraktiv. Stattdessen finden sich die günstigeren Varianten der Supermärkte in unseren WG-Küchen. Nativ, erhitzt, oder doch kaltgepresst? Vermeintlich nicht so wichtig. Aber vor allem geschmacklich gibt es einen phänomenalen Unterschied bei gutem Öl. Um mein ganz persönliches Öl herzustellen, habe ich mich auf die Reise nach Portugal gemacht – zum Olivenernten. 

Schnelldurchlauf

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Hauptsache die Oliven landen im Netz. Foto: Binder-Köhrer

In Portugal ist es Ende November alles andere als warm. Die Olivenfarm meines Onkels liegt an der spanischen Grenze, auf der Höhe von Lissabon. Über Nacht gibt es Frost und wabernder Dunst steigt auf, bevor sich die Sonne dann aber doch durchsetzt. Zu fünft (mein Onkel, mein Vater, zwei Freunde der Familie und ich) machen wir uns mit dem Traktor auf den Weg in den Olivenhain. Hier steht in einigem Abstand ein Bäumchen neben dem anderen. Auch wenn viele dieser Bäume schon das Mittelalter erlebt haben, sind sie oft nicht höher als ein kleiner Apfelbaum. Jetzt gilt es, die Bäume mit den augenscheinlich meisten Oliven zu finden, um deren Stämme dann jeweils ein Netz gelegt wird. Darin sammeln sich alle herunterfallenden Oliven und lassen sich später leichter aufsammeln. Ich habe die Wahl zwischen einer Leiter für die äußeren Äste, oder das Klettern in das knorrige Innere der Bäume. Ob nun innen oder außen, Hauptsache man erreicht die olivenreichsten Äste.

Momentaufnahme

Ich habe mich an meine Kindheit erinnernd für das Klettern entschieden. Jetzt sitze ich also mitten in einem alten Olivenbaum. Es riecht herrlich nach frischen Oliven. Überall sind kleine, störrische Zweige, durch die ich mir den Weg zu den Früchten bahnen muss. Durch das hohe Alter der Bäume ist allerdings Vorsicht geboten. Zum einen sind die moosbewachsenen Äste durch den Tau sehr rutschig, und zum anderen kann ein Ast, obwohl er noch Früchte trägt, jederzeit dem Alter Tribut zollend, nachgeben.

Die Erntetechnik der Oliven ist ziemlich simpel: Ich halte mich mit der einen Hand irgendwo fest und streife so gründlich wie möglich und von oben nach unten die Oliven von den Zweigen. Diese wachsen erstaunlich willkürlich an den Ästen und sind je nach Reifegrad auch schwer abzustreifen. Mein Onkel erklärt mir: Es gibt zwar verschiedene Olivensorten (die Oliven zur Ölgewinnung sind erstaunlich klein; die Kerne geben das meiste Öl), jedoch hat das nur bedingt mit ihrer Farbe zu tun. Ob eine Olive grün oder schwarz ist, sagt lediglich etwas darüber aus, wie reif sie ist. Weil mir grüne Oliven besser schmecken, esse ich also regelmäßig unreife Früchte… Während mir diese Gedanken kommen, lasse ich mich dazu hinreißen, in eine dieser verlockenden und glänzenden Früchte zu beißen. Ein unglaublicher Fehler. Nie habe ich etwas vergleichbar bitteres gegessen. Die Bitterstoffe verschwinden erst nach wochenlangem Wässern.

Meditation

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Trotz der grünen Farbe, reif für die Presse. Foto: Binder-Köhrer

Nach etwa dem dritten Baum wird die Arbeit zur Routine. Die Abläufe spielen sich ein und während dem immer wiederkehrenden Klettern, Halt finden und Oliven-Abstreifen legt sich eine Art Meditation über mich. Die Gedanken verselbstständigen sich. Ein wunderbarer Zustand. Wieder kommt mir mein fatales Geschmackserlebnis von eben in den Sinn. Oliven müssen also mehrere Wochen gewässert werden, bis sie schließlich eingelegt werden können. Zum Glück ging es uns hauptsächlich um das Öl, das direkt aus den geernteten Oliven gepresst werden kann.  Aber was dachten sich die Menschen früher? „Oh diese Frucht ist nicht genießbar. Lass sie uns wochenlang in Wasser legen und danach mit Knoblauch und Kräutern abschmecken!“. Daraus ergeben sich weitere Gedankengänge dieser Art und verlieren sich in der inzwischen strahlenden Mittagssonne Portugals. 

Zeit um

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Zwei Erntehelfer im Baum. Der Autor links im Bild. Foto: Binder-Köhrer

Nach zwei Stunden ist es Zeit, die geernteten Oliven in Säcke einzupacken. Zwar erwischen wir dabei einige Blätter und Zweige, die aber später beim Waschen entfernt werden. Je sauberer die Oliven, desto geringer ist der Säuregrad, desto höher ist die Qualität des Öls. In den zwei Stunden haben wir zu fünft vier Säcke ernten können. Das macht ungefähr 70 – 80 Kilogramm Oliven. Keine schlechte Ausbeute. Leider kann ich mein eigenes Öl noch nicht mit nach Hause nehmen, da der Termin zum Pressen der Oliven erst nach unserer Abreise liegt. Die Termine zum Pressen kann man sich nur bedingt aussuchen. Aufgrund der hohen Nachfrage und Auslastung der Presse, werden die Termine einfach zugeteilt. Vielleicht auch besser so, denn: Olivenöl ist ähnlich, wie guter Käse. Es muss erst reifen und schmeckt frisch gepresst noch etwas zu aggressiv.

Insgesamt waren wir eine knappe Woche in Portugal, um meinem Onkel bei der Ernte zu helfen. 
Natürlich ist die Olivenernte eine sehr exotische Freizeitbeschäftigung, die weder in Deutschland, noch rund ums Jahr praktiziert werden kann. Aber der unmittelbare Kontakt zur Natur, die Ruhe, das sichtbare Ergebnis und die Zeit für Gedanken aller Art, lassen mich von zwei erfüllten Stunden sprechen. 

Teaserbild: Samuel Binder-Köhrer
Beitragsbild: Jasmin Assadsolimani 

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