Eine Nacht im Röhrenhotel

Im Internet gibt es ein einzigartiges Übernachtungserlebnis in einem Kanalrohr zu buchen. Das Dasparkhotel in Bottrop ist seit Mai geöffnet und pflichtlektüre-Reporterin Yvonne Grote-Kus hat sich zum Probeschlafen eingemietet. Ihre spannnende Nacht im Protokoll:

Das Parkhotel liegt auf dem Gelände des ehemaligen Klärwerks in Bottrop Ebel. Foto: Yvonne Grote-Kus

Das Dasparkhotel liegt auf dem Gelände des ehemaligen Klärwerks in Bottrop Ebel. Foto: Yvonne Grote-Kus

18:30 Uhr: Mission Kanalrohr beginnt

6911 – das ist mein persönlicher Zugangscode zum Abenteuer Kanalrohr-Hotel. Den Code habe ich nach der Buchung per Mail erhalten. Jetzt stehe ich vor Suite Nummer 1 im Bernepark in Bottrop und tippe die Zahlen in die Tastatur, die aussieht wie bei einem Geldautomaten. Mit einem Klacken springt die runde Tür auf zu einem einzigartigen Erlebnis.

Die Tür der Suite wird mit einem persönlichen Zahlencode geöffnet, den man nach der Buchung per Email bekommt. Foto: Simone Danisch

Die Tür der Suite wird mit einem persönlichen Zahlencode geöffnet, der bis zum nächsten Tag um 11:59 Uhr gültig ist. Foto: Simone Danisch

Das Dasparkhotel ist das einzige Kanalrohr-Hotel in ganz Deutschland und erst vor wenigen Wochen eröffnet worden. Das Konzept kommt von dem österreichischen Künstler Andreas Strauss, der das erste Kanalrohr-Hotel der Welt in Ottensheim, in der Nähe von Linz, bereits 2006 eröffnet hat. Im Zuge der Renaturierung des Klärwerks in Bottrop Ebel ist es nun auch nach NRW gekommen.

5 Kanalrohr-Suiten gibt es auf dem Gelände des alten Klärwerks. Neugierig betrete ich meine Suite. Zwei Meter Durchmesser hat das graue Betonrohr und ist 2,60 Meter lang. Ich mache zwei Schritte durch die Tür und stehe direkt vor dem Bett. Das Doppelbett geht fast über die ganze Breite des Rohrs, bis auf eine kleine Ablagefläche mit Stauraum. Zwei Grasgrüne Kissen liegen bereit und dazu zwei dünne Schlafsäcke aus Betttüchern genäht, zusätzlich noch zwei warme Decken. Und fast wie in einem richtigen Hotel, gibt’s zur Begrüßung eine kleine Tafel Schokolade auf der Decke. Alles hübsch arrangiert und sehr sauber.

19:03 Uhr: Inspektion des Geländes

Schnell meinen Rucksack auspacken und die Taschen neben dem Bett in der Ablage verstauen. Denn ich will mir erstmal das restliche Gelände ansehen. Neben dem Begrüßungsbrief mit Notfallrufnummer für alle Fälle, liegt der Schlüssel für den Bad-Container. Duschen und Toilette sind ein paar Meter entfernt in einem kleinen Wäldchen.

Anstatt einem kleinen Toilettenhäuschen, gibt es einen großen Container mit separatem Duscheraum. Foto: Yvonne Grote-Kus

Anstatt einem kleinen Toilettenhäuschen, gibt es einen großen Container mit separatem Duschraum. Foto: Yvonne Grote-Kus

Ich erwarte eigentlich so etwas wie ein Dixie-Klo, umso überraschter bin ich, als ich vor einem leuchtend blauen Baucontainer aus Metall stehe. Es gibt nach Geschlechtern getrennte Räume, die Türen sind abgeschlossen. Ich betrete den Container und muss feststellen, dass es sogar eine fest installierte Toilette gibt – einziger Nachteil: Das Toilettenpapier ist leer.

Ich gehe erstmal zurück in Richtung Kanalrohre. Das hier mal ein Klärwerk war, erkennt man auf den ersten Blick. Das ehemalige Klärbecken wurde allerdings zurückgebaut und mit vielen bunten Blumen bepflanzt. Dazwischen gibt es Bänke auf denen man die Abendsonne genießen kann. Der Duft der Pflanzen wird allerdings je nach Windrichtung durch den süßlichen Geruch von Abwasser überlagert. Neben dem Gelände fließt Abwasser in einem offenen Kanal in die Emscher.

20:01 Uhr: Die Neugierde ist groß in Bottrop

So langsam knurrt mir der Magen. Im ehemaligen Maschinenhaus des Klärwerks gibt es jetzt ein Restaurant. Sehr edel sieht esda drin aus: mit bordeauxfarbenen Tischdecken und weißen Stoffservietten. Ein Haupgericht gibt’s hier für jenseits der zehn Euro, die Currywurst mit Pommes dafür schon für 4,50 €, was dann doch eher meinem Studentengeldbeutel entspricht. Ich entscheide mich allerdings doch dafür, mich auf den Weg zum knapp ein Kilometer entfernten Einkaufscenter mit  Fastfoodrestaurant und Supermarkt zu machen. Schließlich muss ich ja auch noch irgendwo Toilettenpapier auftreiben.

