Der SPD laufen die Stammwähler weg

Die Politik im Ruhrgebiet war schon immer so rot, wie Kohle schwarz ist. Doch der Abstand zur Konkurrenz wird für die SPD immer geringer. Der ehemaligen Arbeiterpartei laufen die jungen Wähler davon, frühere Stamm-Regionen gehen an die Herausforderer, sagt Jörg Bogumil. Er ist Professor für Regionalpolitik an der Ruhr-Uni Bochum.

Der Oberbürgermeister in Dortmund wurde bisher immer von der SPD gestellt. Auch in den meisten anderen Städten im Ruhrgebiet fahren die Sozialdemokraten bei den Wahlen jedes Mal gute Ergebnisse ein. Im NRW-Durchschnitt sieht das anders aus: Hier hat die CDU deutlich mehr Stimmen als die SPD. Aber auch im Ruhrgebiet wird es für die Sozialdemokraten enger: Die Dortmunder sind am Sonntag, 15. Juni, noch einmal zur Wahl aufgerufen. Der Oberbürgermeister muss in einer Stichwahl bestimmt werden. Bei der ersten Wahl hatte es für Amtsinhaber Ulrich Sierau von der SPD nicht zur absoluten Mehrheit gereicht.Wir haben mit Prof. Jörg Bogumil, Inhaber des Lehrstuhls für Regionalpolitik an der Ruhr-Uni Bochum, über Stammwähler im Ruhrgebiet und Konkurrenz für die SPD gesprochen.

Bei der Ratswahl in Dortmund holte die SPD die meisten Stimmen. Quelle: Stadt Dortmund

Bei der Ratswahl in Dortmund holte die SPD die meisten Stimmen. Quelle: Stadt Dortmund / Teaserbild: Tim Reckmann / pixelio.de

Herr Bogumil, ist das Ruhrgebiet auch heute noch eine Hochburg der SPD?
Insgesamt kann man das so sagen, aber auch die Hochburgen sind kleiner geworden. Die beiden Volksparteien haben Stimmen verloren. Die Zeiten in denen die SPD über 50% hatte, sind schon lange vorbei. Seitdem es die Grünen gibt, hat die SPD größere Probleme. In den letzten Jahren verstärkt sich das auch durch die Linke. Das Kommunalwahlergebnis 2009 war schon sehr schlecht. Bei der diesjährigen Wahl hat die SPD landesweit 1,2% hinzugewonnen. Das ist aus meiner Sicht aber kein großer Erfolg, eher eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Das wirkt sich auch im Ruhrgebiet aus. Man muss aber zwischen den Ruhrgebietsstädten unterscheiden. Hier sieht man lokale Unterschiede. Während die SPD in Dortmund etwa fünf Prozent verloren hat, ist sie in Gelsenkirchen stabil geblieben.

Geht denn der Trend der SPD im Ruhrgebiet ins Minus?
Den Trend hat sie seit 20 Jahren. Ihre Ergebnisse werden im Großen und Ganzen schlechter. Das hat mit der beschriebenen Konkurrenz zu tun. Bei Kommunalwahlen kommt durch die fehlende 5-Prozent-Hürde noch weitere Konkurrenz aus dem linken Bereich hinzu.

Hat sich die SPD also zu lange ausgeruht auf guten Wahlergebnissen?
Das glaube ich nicht. Möglicherweise hat sie Ende der 1970er/Anfang der 1980er das mit den Grünen unterschätzt. Aber vor allem ihr klassisches Potenzial ist nicht mehr so stark wie früher. Es gibt nicht mehr die eine Stammwählerschaft. Die Arbeiterschaft hat sich schon lange ausdifferenziert. Das ist schon seit einiger Zeit eine schwierige Angelegenheit für die SPD.

