Postcrossing: Kultureller Austausch auf 155cm²

Postkarten und Urlaub – zwei Dinge, die untrennbar miteinander verbunden sind. Die analogen Kurznachrichten erfüllen meistens den Zweck, daheimgebliebene Freunde und Familie neidisch zu machen. Nicht so bei Jennifer aus Bochum, auf ihren Postkarten sind keine Informationen über das Wetter zu finden. Denn für sie sind Postkarten ein Hobby, genau wie für viele andere sogenannte „Postcrosser“ auf der ganzen Welt. Die Postkarten-Fans mögen diese Art der Kommunikation und teilen so kleine Ausschnitte ihres Lebens mit anderen.

Jennifer geht immer zuerst zum Briefkasten, wenn sie nach der Uni nach Hause kommt. Fast jeden Tag bekommt die 21-jährige Biologie-Studentin aus Bochum Post. Aber während andere dort hauptsächlich Rechnungen und Werbung finden, warten auf sie Postkarten aus aller Welt: Russland, China, Indien… und das, obwohl sie in diesen Ländern noch nicht einmal jemanden persönlich kennt. Jennifer ist Postcrosserin. „Es gehört irgendwann zum Alltag, dass man zum Briefkasten geht und Postkarten herausholt.“ Und so ist die vierte Klappe von unten wahrscheinlich die, die der Postbote am häufigsten benutzt, wenn er vor dem Haus steht, in dem Jennifer wohnt.

 

Was ist Postcrossing?

Die meisten Postkarten bekommt Jennifer natürlich aus Ländern, in denen es auch viele Postcrosser gibt. Aber auch Karten aus kleineren Ländern lagen schon in ihrem Briefkasten, zum Beispiel aus Costa Rica, Äthiopien und Montenegro. „Ich fände es super interessant, wie eine Postkarte aus Nordkorea aussehen würde, aber das ist wohl ein Wunschtraum“, sagt Jennifer. Besonders freut sie sich auch über Karten aus Neuseeland, da möchte sie unbedingt mal hinreisen.  

Länder, aus denen Jennifer bisher Karten bekommen hat:

Sie selbst schreibt durchschnittlich eine Postkarte am Tag, manchmal aber auch mehr. Dafür bestellt sie jeden Monat Briefmarken im Wert von 30 Euro. Diese Dimensionen hatte Jennifers Hobby nicht immer. Mit ihrer Leidenschaft angefangen hat sie im Alter von 16 Jahren. Damals war sie in einem Internet-Forum auf das Projekt Postcrossing gestoßen. „Das wollte ich ausprobieren. Erst hatte ich dann einen kleinen Stapel Karten, der von einem Gummiband zusammengehalten wurde. Mittlerweile ist es ein großer Schuhkarton.“ Als die Postkarten langsam mehr wurden, hat sie noch in einem Haus mit langer Einfahrt gewohnt und ist dem Briefträger manchmal entgegen gegangen. Insgesamt hat sie bisher über 1.500 Postkarten empfangen und genauso viele geschrieben. Ihre gesendeten Karten haben dabei eine Strecke von über 112 Erdumrundungen zurückgelegt.

Warum Jennifer an Fremde schreibt – und was die ihr schreiben

Zu Beginn wollte Jennifer Postkarten aus fernen Ländern bekommen, mittlerweile hat sie vor allem Spaß am Schreiben und Verzieren. Wie viel Zeit sie sich dafür nimmt, hängt auch vom Profil des Empfängers ab. Dieses kann sie der Community-Plattform entnehmen. Der erste Satz ist immer gleich, da stellt Jennifer sich vor. „Aber der Rest ist persönlich. Je nachdem, was der andere mag, was er über Familie, Freunde und Hobbies erzählt. Und vielleicht ist das manchmal auch eine Art Tagebuch-Ersatz für mich.“ Auch die anderen Postcrosser geben sich meistens Mühe bei den Karten, die sie Jennifer schicken. Sie hat in ihrem Profil angegeben, dass sie in Bochum Biologie studiert und sich sehr für Tiere interessiert. Deshalb bekommt sie oft Postkarten, auf denen welche abgebildet sind – manchmal sogar mit anatomischen Bezeichnungen oder Informationen zu den Arten, die in den fremden Ländern heimisch sind.

Aber auch sonst lernt sie viele Dinge, über die sie sonst nie nachgedacht hätte. „In manchen Ländern darf man den Namen des Empfängers nicht rot schreiben, weil das heißen würde, dass man ihm den Tod wünscht.“ Jennifer weiß nun, wie eine Hochzeitsvorbereitung in Moldavien abläuft und wie Griechen die Euro-Krise empfunden haben. Sie ist wesentlich besser darin geworden, Schriften zu entziffern und hat dabei eine Art Trend entdeckt: „Menschen aus asiatischen Ländern haben eher eine feine Schrift, auch Russen haben eine bestimmte Art zu schreiben, eher eckig, und die Niederländer schreiben eher rundlich.“ Auch tschechische Karten erkenne sie sofort, die hätten ein ganz spezielles Design.

Die Suche nach der perfekten Postkarte

Dass die Postkarten einen doch stark begrenzten Platz für Informationen haben und die Kommunikation meist einmalig ist, macht für Jennifer auch einen Reiz am Postcrossing aus. Denn so tritt sie mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt. „Mit den meisten hätte man sonst nie etwas zu tun. Und mit den Postkarten hält man wirklich etwas in der Hand, im Gegensatz zur Kommunikation im Internet.“ Aber auch längerfristige Kontakte können über Postcrossing entstehen, viele haben auf ihrem Profil angegeben, dass sie auch nach Brieffreunden suchen. Jennifer selbst hat recht schnell einen in New York gefunden.

Ihre Freunde und Familie hätten sie am Anfang für verrückt gehalten, mittlerweile hätten sie sich an ihr außergewöhnliches Hobby gewöhnt – und unterstützen sie dabei. „Meine Mutter hat mir letztens von der Nordsee ganz viele Leuchtturm-Postkarten mitgebracht.“ Ansonsten findet Jennifer ihre Karten preiswert im Internet oder auch in speziellen Postkarten-Geschäften. „Es gibt viel mehr Motive als man erwartet.“ Sie sieht es als Herausforderung, besonders schöne, ausgefallene und für den Empfänger passende zu finden. Sie kauft mal hier eine, mal da eine. Postcrossing gehört für Jennifer mittlerweile zu ihrem Alltag: „Das würde mir schon ziemlich fehlen.“

Titelbild und Beitragsbilder: Anne Palka, Postcrossing-Logo: postcrossing.com