Nachtwächter – Auf mittelalterlichen Spuren

Mittelalter in Dortmund? Von dieser Blütezeit der Stadt, die damals noch Tremonia hieß, können heute nur noch wenige erzählen. Neben Stadtarchiv-Leiter Thomas Schilp ist es vor allem ein ganz besonderer Mensch der Nacht, der mehr über die Zeit zu erzählen weiß: Klemens Heinrich. Als neuzeitlicher Nachtwächter führt er regelmäßig Besucher durch Dortmund. Was er dann so berichtet? Mehr über drei Schauplätze der florierenden, mittelalterlichen Stadt könnt ihr hier erfahren – in einer Top 3 der spannendsten, noch erlebbaren, Orte des Mittelalters.

Platz 3: Der Adlerturm – Teil des Bollwerks um Dortmund

Der Adlerturm, einer von 14 Wachtürmen in der alten Stadtbefestigung Dortmunds. In den achtziger Jahren wurde der Sockel bei Straßenarbeiten ausgegraben - auf das Original-Fundament wurde eine Rekonstruktion des mittelalterlichen Wachpostens gesetzt. Fotos: Johannes Mohren/ Teaserbild: Stadtarchiv Dortmund

Der Adlerturm, einer von 14 Wachtürmen in der alten Stadtbefestigung Dortmunds. In den achtziger Jahren wurde der Sockel bei Straßenarbeiten ausgegraben – auf das Original-Fundament wurde eine Rekonstruktion des mittelalterlichen Wachpostens gesetzt. Fotos: Johannes Mohren/ Teaserbild: Stadtarchiv Dortmund

Sie war der Schutzwall um das stolze, mittelalterliche Dortmund und verlief ungefähr dort, wo heute auf dem Wallring der Verkehr um Dortmund rauscht: die Stadtmauer – lange behaftet mit dem verklärten Mythos, unbezwingbar zu sein. „Dabei war das nur kurze Zeit so, unmittelbar nach dem Baubeginn um 1200. Schon als es Ende des 14. Jahrhunderts die ersten Feuerwaffen gab, wurde der tatsächliche Nutzen im Verteidigungsfall immer relativer“, betont Thomas Schilp, Mittelalter-Experte und Leiter des Stadtarchivs. Ein imposantes Bild hat die Anlage wohl dennoch abgegeben: Fast hundert Jahre wurde an ihr gewerkelt, 3,3 Kilometer war sie lang und acht bis neun Meter hoch. Fünf Tore waren in der massiven Anlage zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zur Ein- und Ausfahrt in die Reichsstadt geöffnet, 14 Türme ragten aus ihr empor.

Einer von ihnen war der Adlerturm. Der Turm, der heute wohl der bekannteste der alten Befestigung ist – in erster Linie, weil er in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ausgegraben und wieder aufgebaut wurde: Auf das alte mittelalterliche Original-Fundament ist eine neuzeitliche Nachbildung des Turmes gesetzt worden. Hier – ganz in der Nähe der U-Bahn-Station „Stadtgarten“ – ist einer der wenigen Orte in Dortmund entstanden, an dem Mittelalter tatsächlich erlebt werden kann. Im Turm hat ein mittelalterliches Kindermuseum seinen Platz gefunden – auf den Stufen startet die Nachwächterführung. Eine der ersten, wahren Geschichten, die der Neuzeit-Nachtwächter den Mittelalterinteressierten hier erzählt: Der Skelettfund im alten Gestein. Noch immer wird darüber gerätselt, wer dort – im Fundament des Adlerturms – vor rund tausend Jahren beerdigt wurde. Noch mysteriöser macht den Fund aber eine zweite Tatsache: Bei den Knochen wurde eine einzelne Hand gefunden.

Platz 2: Das Rathaus – heute nur noch auf dem Gullydeckel

Die Gullydeckel auf dem Alten Markt: Ein letzter Hinweis auf das alte Rathaus, das seit dem 13. Jahrhundert das Bild des mittelalterlichen Zentrums von Dortmund prägte.

Die Gullydeckel auf dem Alten Markt: Ein letzter Hinweis auf das alte Rathaus, das seit dem 13. Jahrhundert das Bild des mittelalterlichen Zentrums von Dortmund prägte.