Ist dieses Stammwähler-Denken in der jüngeren Generation nicht mehr so verankert?
Die Gesellschaft hat sich verändert. Es ist für die SPD jetzt nicht mehr automatisch der Fall, dass sie hier im Ruhrgebiet gewählt wird. Das ist auch stadtteilspezifisch. In Stadtteilen, in denen viele Studenten, junge Leute wohnen, sind die Grünen stärker geworden. Die SPD ist strukturell überaltert.

Also kamen die vielen Wähler der SPD vor allem aus dem Arbeitermilieu?
Ja, das ist eindeutig sozialstrukturell. Wir hatten hier im Ruhrgebiet die großen Stahlwerke und den Bergbau. Das war ganz klassisches Stammwählerpotenzial der SPD. Je weiter man in den Norden des Ruhrgebiets geht, wo der Strukturwandel noch nicht abgeschlossen ist, desto besser ist heute noch das Ergebnis für die SPD.

In Dortmund und Bochum wurde der Oberbürgermeister bisher immer von der SPD gestellt. Hat ein Herausforderer überhaupt eine Chance?
Nein, der Abstand ist zu groß. In Dortmund lagen zwischen dem SPD- und CDU-Kandidaten jetzt 12 Prozent. Der Kandidat der Grünen hatte 11 Prozent. Die Wähler der Grünen-Kandidatin werden in der Stichwahl nicht alle auf die CDU-Kandidatin gehen.

Jörg Bogumil ist ander Ruhr-Uni Bochum Professor für Stadt- und Regionalpolitik. Foto: Tobias Lawatzki

Jörg Bogumil ist an der Ruhr-Uni Bochum Professor für Stadt- und Regionalpolitik. Foto: Tobias Lawatzki

Was müsste ein CDU-Kandidat mitbringen, damit er an den sozialdemokratischen Konkurrenten herankommen kann?
Ein schönes Beispiel, wie man es „versauen“ kann, ist Hagen. Das war immer eine SPD-Stadt. Aber die SPD hat einen dramatischen Fehler gemacht: Es gibt dieses Jahr einen gemeinsamen Kandidaten von CDU, FDP und Grünen, der gegen den Traditions-Kandidaten der SPD antritt. Der liegt 13 Prozentpunkte vorn und wird die Stichwahl wohl gewinnen. Die SPD hatte keinen attraktiven Kandidaten, die anderen Parteien haben sich auf einen geeinigt und dann kann man solch eine Tradition auch durchbrechen. In Essen gab es auch schon öfters einen Oberbürgermeister der CDU. Man kann das nicht pauschal sagen, da bei der Oberbürgermeisterwahl oft nach der Person und nicht nach der Partei entschieden wird.

Ein weiteres Ergebnis der Kommunalwahlen: NPD und die Rechte haben in Dortmund jeweils einen Sitz im Stadtrat geholt. Pro NRW in Duisburg sogar vier. Zeichnet sich ein großer Stimmenzugewinn für rechte Parteien ab?
Nein, so kann man das nicht sagen. Im landesweiten Durchschnitt kommen die rechtsextremen Parteien wie NPD, Republikaner, die Rechte und Pro NRW zusammen auf einen Prozent. In einzelnen Kommunen kommen die durchaus auf fünf Prozent, aber man muss auf den landesweiten Wert gucken. Und das ist wenig. Das hatten wir früher immer. Da kommt es immer schnell zu einer Aufgeregtheit und nach der Wahl vergisst man es wieder. Ich sehe da empirisch jedenfalls keinen Trend.

2 Comments

  • Bettina sagt:

    Zwei Ergänzungen zum Thema Hagen:
    1. Der aktuelle Bürgermeister Jörg Dehm ist von der CDU. Die Tradition wurde also schon bei der letzten Wahl durchbrochen, weil die SPD auch damals keinen geeigneten Kandidaten hatte.
    2. Der „überparteiliche“ Kandidat für die aktuelle Wahl, Erik Schulz, war 24 Jahre lang in der SPD und ist ausgetreten, weil man ihn zum zweiten Mal nicht aufstellen wollte, obwohl schon die letzte Wahl mit einem zu alten und wenig professionellen Kandidaten verloren wurde.

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