Vom Klassenraum in den Hörsaal

Mit seinen 17 Jahren ist Arthur Dziuba den meisten Altersgenossen schon ein Stück enteilt auf dem Bildungsweg. Als Schülerstudent besucht er seit diesem Semester eine Germanistik-Vorlesung an der TU Dortmund – und ist bei weitem nicht der einzige Abiturient in spe, der sich im Hörsaal tummelt.

Gerade pauken 81 000 Abiturienten in Nordrhein-Westfalen für die mündlichen Abiturprüfungen. Bis Arthur Dziuba vom Dortmunder Helene-Lange-Gymnasium so weit ist, vergehen noch zwei Jahre. Der 17-Jährige geht in die elfte Stufe. Dennoch ist er den meisten Abiturienten einen Schritt voraus. Seit diesem Sommersemester besucht Arthur nämlich eine Vorlesung an der TU Dortmund – und liegt damit voll im Trend.

Schülerstudent Arthur Dziuba

Mit 17 im Hörsaal: Arthur Dziuba aus Dortmund ist einer von gut 250 Schülerstudenten an den Unis im Ruhrgebiet.

Nachdem im Herbst 2003 zum ersten Mal offiziell Schüler im Hörsaal Platz genommen hatten, knackte die Uni im vergangenen Wintersemester die 1000-Teilnehmer-Marke. „Diesmal haben wir 80 Anmeldungen“, sagt Dr. Irene Szymanski, die an der TU Dortmund für die Schülerstudenten zuständig ist. Der Rückgang um 60 Teilnehmer sei jedoch nicht so aussagekräftig, da viele Vorlesungen im Sommer nicht angeboten würden.

Während seine Stufenkollegen donnerstags zwei Stunden Deutsch und eine Musik hinter sich bringen müssen, sitzt Arthur von 10 bis 14 Uhr in der Emil-Figge 50 – und lauscht der Einführung in die Literaturwissenschaft. „Am nächsten Tag frage ich dann nach, was wir in der Schule gemacht haben“, sagt Arthur. Bislang sei das kein Problem gewesen. Zumal seine Deutschlehrerin ihn voll unterstützt. Schließlich hat er es ihrem Vorschlag zu verdanken, dass statt eingängiger Klassenraumlektüre nun Hermeneutik und Empirie auf dem Lehrplan stehen.

Auch von Seiten der Uni könne er sich nicht über mangelnde Unterstützung beklagen, erzählt Arthur: „Letzte Woche hat mich der Dozent nach der Vorlesung gefragt, ob ich mitkomme und alles verstehe.“ Dabei ist in den ersten Vorlesungen zunächst niemandem aufgefallen, dass sich unter rund 60 Studenten ein 17-Jähriger tummelt. Arthur wiederum ging davon aus, er würde nur mit anderen Schülerstudenten im Raum sitzen. Mittlerweile sind alle Unklarheiten beseitigt. Akademisches Viertel, Matrikelnummern, Leistungsnachweise – Arthur weiß Bescheid.

Schülerstudenten sind inzwischen an allen Hochschulen im Ruhrgebiet etabliert. In Bochum können Schüler seit mehr als sieben Jahren ihre Unilaufbahn beginnen, bevor das Abitur überhaupt in der Tasche ist. „Sie wollen sich einerseits orientieren“, sagt Dr. Heike Hunneshagen von der Ruhr-Universität Bochum. „Andererseits sind sie aber schon auf die ersten Scheine aus.“ An der RUB sind alle Fakultäten offen für Schülerstudenten. In Dortmund ist das beispielsweise in der Journalistik anders. An der Uni Duisburg-Essen (UDE) sind Medizin-Vorlesungen nicht zugänglich für die „Juniorstudenten“.

„Der Trend ist steigend“, meint auch Dr. Verena Wockenfuß von der UDE. Demnach liegen die Schwerpunkte in den Naturwissenschaften. Ein Informatik-Student, der gerade seine Reifeprüfung am Gymnasium ablegt, könnte bereits im Sommer seinen Bachelor in der Tasche haben. „Viele haben schlichtweg Langeweile im Schulunterricht“, so Wockenfuß. Das bestätigt Irene Szymanski: „Viele begabte Jugendliche fühlen sich unterfordert in der Schule. Sie sagen, es ginge im Stoff meist erst weiter, wenn jeder alls verstanden habe.“

Dass die jeweiligen Hochschulen vorwiegend Schüler aus dem Stadtgebiet anziehen ist jedoch nicht der Fall. Schwerte oder Lüdenscheid – einige nehmen weite Wege nach Dortmund auf sich. Ähnlich sieht es in Bochum aus. „Derzeit nehmen 117 Schulen aus 33 Städten teil“, sagt Heike Hunneshagen von der RUB, die fürs laufende Semester rund 140 Anmeldungen verzeichnete. Zusammen mit den 80 aus Dortmund sowie gut 30 aus Duisburg und Essen macht das im Ruhrgebiet mehr als 250 Schülerstudenten.

Die ganz große Scheinejagd hat für Arthur jedoch noch nicht begonnen. Er wird zwar eine Klausur schreiben und sie hoffentlich bestehen. Sein Wunschfach fürs spätere Studium steht aber noch nicht fest. Nächstes Jahr vielleicht ein wenig Sprachwissenschaften, dann mal weitersehen, so der Plan. Gerade hat er sich in der Bibliothek angemeldet, der nächste Schritt zum richtigen Studenten. Und bis dahin bleibt die Schüleruni, solange es passt mit dem Stundenplan, eben eine willkommene Ergänzung zum Schulunterricht – also in etwa Deutsch Klasse 14.

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