Wenn die Erde nachgibt

Der einsturzgefährdete Stollen am Essener Hauptbahnhof sorgt weiter für Behinderungen im Bahnverkehr. Solche Bergschäden treten in Nordrhein-Westfalen immer wieder auf – und nicht nur das Ruhrgebiet ist betroffen. Pflichtlektüre hat eine Übersicht erstellt.

Januar 2000: Bei einem der größten sogenannten „Tagesbrüche“ im Ruhrgebiet verschwinden im Bochumer Stadtteil Wattenscheidt-Höntrop drei Garagen, ein Straßenstück und mehrere Autos im Boden. Auslöser sind Absenkungen in einem Förderschacht, der schon im Jahr 1905 stillgelegt worden war. Die Ausmaße des Kraters sind rekordverdächtig: Auf 500 Quadratmetern ist die Erde teilweise bis zu 15 Meter abgesunken. Die verbliebenen Hohlräume müssen mit 7500 Kubikmeter Beton verfüllt werden. „Außerdem haben wir damals umfangreiche Präventivmaßnahmen und Bohrungen im gesamten Stadtteil durchgeführt“, sagt Dietmar Oesterle, Dezernent für Altbergbau bei der Bezirksregierung Arnsberg. Kosten: rund 12 Millionen Mark. Sie werden auf den Bergbaukonzern VEBA AG abgewälzt, der wenig später von E.ON übernommen wird. Auch hier ist der Schienenverkehr betroffen: Die S1 kann wie im aktuellen Fall in Essen nur im Schritttempo durch Wattenscheidt fahren.

Februar 2004: Nicht nur das Ruhrgebiet ist von Bergschäden betroffen. „In ganz Nordrhein-Westfalen gibt es ungefähr 60.000 Tagesöffnungen, also Löcher im Boden“, sagt Dietmar Oesterle. Eine davon tut sich Anfang 2004 am Rosterberg in Siegen auf. Zunächst sind es nur ein paar Risse an Hauswänden. Nach ersten Bohrungen stürzt eine Kellerwand ein, bis Ende des Monats ist aus den Löchern ein 10 Meter breiter Tagesbruch geworden. Unter den Häusern befindet sich ein Erzbergwerk aus dem 17. Jahrhundert. Die Sicherungsmaßnahmen am Rosterberg kosten das Land NRW vier Millionen Euro.

April 2011: In Witten-Rüdinghausen wird ein Sportplatz gesperrt, weil er auf löchrigem Boden liegt. Die Bauarbeiten im Auftrag der Bezirksregierung dauern zwei Monate. Insgesamt werden 3000 Kubikmeter Beton in den Boden gepumpt.

Oktober 2011: In Mülheim an der Ruhr muss der U-Bahnhof Mühlenfeld gesperrt werden. „Im Bahnhof sind Fliesen von der Wand geplatzt. Die Stadt Mülheim hat dann Bohrungen durchgeführt und Hohlräume gefunden“, sagt Dietmar Oesterle von der Bezirksregierung. Monatelang fahren die Bahnen der Linie U18 ohne Halt durch den Bahnhof, bis die Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) und die Bezirksregierung die Risse in sechs Metern Tiefe verfüllt haben. Ursache ist vermutlich illegaler Bergbau – die Stollen können keinem Unternehmen zweifelsfrei zugeordnet werden. MVG und die Behörden bleiben auf den Kosten von fast zwei Millionen Euro sitzen.

Januar 2012: Auf der A45 bei Dortmund geht nichts mehr. Nachdem auf dem Mittelstreifen ein zwei Meter tiefes Loch entstanden ist, muss die Autobahn in beide Richtungen gesperrt werden. Ein altes Kohleflöz hat nachgegeben. Ob es noch mehr Hohlräume unter der Autobahn gibt, können die Behörden nur vermuten. Nach einer Woche sind 2600 Kubikmeter Zement verfüllt und die Autobahn wieder freigegeben. Die Kosten betragen rund eine Million Euro.

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Januar 2013: Neben einer Turnhalle in der Innenstadt von Hagen bricht direkt unter einem Fußgänger ein Loch auf. Der 20-Jährige sinkt zunächst bis zur Hüfte ein, doch das Loch vergrößert sich an den Rändern immer weiter. Am Ende ist der Krater acht Meter tief, der Mann bleibt unverletzt.

Essener Hauptbahnhof: 16 Meter unter den Gleisen befindet sich ein alter Stollen.

Essener Hauptbahnhof: 16 Meter unter den Gleisen befindet sich ein alter Stollen. Foto: Michael Kraemer /pixelio.de. Teaserbild: siepmannH / pixelio.de

Juli 2013: Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet von einem besonders brisanten Fall von Bergschäden im Ruhrgebiet. In Bergkamen ist über Jahre Giftmüll in alten Bergwerksstollen abgeladen worden. Zwischen 1991 und 2004 hat die RAG Deutsche Steinkohle AG nach eigenen Angaben in Bergkamen und Duisburg-Walsum 650.000 Tonnen Giftmüll unter die Erde gebracht. Und zwar völlig legal mit einer behördlichen Genehmigung. Dumm nur: Der Schacht in Bergkamen war möglicherweise nicht wasserdicht – im Jahr 2013 berichtet ein Landwirt über Austritte von verseuchtem Grundwasser auf einem seiner Felder. Messungen ergeben hohe Salzgehalte, auch Dioxin und Schwermetalle werden im Boden nachgewiesen. Die RAG bestreitet, dass der Giftmüll mit Grundwasser in Kontakt gekommen ist. Umweltverbände dagegen sprechen von einer „Zeitbombe“.

November 2013: Ausgerechnet an einem der Verkehrsknotenpunkte des Ruhrgebiets werden Hohlräume gefunden. Der Stollen liegt nur 16 Meter unter den Bahngleisen des Essener Hauptbahnhofs – verzeichnet war er nirgends. Wochenlang kommt es zu Behinderungen im Bahnverkehr. Fernzüge werden umgeleitet, Regional- und S-Bahnen dürfen nur im Schritttempo an der Gefahrenzone vorbeifahren. Spezialfirmen pumpen ein Gemisch aus Kalk und Sandstein in den Boden. Mittlerweile hat sich die Lage etwas entspannt: Auf fünf Gleisen rollen die Züge wieder im normalen Tempo, der Fernverkehr fährt Essen wieder an.

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