Flüchtlinge mitnehmen: Eine Studentin, ihr Projekt – und jede Menge Herzblut

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Sie ist 22 Jahre alt, ein Kind des Ruhrgebiets und Studentin. Nebenbei leitet sie ihr eigenes ehrenamtliches Projekt: Flüchtlinge mitnehmen. Helfen ist das, was Rebecca Radmacher glücklich macht. Und auch das, was ihren Alltag bestimmt.

Rebecca steht am Bahngleis, wartet auf den RE nach Düsseldorf. Nur noch zwei Minuten. Die 22-Jährige ist nicht alleine, dicht drängen sich die Wartenden am Duisburger Hautbahnhof: Männer in schmutzigen Latzhosen, die sich über das letzte Bundesligaspiel unterhalten. Eine Studentin mit Kopfhörern und einem Smartphone in der Hand. Ein älterer Mann in schwarzem Anzug und mit Aktenkoffer, die Hand mit dem Handy ununterbrochen am Ohr. Genervt sieht er rüber zu den Schulkindern, die laut lachen. Menschen jeden Alters, jeder Kultur und jeder Hautfarbe. Menschen auf dem Weg nach Hause, zur Arbeit oder zu Freunden. Unterwegs im Ruhrgebiet.

Rebecca Radmacher steht zwischen den Wartenden, der Wind weht ihr die schulterlangen, rostbraunen Haare ins Gesicht. An ihrer Umhängetasche steckt ein runder, weiß-blauer Button – der Button ihres eigenen ehrenamtlichen Projekts „Flüchtlinge mitnehmen“. 

Mehr als nur ein Button für Solidarität

Es ist kein Button für mehr Tierschutz, kein Button, auf dem „Refugees welcome“ geschrieben steht. Abgebildet ist eine Hand, die eine Karte festhält. Der Daumen ist nach oben gestreckt, die anderen Finger halten die Karte, auf der als Zeichen „plus eins“ steht.

Dieser Button kann mehr, als nur Solidarität ausstrahlen. Rebecca trägt ihn, um zu helfen. Und zwar den Menschen, die in Deutschland ein neues zu Hause gefunden haben. Menschen, für die die alltäglichsten Dinge neu und fremd und zu teuer sind in Deutschland – wie zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr. Rebecca möchte Flüchtlingen helfen.

Flüchtlinge mitnehmen – und zwar auf dem eigenen Fahrticket. Gefördert wird Rebeccas Projekt von Youngcaritas im Ruhrbistum. Idee des Projektes ist es, dass Ticketinhaber von öffentlichen Verkehrsmitteln wie Regionalbahn, Straßenbahn, U-Bahn oder den städtischen Busverkehr Flüchtlinge zu den festgelegten Zeiten auf ihrem Ticket mitfahren lassen.

„Oft werden die Flüchtlinge von einer Unterkunft zur anderen verlegt. Neu aufgebaute Freundschaften gehen durch die Distanz verloren. Mit Flüchtlinge mitnehmen kann man sich auf dem Weg zur Arbeit oder auf der Fahrt zur Uni nebenbei ehrenamtlich engagieren. Es kostet auch nichts – keine zusätzliche Zeit und kein zusätzliches Geld“, erklärt Rebecca.

So funktioniert’s mit der Mitnahme

Das Projekt richtet sich besonders an Studierende im Ruhrgebiet – mit dem NRW-Ticket können sie zu bestimmten Zeiten eine Person unentgeltlich mitfahren lassen. Um als Flüchtling einen Ticketinhaber erkennen zu können, gibt es den Button. Die einzige Bedingung vor Fahrtantritt: Die Mitnahme muss vorab abgesprochen worden sein. Sind beide Parteien einverstanden, dann kanns losgehen.

Dann könnt ihr mit dem NRW-Studententicket Flüchtlinge mitnehmen
Im VRR-Gebiet könnt ihr mit dem NRW-Studententicket montags bis freitags ab 19 Uhr eine weitere Person unentgeltlich mitnehmen. Am Wochenende und an gesetzlichen Feiertagen gilt dies ganztägig.

