Gerechte Arbeitswelt? Die Illusion vom Mindestlohn

Seit einer gefühlten Ewigkeit diskutieren Politiker über den Mindestlohn. Jetzt steht er im Koalitionsvertrag. Ein Aufschrei der Freude bei den Arbeitnehmern. Denn „mehr Geld“ klingt natürlich gut – aber hinter die Fassade dieser Bevormundung schaut keiner.

Ein Kommentar von Johanna Daher.

Erst wollten die Arbeitnehmer mehr Lohn für ihre Arbeit, jetzt steht ihre Arbeit in Frage. (Betriebsrat.Mindestlohn von DIE LINKE.Super /flickr.com )

Erst wollten die Arbeitnehmer mehr Lohn für ihre Arbeit, jetzt steht ihre Arbeit in Frage. (Betriebsrat.Mindestlohn von DIE LINKE.Super /flickr.com. Teaserbild: Rainer Sturm/pixelio.de )

Bisher herrscht in Deutschland Tarifautonomie. Unternehmer und Mitarbeiter sind für die Regelung der Löhne selbst zuständig und der Staat hält sich raus. Und das funktioniert. Beispielsweise existiert in der Branche der Maler- und Lackierer bereits ein Mindestlohn von 9,90 Euro, und das für ungelernte Kräfte. Durch den flächendeckenden Mindestlohn des Staates sind solche eigenständigen und besseren Mindestlöhne jetzt schwerer durchzusetzen – die Tarifautonomie ist verletzt.

Und wo noch nicht die 8,50 Euro -Marke geknackt ist, stöhnen dagegen die Unternehmer auf: Durch die Mindestlöhne steigen die Personalkosten für den Arbeitgeber, weil er neue, höhere Gehälter zahlen muss. Kommt dafür aber nicht genug in die Kassen, werden zwangsläufig Arbeitsplätze gestrichen. Das trifft vor allem die Kleinen der Branche – und damit den Mittelstand, der doch als ach so schutzwürdig erachtet wird.

Ins Abseits geraten dann die Geringqualifizierten: Der Arbeitgeber achtet verstärkt auf Kompetenzen und Fertigkeiten seiner Angestellten, da er weniger einstellen kann. Hart gesagt: Der Arbeiter muss sein Geld auch „wert sein“. Und ohne Ausbildung fehlt es da häufig einfach an der nötigen Produktivität.

So könnte es auch vorkommen, dass Unternehmen gezwungen sind, ihre Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Zum Beispiel nach Osteuropa oder Asien, wo die Produktionskosten einfach billiger sind. Kleinere Unternehmen können darauf aber nicht ausweichen. Sie stecken in einer Misere und könnten dann die Schwarzarbeit als Ausweg nutzen, um den Mindestlohn zu umgehen. Die Leidtragenden sind die Arbeitnehmer.

Mindestlohn fördert hohe Preise

Die höheren Lohnkosten haben natürlich auch Einfluss auf die Preise. Denn die kann der Arbeitgeber anpassen, um die erhöhten Ausgaben für die Mitarbeiter auszugleichen.

Doch ergibt das wirklich Sinn? Zwei Szenarien:

Erstens: Das Unternehmen erhöht die Preise seiner Produkte, damit es die neuen Löhne bezahlen kann. Wenn die Kunden den neuen Preis nicht zahlen wollen, sinkt der Umsatz des Unternehmens anstatt zu steigen und noch mehr Arbeitsplätze sind gefährdet. Im Idealfall kaufen Kunden das Produkt weiterhin und das Unternehmen bekommt mehr Geld rein. Sie können die neuen Löhne zahlen, alles ist toll – aber seit wann nimmt der Kunde Preiserhöhungen einfach so hin? Der Idealfall ist nicht so realistisch.

Zweitens: Die Unternehmen wollen den Problemen des ersten Beispiels entgehen und verändern den Preis ihrer Produkte nicht. Stattdessen wollen sie mehr verkaufen als vorher, um die höheren Löhne zu bezahlen. Doch auch das ist nicht so einfach – Umsatzsteigerungen schafft kein Unternehmen von heute auf morgen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Mindestlohn bringt Arbeitslosigkeit, Verlagerung der Stellen ins Ausland, höhere Preise von Produkten oder sogar vermehrte Schwarzarbeit mit sich. Wirklich rosig hört sich das nicht an.

1 Comment

  • Waldemar sagt:

    Liebe Johanna,

    Leider muss ich dir und deinem Kommentar zutiefst widersprechen. Ich möchte auch nicht wagen, dass ich vielleicht durch meine politische Färbung beeinflusst bin. Dennoch möchte ich deine Argumente sachlich zerpflücken.

    Seit langem die Gewerkschaften, seit einigen Jahren selbst Wissenschaftler neoliberaler Ideologie – sie warnen vor der Armutsschere: Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher, beziehungsweise: Die Reichen werden auf Kosten der Armen reicher – wie bei Robin Hood – nur Umgekehrt.

    Die Frage ist eigentlich nicht, ob man den Mindestlohn will, oder wie hoch dieser ist, sondern: In wie weit soll der Staat den Wohlstand einiger weniger fördern, indem niedrige Lohnkosten (in Form von Aufstockung des Monatsgehalts eines Vollzeitbeschäftigten auf das Existenzminimum), Rabatt auf Sozialabgaben (Minijob), usw., vergesetzlicht werden, und dabei die möglichen Risiken und Folgen einfach auf Später verschoben werden.

    Ob ein Arbeitnehmer sein Entgelt wert ist, ist nachrangig, denn heutzutage hat ein Preis nichts mehr zu tun mit dem Wert eines Produkts. Und damit meine ich nicht nur die spekulative Bepreisung von Wertpapieren, sondern auch alltägliche Produkte und Dienstleistungen. Beispielsweise möchte ich den Haarschnitt für 8€ nennen, den manche Friseure nehmen.

    Dass Lohnkosten zu einem höheren Preis führen, ist klar, aber leider vergisst du dabei, dass die Geldschöpfung und Vermehrung von Geld (ob man es gut findet oder nicht) der Grundstein unserer Wirtschaftsordnung ist. Somit wird natürlich alles immer teuerer, aber dem folgen natürlich Gehalts-, Bafög- und Sozialleistungs-erhöhung. Auch wird der Mindestlohn irgendwann natürlich steigen.

    Dass in manchen Unternehmen, die strukturell die oben genannten „versteckten Subventionen“ einstreichen, beispielsweise ein Call-Center, welches neben Minijobbern auch einige Vollzeitaufstocker beschäftigt, die Wirtschaftlichkeit bedroht ist, ist gut. Der Mindestlohn verhindert in genau solchen Fälle Bereicherung auf Kosten von Geringqualifizierten.

    Ich habe natürlich noch viele Argumente, von sozial-gesellschaftlichen bis hin zu volkswirtschaftlich-ökonometrischen Gründen, die ich lästigst und haarklein ausformulieren könnte, das würde den Rahmen sprengen. Aber ich habe eine Idee für ein weiteres Szenario:

    Drittens: Diejenigen Unternehmer, die ihren Wohlstand unter anderem „durch Kosteneffizienz“, wie heutzutage die billigen Arbeitskräfte auch umschreiben werden, honorieren diese. Dadurch haben die Unternehmen immernoch viel viel Kohle, und diejenigen, die diesen Mehrwert verdienen, haben genug zum Leben.

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