Drogenrausch durch die Kopfhörer

So unterschiedlich Menschen sind, so gleich sind oft ihre Neujahrsvorsätze. Ganz oben auf der Liste steht meist: Sich gesünder zu ernähren oder mehr Zeit mit den Liebsten zu verbringen. Bei Studenten allerdings auch besonders beliebt: Weniger Alkohol trinken. Auch ich habe mir das vorgenommen, schließlich würde ich meine Leber gerne noch ein paar Jährchen gut funktionierend wissen. Es muss da doch eine ungefährliche Alternative geben.

Mein Plan also: Nicht mehr um sieben Uhr morgens derangiert in einen komatösen Zustand zu fallen und den nächsten Tag regungslos im Bett durchstehen zu müssen. Das Problem ist allerdings, dass endlos lange Kneipenabende und 90s-Trash-Parties genau so essentiell im Uni-Alltag sind, wie der tägliche Mensa-Besuch. Und diese Abende lassen sich – für mich zumindest – nun einmal schwer ohne Rausch durchstehen. Ganz missen will ich sie allerdings auch nicht.

Also habe ich mich auf die Suche begeben. Nach einer Möglichkeit, mich zu zu dröhnen, ohne dabei langfristig wichtige Körperfunktionen zu gefährden. Schnell stolperte ich dabei über den Begriff: „iDoser“. Das sind Musikstücke, die allein durchs Hören eine drogenähnliche Wirkung auslösen sollen. Der Rausch über Kopfhörer. Saudi Arabien und der Libanon wollten diese Tracks sogar verbieten. Jetzt bin ich neugierig. 

Auf YouTube stoße ich auf dutzende Videos von Jugendlichen, die sich dem akustischen Rausch hingeben. Ihr Mittel ist ein und dasselbe Stück: „Gates of Hades“ – anscheinend die Mutter aller Audiodrogen, wie ich Forenbeiträgen entnehme.   

Auch Audiodrogen kosten Geld

Die Reaktionen, die ich in den Videos zu sehen bekomme, sind erstaunlich: Manche heben beim Hören wie hypnotisiert die Hände in die Luft, andere zappeln fast 30 Sekunden lang, als hätten sie einen epileptischen Anfall. Für mich ist klar: Eine Alternative zu Alkohol kann das nicht sein. Ausprobieren will ich es aber trotzdem.

Doch der Selbsttest erweist sich als schwieriger, als gedacht. Den Track gibt es nicht etwa gratis, kaufen kann man ihn über i-doser.com – und zwar in einem Soundpaket für schlappe 13,56 US-Dollar. Die Website hat Audiodrogen aller Art im Sortiment, die teilweise nach Stimmungen benannt sind, teils auch nach tatsächlichen psychedelischen Drogensubstanzen wie „25C-NBOMe“. Probehören kann ich das Soundpaket allerdings nicht. Auf mich macht das den Eindruck einer ziemlichen Abzocke. Und da will ich kein Teil von sein.

Der Autor bei der mentalen Vorbereitung auf eine achtminütige Tortur namens „Gates of Hades“. Foto: Philip Wortmann.

Als ich die Suche schon fast aufgegeben habe, stoße ich auf einen Artikel der „Bild“-Zeitung über Audiodrogen. Und siehe da: In einem Player auf der Seite kann man „Gates of Hades“ kostenlos hören.

Nur wenige Stunden später liege ich mit verbundenen Augen und dicken Kopfhörern auf dem Bett eines Freundes. Alleine will ich die Wirkung nicht austesten. Zwar misstraue ich der Wirkung noch, aber die Vorstellung, dass tatsächlich etwas Unangenehmes in den rund acht Minuten, die das Stück geht, mit mir passieren könnte, macht mir Angst. Das Licht ist gedimmt. Laut Anweisung ist es wichtig, den Track in einem dunklen Zimmer, liegend und besonders laut zu hören. Gelesen, getan. „Okay, drück auf Play“, sage ich und atme tief durch. Prompt dröhnt ein lauter schräger Synthesizer-Ton in meine Ohren, so laut, dass ich die Antwort meines Freundes schon gar nicht mehr verstehe. So muss sich ein fortgeschrittener Tinnitus anfühlen. Der Ton bleibt immer gleich. Ich balle meine Hände und verziehe das Gesicht. So etwas als „Musik“ zu bezeichnen wäre schon sehr gewagt.