Voraussetzung ist, dass ihr an einer Hochschule im VRR Gebiet eingeschrieben seid.

Mehr Informationen zu den Mitnahme-Bedingungen findet ihr hier: http://www.studenten-nrw-ticket.de/index.html

Informiert werden die Flüchtlinge über das Projekt von ehrenamtlichen Helfern des Projekts in ihren Flüchtlingsheimen. Bei Workshops von Youngcaritas Ruhr werden die Freiwilligen in der Flüchtlinghilfe auf die Vernetzungsarbeit in den Unterkünften vorbereitet und zugeteilt. Sie erhalten Info-Materialien, die auch ohne Deutschkenntnisse zu verstehen sind, um den Flüchtlingen das Prinzip des Projekts erklären zu können.

An dem Button erkennen die Flüchtlinge, dass jemand eine Mitfahrgelegenheit auf seinem Fahrschein anbietet. Foto: Sophia Averesch

An dem Button erkennen die Flüchtlinge, dass jemand eine Mitfahrgelegenheit auf seinem Fahrschein anbietet.
Foto: Sophia Averesch

„Flüchtlinge wollen genauso gern unterwegs sein wie wir. Freunde besuchen, in die Stadt fahren oder zum Arzt gehen. Es ist alles neu für sie, besonders der organisierte öffentliche Nahverkehr in Deutschland. Sie sind nicht schlecht gebildet, sie kennen es nur nicht“, sagt Rebecca und erinnert sich an ihre eigenen Erfahrungen mit den Flüchtlingen, „die Menschen geben einem so viel zurück, wenn man ihnen hilft. Sie sind dankbar und freuen sich schon über Kleinigkeiten. Zum Beispiel, wenn sie ihre ersten Deutschkenntnisse aus dem Sprachkurs im Alltag ausprobieren können oder wenn man ihnen nur hilft, ihr Bahnticket zu entwerten.“

Aus einer einfachen Fahrt könne auch mehr entstehen, hofft Rebecca. Ein nettes Gespräch, eine Bekanntschaft oder vielleicht sogar Freundschaft.

Mehr als 45 000 Buttons

 Ihr Studium und die anstehende Bachelor-Arbeit sind für Rebecca zur Nebensache geworden. Im Zentrum ihres Alltags steht Flüchtlinge mitnehmen, zur Uni muss sie aber trotzdem mehrmals in der Woche. Nicht für Vorlesungen, sondern um sich mit den AStA der am Projekt beteiligten Fachhochschulen und Universitäten abzusprechen.

In vielen AStA-Büros der Ruhrgebietshochschulen liegen die weiß-blauen Buttons schon aus – bestellt und finanziert von den jeweiligen AStA. Begonnen hatte das Projekt mit Rebeccas Idee – während eines einmonatigen Praktikums im März 2015 bei Youngcaritas in Essen.

Es ist viel einfacher, ein Projekt ins Leben zu rufen, als man denkt. Youngcaritas Ruhr sucht ständig nach jungen Leuten mit neuen, sozialen Ideen.

Im August 2015 ist aus der anfänglichen Idee Realität geworden: die erste Buttons-Bestellung, 20 000 Stück. Zum Ende des Jahres 2015 ist die nächste Bestellung in Auftrag gegeben worden: weitere 25 000 Buttons. Dazu die Bestellungen der kooperierenden AStA und Kirchengemeinden. Auf den Straßen in Bochum, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Herne und Witten sind die Anstecker schon im Umlauf.

Ehrenamt als Studium, Arbeit und Hobby

An diesem Nachmittag wartet Rebecca auf den Zug nach Düsseldorf. Einmal pro Woche fährt Rebecca von Duisburg in die Landeshauptstadt, um bei der Flüchtlingsberatung der Diakonie auszuhelfen.

