Studenten aus Krisenländern: „Wir hassen Merkel nicht!“

Gianluigi, 25 J. (Italien)

“Ich bin Gianluigi Nover und wurde vor 25 Jahren im norditalienischen Trient geboren. Ich studiere Mathematik an der slowenischen Grenze in Triest. Nun bin ich für zwei Auslandssemester nach Dortmund gekommen.

Gianluigi, Student aus Triest, glaubt, dass die Italiener in ihrer Wut einen Sündenbock suchen und ihn in Merkel gefunden haben.

Gianluigi, Student aus Triest, glaubt, dass die Italiener in ihrer Wut einen Sündenbock suchen und ihn in Merkel gefunden haben.

In Italien spürt man die Auswirkungen der Krise sehr deutlich. Betriebe haben dicht gemacht und Beschäftigte wurden entlassen. Den Lebensstandard, an den sich viele gewöhnt hatten, können sie nun nur noch sehr schwer halten. Natürlich beschweren sie sich deshalb und sind wütend. Aber ich habe auch das Gefühl, dass es vielen noch zu gut geht. Alle beschweren sich, aber keiner tut konkret etwas. Eigentlich sollte man gemeinsam die Ärmel hochkrempeln. Gerade in meiner Generation ist das ein großes Problem.

Die Proteste gegen Merkel nutzen die Frustration der Menschen nur aus. Die Leute suchen eben einen Sündenbock. Der Sündenbock ist Deutschland und noch konkreter Angela Merkel. An ihr entlädt sich die Wut der Leute. Natürlich ist man auch ein bisschen neidisch auf die wirtschaftliche Stärke Deutschlands. Gleichzeitig wird aber gar nicht so stark über Deutschland gelästert. Man schaut eigentlich positiv auf Deutschland, als Vorbild für eine gute wirtschaftliche Entwicklung. Über die Deutschen an sich regt sich niemand auf.

Ich persönlich glaube jedoch, dass Deutschland und Europa ein Regierungswechsel in Deutschland gut täte. Natürlich bin ich hier auch parteiisch, weil ich in Italien den Sozialdemokraten nahe stehe. Ich denke, dass sich an Deutschlands Glaubwürdigkeit oder wirtschaftlicher Stärke kaum etwas ändern würde, aber mit einem Regierungswechsel würde sicher mehr Wert auf soziale Fragen gelegt. Diese andere Schwerpunktsetzung unterstütze ich.

Italiens Problem liegt auch in seiner politischen Kultur. Grillo und Berlusconi sind reine Populisten. Die erzählen den Leuten, ein Ausstieg aus dem Euro würde ihnen helfen. Dabei ist das doch völliger Schwachsinn. Man ist einfach unehrlich. Monti wiederum war ja eigentlich kein Politiker, er brachte als Ökonom mehr Expertise mit. Allerdings war Monti zu der Zeit gut für Italien, weil er die Glaubwürdigkeit wieder herstellte. Aber die Leute wollen eben sofort Resultate sehen. Zudem leidet Italien unter seinem Wahlsystem und Staatsaufbau. Die zwei Kammern der Legislative blockieren sich ständig durch komplizierte Mehrheitsverhältnisse.

Ich hoffe deshalb, dass die Menschen in Italien mehr hinterfragen und ein breiteres Wissen aufbauen. Sie müssen aufwachen und selbst Hand anlegen. Natürlich ist auch die Korruption noch ein großes Problem, das Italien immer wieder schadet. Die Korruption muss noch stärker bekämpft werden.  Genauso muss für eine sachliche politische Kultur eingetreten werden.”

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