Wer das mittelalterliche Rathaus auf dem Alten Markt sucht, muss den Blick nach unten richten. Denn was geblieben ist, sind die Gullydeckel. 1993 hat die Stadt dort gusseiserne Gully-Exemplare angebracht – mit der Giebel-Silhouette des Hauses, in dem im Mittelalter die Geschicke Dortmunds gelenkt wurden. Es ist – neben einer Gedenktafel – die einzige Erinnerung an das Gebäude am Marktplatz, das die Stadt über viele Jahrtausende prägte. Genau genommen ab 1241, als der Rat das Haus dem Grafen abkaufte. Das mittelalterliche Dortmunder Rathaus gilt damit als eines der ältesten steinernen Rathäuser in ganz Deutschland – und als ein Sinnbild für die frühe, unabhängige Macht des Bürgertums in Dortmund. „Tremonia ist ein Musterbeispiel für autonome städtische Entwicklung nördlich der Alpen. Das war auch möglich, weil die Stadt in einem sehr königsfernen Gebiet lag und sich so in ihrem Fortschritt weitestgehend selbst überlassen war“, erläutert Mittelalter-Experte Thomas Schilp. Das Rathaus war also seit jeher Zeichen bürgerlicher Souveränität – seine Mauern beherbergten aber im Mittelalter weit mehr als nur Politik und Verwaltung: In der Vorhalle hatte das Marktgericht seinen Platz, das Erdgeschoss – berichtet Thomas Schilp – sei ein Handelsort gewesen, vor allem für vornehme Tuche. Hier stand auch die Waage, die in einer Zeit lange vor den genormten Größen die Dortmunder Maße angab. Und im Keller des Rathauses, da wurde es gruselig: Denn neben dem Wein, der dort lagerte, fand man den Gefangenen- und Folterkeller. Wer aber direkt vor dem Rathaus, mitten auf dem Markt, im Käfig, dem sogenannten „Trissel“, seine Strafe verbüßte, dem ging es wohl kaum besser.

 Bis 1802 blieb das multifunktionale Rathaus erhalten. Bereits zuvor war die Hochphase Dortmunds, die die reichen Fernhandelskaufleute begründeten, schrittweise zu Ende gegangen – Anfang des 19. Jahrhunderts war dann die Zeit als Freie Reichsstadt beendet. „Danach fanden dort keine Sitzungen mehr statt, das Rathaus wurde nicht mehr richtig genutzt und ist Stück für Stück verfallen“, berichtet Schilp. Das Interesse an der mittelalterlichen Geschichte schwand. In der Zeit von Wilhelm II. erlebte das Rathaus noch einmal ein letztes Revival: Sich auf die glorreiche Vergangenheit zu besinnen, war auf einmal wieder hip. Spenden aus der Bürgerschaft ermöglichten einen Wiederaufbau – nicht originalgetreu, sondern nach den Vorstellungen der Kaiserzeit. Im Krieg wurde dieses neue alte Rathaus zerstört – und nie wieder aufgebaut. Alles, was noch zu sehen ist: die Gullydeckel.

Platz 1: Die Reinoldikirche – Identitätsort der Stadt

Die Reinoldi-Kirche im heutigen Stadtbild. Seit jeher ist sie ein zentraler Punkt in Dortmund - der imposante Bau und die Legende des Heiligen Reinoldus gaben vor über tausend Jahren der entstehenden Stadt ihre Identität.

Die Reinoldi-Kirche im heutigen Stadtbild. Seit jeher ist sie ein zentraler Punkt in Dortmund – der imposante Bau und die Legende des Heiligen Reinoldus gaben vor über tausend Jahren der entstehenden Stadt ihre Identität.

8000 Menschen in der Reinoldikirche. Dicht gedrängt. Alle stehend. So voll, berichtet die Dortmunder Stadtchronik, dass man sich „kaum mehr umbekehren“ konnte. Das, was heute unvorstellbar klingt, war im Mittelalter Realität. Die Reinoldikirche bildete den Mittelpunkt der stolzen Reichs- und Hansestadt – sie war die Hauptkirche. „Die Städte sind in ihrer frühen Entstehungszeit ein neues soziales Gebilde in einer feindlich gesinnten Umwelt“, betont Stadtarchiv-Leiter Thomas Schilp. Umso wichtiger war ein Zentrum, das Einigkeit symbolisierte und Identität stiftete – nach innen wie nach außen. Und genau dieses bot die Reinoldikirche. Der Stadtpatron Reinoldus und das heute noch beeindruckende – für mittelalterliche Verhältnisse wohl gigantische – Gotteshaus schloss die Bürger Tremonias zusammen. „Die Stadt war eine spirituelle, sakrale Gemeinschaft, für die ein exklusiver Patron extrem wichtig war. Und der heilige Reinoldus zählt zu den stärkeren Patronen des Mittelalters“, so Schilp. Schon damals habe man sich die Wundergeschichten des Reinoldus erzählt, und – verwurzelt in der Gedankenwelt des Mittelalters – an sie geglaubt.

Noch heute ist die Reinoldikirche eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse der mittelalterlichen Blütezeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie mühsam wieder aufgebaut. Gerade im Gotteshaus finden sich noch zahlreiche Schätze des Mittelalters: Wer etwa auf dem Chorgestühl Platz nimmt, sitzt an dem Ort, von dem aus schon die mittelalterlichen Ratsherren – damals noch einmal am Tag – die Messfeier verfolgten. Ein ganz prominenter Gast ist – glaubt man den Chroniken – der Faszination der Reinoldikirche übrigens völlig erlegen: 1377 kam das damalige Reichsoberhaupt, Kaiser Karl IV., nach Dortmund. Es war ein in Tremonia gefeiertes Großereignis, die Stadt war im Kaiser-Fieber, denn nur selten besuchte das Oberhaupt des Reiches die Region. „Er soll“, erzählt Thomas Schilp, „fast nie aus der Reinoldikirche herausgekommen sein – außer zum Essen und Schlafen.“