Schon in der elften Klasse hat Rebecca gemerkt, dass ihr Herz für die Flüchtlingshilfe schlägt. Angefangen mit einem ersten Schulpraktikum bei einer Beratungsstelle für Frauen in einer Flüchtlingsunterkunft, ihrer Studienwahl der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum, einem mehrmonatigen Praktikum bei der Flüchtlingsberatung der Diakonie Düsseldorf, ihrer wöchentlichen ehrenamtlichen Arbeit dort, einem einmonatigen Praktikum bei Youngcaritas in Essen bis hin zu ihrem ersten eigenen sozialen Projekt Flüchtlinge mitnehmen.

„Seit meinem ersten Praktikum in der Schule weiß ich, dass ich besonders Flüchtlingen helfen will. Jetzt im Studium habe ich meine praktischen Erfahrungen danach ausgelegt. Und nun auch noch meine Bachelor-Arbeit.“ Ihre Abschlussarbeit dreht sich um ehrenamtliche Projekte – am Beispiel ihres eigenen ehrenamtlichen Projekts.

Flüchtlingsarbeit ist Begegnungskultur 

Wenn Rebecca von ihrem Projekt erzählt, lächelt sie, kann ihren eigenen Erfolg gar nicht richtig fassen. Sie ist glücklich, helfen zu können und freut sich über den Kontakt mit Menschen aus anderen, fremden Kulturen. Denn damit ist Rebecca aufgewachsen: Schon ihre Eltern hatten ausländische Studierende in ihr eigenes Haus in Duisburg aufgenommen  – immer für ein paar Wochen. So saß Rebecca schon als Kind mit vielen verschiedenen Kulturen und Nationen zusammen am Frühstückstisch.

Sie selbst war schon für einen längeren Aufenthalt im Libanon und in Australien – und kam mit neuen Eindrücken und Freundschaften zurück in ihre Heimatstadt Duisburg. Zurück ins Ruhrgebiet, das  für Rebecca durch die Flüchtlingshilfe auch zum Begegnungsort geworden ist. Bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit hat sie selbst schon Freundschaften zu Flüchtlingen geschlossen.

Rebeccas Alltag besteht aus der Leitung des Projektes zusammen mit Sarah Scholl von Youngcaritas Ruhr, der Betreung der Facebook-Page von Flüchtlinge mitnehmen, ihrer ehrenamtlichen Arbeit bei der Diakonie Düsseldorf und ihrem Studium. Viel Zeit für Freizeit bleibt Rebecca nicht. Sie pendelt von Düsseldorf nach Bochum zur FH, dann wieder zurück nach Duisburg.

Selber noch nicht angesprochen

Doch es scheint sie nicht zu stören, sie fährt von einer Arbeit zur nächsten. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Den Button an der Tasche. Selber von einem Flüchtlingen zur Mitnahme angesprochen wurde sie bisher jedoch noch nicht: „Ich bin unter der Woche nur tagsüber unterwegs und nicht zur Abendzeit. Ich habe auch nur das NRW-Studententicket, da kann man montags bis freitags nicht ganztägig jemanden auf sein Ticket mitnehmen.“

Viele notwendigen Gänge zu Behörden oder zu Ärzten müssten allerdings tagsüber und nicht nur am Wochenende von den Flüchtlingen erledigt werden – dafür reiche das NRW-Ticket der Studierenden nicht. „Für einen Besuch von Freunden in anderen Unterkünften oder für eine Fahrt in die Stadt am Wochenende reicht es aber. Eine Hilfe im ohnehin schon schweren Alltag der Flüchtlinge ist es also trotzdem.“

So bekommt ihr euren Button von Flüchtlinge mitnehmen
Bisher ist es nur möglich, sich an bestimmten Standorten in Bochum, Essen und Duisburg Buttons abzuholen. Hier ist eine Liste mit den jeweiligen Abholstationen in den Städten.

Button können aber auch per Post bei Flüchtlinge mitnehmen bestellt werden. Die Buttons sind kostenlos, das Porto muss dennoch gezahlt werden. Wie das geht, steht hier: http://fluechtlinge-mitnehmen.de/buttons.html

Teaser- und Beitragsbild: Sophia Averesch

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