Fitnesswahn in Deutschland?

Von wegen „Sport ist Mord“: Aktuell trainieren so viele Menschen wie nie zuvor in Fitnessstudios. Hinzu kommen Vereinssportarten, Lauftreffs und der Unisport. Doch warum sind auf einmal alle so hibbelig?

Gibt es einen Fitnesswahn? / Foto: Stefanie Hofschläger/Pixelio

Gibt es einen Fitnesswahn? Foto: Stefanie Hofschläger/Pixelio

Auch wenn es manch Einem nicht passt: Fußball hat als deutsche Sportart Nummer eins ausgedient. Über sieben Millionen Mitglieder verzeichneten die Fitnessstudios im letzten Jahr, das ist ein Plus von rund zehn Prozent gegenüber 2008. Der Deutsche Fußballbund zählt 6,7 Millionen Mitglieder, von denen die Hälfte Senioren sind und nicht alle noch selbst kicken. Der körperbewusste Mensch von heute geht nicht auf den Bolzplatz, wo die Sonne scheint. Er schwitzt lieber in Hallen. Warum das Ganze?

Fit auf dem Campus

Auf dem Campus wird nicht nur fleißig gelernt, sondern auch fleißig trainiert. Eine Studie des Hochschulsports in NRW zeigt:  Über 80 Prozent der Studierenden und an der Uni Beschäftigten sind sportlich aktiv. Fast jeder dritte Student nimmt dabei den Hochschulsport in Anspruch. Kommerzielle Fitnessanlagen benutzen nur 8 Prozent der Befragten. „Seit 2004 haben sich die Teilnehmerzahlen an der TU verdoppelt  – von damals 2500 auf jetzt fast 5000 Studierende. Die Nachfrage ist immer noch weit höher als das Angebot“, sagt Jan-Philipp Müller, Leiter des Hochschulsports an der TU Dortmund.

Manuel Solde ist vom Hoschulsport begeistert. / Foto: C.Hahn

Manuel Solde ist vom Hoschulsport begeistert. Foto: Christina Hahn

Manuel Solde studiert an der TU Dortmund und ist von den Vorteilen des Hochschulsports überzeugt: „Fitnessstudios sind mir einfach zu teuer und hier bekomme ich für zehn Euro im Semester viel Sport geboten. Außerdem spiele ich gern Basketball und das geht nun mal im Winter nicht draußen.“

Laut Studie üben Studenten im Durchschnitt fast zwei Sportarten aus. Besonders beliebt sind dabei Laufen/ Joggen und Fitnesstraining. Fußball folgt erst an dritter Stelle und bestätigt damit den Trend, der auch außerhalb des Campus zu beobachten ist: Beim Sport ist Unabhängigkeit gefragt. „Gerade Kurse, bei denen eine regelmäßige Teilnahme nicht erforderlich ist, werden immer beliebter. Die Studierenden sind stärker eingebunden in Bachelor- und Masterstrukturen und somit kommen gerade Kurse gut an, bei denen eine individuelle Teilnahme möglich ist“, sagt Jan-Philipp Müller. Von einem Sportwahn möchte der Leiter des Hochschulsports aber nicht sprechen. Im Grunde treiben wir nicht mehr Sport, obwohl die Zahlen vielleicht zunächst etwas anderes behaupten. Das Nutzungsverhalten hat sich einfach verlagert: Statt sich auf Mannschaftssportarten und damit eine Routine festzulegen, bleiben wir unabhängig und zeitlich flexibel.

Alles Kommerz?

Das veränderte Nutzungsverhalten hat auch wirtschaftliche Folgen. Der Jahresbeitrag in einem Fußball- oder Leichtathletikverein ist in der Regel überschaubar. Wer flexibel Sport treiben will, geht ins Fitnessstudio und bezahlt dafür auch gerne mehr: Über 3,6 Milliarden Euro setzten die deutschen Fitnessstudios im letzten Jahr insgesamt um.

Mareike Maack setzt auf Fitness für Frauen. / Foto:C.Hahn

Mareike Maack setzt auf Fitness für Frauen. Foto: Christina Hahn

Eine der sieben Millionen Fitnessstudio-Mitglieder ist Mareike Maack. Die Dortmunder Studentin war vom Unisport weniger überzeugt und ist daher zu einem privaten Fitnessstudio gewechselt: „Mich hat am Unisport gestört, dass die Kurse so überfüllt waren.“ Seit September ist Mareike in einem Fitnessstudio nur für Frauen – dafür zahlt sie um die 30 Euro im Monat. „Sport ist für mich zum einen ein wichtiger Ausgleich zum Studium, zum anderen hält er natürlich meine Figur in Form.“

Fitness für alle

Die hohen Mitgliedszahlen haben aber noch einen anderen Grund: Das Phänomen Billig-Fitnessketten. So eröffnete 1997 das erste „McFit“-Studio in Deutschland, heute sind es über 120. Das Erfolgsrezept ist denkbar einfach: Für weniger als 20 Euro Monatsbeitrag wird bei „McFit“ auf Wellness-Schnickschnack verzichtet. Dazu gehört eben auch eine Dusche – die gibt es hier nur gegen Aufpreis. Pilates, Yoga oder individuelle Betreuung sucht man bei der Billig-Kette vergeblich. Doch Das Konzept geht auf: 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche nutzen Fitness-Fans die Studios. Nicht ganz so billig, dafür mit mehr Luxus zeigt sich die Konkurrenz wie „Fitness First“ oder „INJOY“. Die Mucki-Bude von gestern ist heute eine Wellness-Oase, für die man auch gerne Monatsbeiträge in Höhe von etwa 50 Euro aufwärts bezahlt.

Nachfrage übertrifft Angebot

Jan-Philipp Müller leitet den Hochschulsport. / Foto: TU Dortmund.

Jan-Philipp Müller leitet den Hochschulsport. Foto: TU Dortmund.

An der TU Dortmund wollen inzwischen sogar mehr Studenten Sport treiben, als es möglich ist: „Die Nachfrage ist immer noch weit höher als das Angebot. Da die Sportstättenressourcen zu knapp sind, können wir nicht so viele Kurse anbieten, wie es eigentlich gut wäre“, sagt Jan-Philipp Müller vom Hochschulsport der TU. Begehrte Kurse wie Badminton, Klettern oder aber Pilates sind da schnell ausgebucht.

Dabei ist Sport mehr als bloßer Muskelaufbau: „Aus meiner Sicht ist aber gerade der Hochschulsport ein wichtiges kulturbildendes Element auf dem Campus. Eine Integration ins Hochschulleben ist dadurch super möglich – Hochschulsport ist eine Einrichtung, die auch fakultätsübergreifend funktioniert und damit kulturelle Unterschiede überwindet“, sagt Jan-Philipp Müller.

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