Nach einer halben Minute ist es wirklich unangenehm, nach gut zwei Minuten unerträglich. Während ich mit angespannter Miene trotzdem die sechs weiteren Minuten durchstehe, frage ich mich, ob der „Komponist“ beim Bauen des Tracks selber high war oder einfach nur ein Sadist ist. Plötzlich wird der Ton dumpf, es fühlt sich an, als wenn er einige Sekunden lang immer wieder von rechts nach links durch meinen Kopf schießt. Das Gefühl ist intensiv. Und ich muss spontan lachen. Es wird still. Vorbei. Endlich. Langsam ziehe ich die Augenbinde ab und richte mich auf. Mein Freund erkundigt sich nach meinem Befinden. „Ein bisschen schwindelig“, antworte ich. Und sonst? Nichts. Nach ein paar Sekunden ist alles wie vor dem Versuch. Zwischenfazit: Der Rausch bleibt aus.

Maximal ein Placebo-Effekt – sagt der Wissenschaftler

Also tatsächlich eine Abzocke und alles nur Fake-Show für ein paar Klicks auf YouTube? Da ich eigentlich ein durch und durch positiver Mensch bin, möchte ich das nicht glauben. Deswegen treffe ich mich mit Dr. Jan Reinhardt, Lehrbeauftragter für systematische Musikwissenschaften an der TU Dortmund. Reinhardt thematisiert in seiner Veranstaltung Audiodrogen, hat sogar schon mit Studenten Experimente dazu durchgeführt. Wenn jemand Antworten hat, dann er. „Musik“, erklärt Reinhardt, „regt grundsätzlich das Belohnungszentrum im Gehirn an.“ Eben genau wie Drogen, nur nicht so stark. Die Audiodrogen sollen genau das intensivieren. „Die Stücke sind so strukturiert, dass über beide Ohren unterschiedliche Klänge aufgenommen werden – sogenannte binaurale Klänge. Die sind unterschiedlich laut, die haben unterschiedliche Tonhöhen.“, sagt Reinhardt. „Aufgrund dieser widersprüchlichen Informationen, die auf beiden Ohren dann ankommen, sollen eben Wirkungen im Gehirn entfaltet werden, die nicht unbedingt etwas mit dem Hörsystem zu tun haben.“

Ob das allerdings wirklich funktioniert, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. „Dass Musik einen wesentlichen Einfluss auf die Hirnchemie hat, ist unbestritten. Ob das allerdings wirklich parallelisierbar ist zu einer Drogenwirkung, halte ich für eher fraglich“, so Reinhardt. “Ich kenne momentan zwei Untersuchungen, die maximal einen Placebo-Effekt nahelegen. Mehr aber auch nicht.“ Wenn der Hörer also mit einer gewissen Erwartungshaltung an die Stücke geht – wie bei Hypnose – dann könne es funktionieren. Muss aber halt auch nicht.

Die Vorstellung, mich wieder und wieder durch die fürchterlichen acht Minuten von „Gates of Hades“ zu quälen, bis es schließlich wirkt, finde ich aber wenig verlockend. Und auch wenn davon die Leber geschont wird, so kann das überlaute Hören von schrillen Tönen ja auch nicht so richtig gut für die Trommelfelle sein. Sieht auch Reinhardt, der es selbst nie über die vollen acht Minuten ausgehalten hat, so: „Also ich für meinen Teil würde auch lieber ausschließlich auf Alkohol zurückgreifen, bevor ich mir mit sowas das Gehör ruiniere.“

Also dann: Prost!

Titelbild: flickr.com/marcgphoto mit CC-Lizenz