Für zwei Leute bietet die Kanalrohr-Suite ausreichend Platz, um es sich gemütlich zu machen. Foto: Simone Danisch

Für zwei Leute bietet die Kanalrohr-Suite ausreichend Platz, um es sich gemütlich zu machen. Foto: Simone Danisch

Zurück an meiner Suite, ich tippe gerade den Zahlencode für die Tür ein, als eine Gruppe Rentner hinter mir auftaucht und mit neugierig über die Schulter schaut. Sie würden gerne mal einen Blick in das Kanalrohr werfen, erklären sie. Und dann weiter, dass sie von dem Hotel in der Lokalzeitung gelesen haben und gespannt sind, wie es aussieht. Die Rentner bleiben nicht die einzigen Neugierigen. Während ich bei offener Tür auf dem Bett meiner Suite sitze und den Sonnenuntergang genieße, kommt ein Ehepaar aus Bottrop auf seinem Abendspaziergang vorbei. Auch sie wagen einen Blick in mein Abwasserrohr. „Wir sind zwar hier aus Bottrop, aber wir wollen mal mit den Kindern eine Radtour machen und dann auch hier übernachten. Das ist bestimmt ein schönes Abenteuer für die Kinder,“ erzählt die Frau, während sie sich interessiert in der Suite umsieht. Wenn die Familie Glück hat, bekommt sie diesen Sommer noch einen Platz im Röhrenhotel. Für die nächsten drei Wochen sieht es erstmal schlecht aus. An einzelnen Tagen ist noch eine Suite frei, aber zum größten Teil ist das Kanalrohr-Hotel schon ausgebucht.

22:32 Uhr: Schlafenszeit

So langsam wird es Zeit sich in die Kanalrohrsuite zurückzuziehen. Ich schließe die Tür und mache es mir gemütlich. Die kleine Nachttischlampe eines schwedischen Möbelhauses bringt warmes Licht in das Kanalrohr – dank Stromanschluss. So viel Luxus darf dann schon sein in dem Betonrohr. Zwei Steckplätze sind noch frei in der Mehrfachsteckdose, so dass man problemslos sein Handy aufladen und parallel mit dem Netbook im Internet surfen kann.

Durch das Bullauge im Kanalrohr ist man nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten. Foto: Yvonne Grote-Kus

Durch das Bullauge im Kanalrohr ist man nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten. Foto: Yvonne Grote-Kus

Nach meinem kleinen Nachtimbiss – der Begrüßungsschokolade – kuschel ich mich in eine der warmen Decken. Es waren zwar 23 Grad den Tag über, aber für den dünnen Schlafsack ist es im Betonrohr dann doch noch zu kalt.

03:30 Uhr: kalt und laut

Mittlerweile ist es so kalt in der Röhre geworden, dass ich mir eine zweite Decke nehmen muss. Jetzt bin ich froh, dass ich doch noch meinen Hausanzug aus Fleece eingepackt habe.
Geschlafen habe ich bisher nicht wirklich, eher etwas gedöst und im Dämmerzustand die vorbeifahrenden Güterzüge gezählt – in den letzten fünf Stunden waren es 20. Mit einem lauten Rattern und teils quietschenden Bremsen fahren sie direkt hinter dem Bernepark vorbei und übertönen das monotone einschläfernde Rauschen der nahen A42. Ohrenstöpsel, die könnte ich jetzt gebrauchen.

08:06 Uhr: Zeit fürs Bad

Der Duschraum bietet alles was man braucht und ist luxuriöser als auf so manchem Campingplatz. Foto: Simone Danisch

Der Duschraum bietet alles was man braucht und ist luxuriöser als auf so manchem Campingplatz. Foto: Simone Danisch

Irgendwann muss ich dann doch noch eingeschlafen sein. Ich wache erst auf, als die Sonne durch das runde Plexiglasfenster oben in der Röhre scheint. Im Halbschlaf mache ich mich auf zum Bad-Container. An der Toilettenkabine vorbei, in einem separaten Raum ist eine Dusche mit Heißwasserboiler und ein kleines Waschbecken mit Spiegel. Alles sehr sauber und das Wasser ist wirklich heiß. Die Tür kann man separat abschließen, das gibt ein Gefühl der Sicherheit. Aber von den anderen Gästen sehe ich an diesem Morgen sowieso noch niemanden. Laut Internet sollen bis auf eine Suite allen Röhren ausgebucht sein. Als ich am Abend angekommen bin, war schon ein junges Pärchen in Suite Nummer 5 eingezogen, aber seitdem hat man nichts mehr von ihnen gesehen.

Nach der heißen Dusche brauche ich ertsmal einen Kaffee. Das Restaurant hat leider noch geschlossen und macht erst wieder um 11 Uhr auf. Also packe ich meine Sachen zusammen und zahle die Rechung. Im parkhotel zahlt jeder Gast nach dem „Pay-As-You-Wish“ – Prinzip. Das heißt, jeder darf so viel bezahlen wie er kann und so viel wie es ihm wert war. Das Geld steckt man einfach in einen Briefumschlag, der bei den Begrüßungsunterlagen in der Röhre liegt. Gewinn wird mit dem Hotel nicht erzielt. Die Betreiber, die Emschergenossenschaft und die GAFÖG, sorgen mit dem Übernachtungsgeld der Gäste dafür, dass die Suiten gereinigt werden und alles in Stand bleibt.

Zum letzten Mal schließe ich die Tür zum Kanalrohr hinter mir und mache mich auf in Richtung Schnellrestaurant und Kaffee. Und bestimmt komme ich irgendwann nochmal wieder in das Kanalrohr-Hotel, denn ein nettes Abenteuer war es schon. Nächstes Mal nehme ich mir allerdings Ohrenstöpsel mit.