Abnabeln auf der großen Bühne

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Nichts geht über Coolness: Galla (vorne) will bei den Frauen landen. Ein ordentliches Hemd reicht da selten. (Foto: Dave Großmann)

Wer bist du – Muttersöhnchen oder cooler Typ? In „Söhne wie wir – mach dir keine Sorgen, Mama!“ will das Junge Schauspielhaus Düsseldorf zeigen: beides geht. Mit dem ungestümen Stück hat die Truppe es jetzt zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin geschafft. Unsere Reporterin Susanne Romanowski hat die Mütter und Söhne von der Probe bis zur Aufführung begleitet.

Noch fünf Stunden bis zur Aufführung vor ausverkauftem Haus. Marvin lungert gelangweilt auf dem Sofa herum, als Philipp durch den ganzen Theatersaal rennt und sich auf ihn wirft. „Mann, hör doch auf!“, ruft Marvin genervt durch den Raum. Gleichzeitig klettern Ali und Leon auf dem Turm aus Waschmaschinen, Trocknern und Mikrowellen mitten auf der Bühne herum. Battal umkreist mit einem Fahrrad immer wieder den Turm und fährt dabei beinahe die Bühnentechniker um. Dramaturg Nils Deventer muss sich in all dem Chaos Gehör verschaffen: „Hallo, wir wollen proben! Keine Experimente jetzt“, ruft er, „und seid mal ruhig!“ Mit einem lauten Poltern springen die Jungen vom selbst gebauten Bühnenbild. Eine junge Frau neben der Bühne zuckt zusammen. In den fast leeren Rängen lacht eine andere Frau lässig. „Ach, die tun sich nichts. So sind die Jungs.“

Vom Familienfest ins Festspielhaus

Diese „Jungs“ sind Darsteller vom Jungen Schauspielhaus Düsseldorf, eingeladen zum Theatertreffen der Jugend in Berlin. Mit ihrem Stück spielen sie als letzte der acht prämierten Gruppen auf dem Festival, ausgerichtet von den Bundeswettbewerben der Berliner Festspiele. Die Frauen, die im Stück die Mütter spielen, fand das Schauspielhaus auf einem Familienfest am Rhein. Beim Casting in einem Wohnwagen wählte die Spielleitung gezielt Mütter von Söhnen aus  nur von Söhnen. Trotz der familiären Atmosphäre, sagt Julia, sind alle „echte Kollegen bis zum Jüngsten.“ Während Dramaturg Nils das Bühnenbild überprüft, sitzen sie, Inge, Maria, Beata und Youn-Hee im Publikum und warten auf ihren Einsatz. Sie lachen über die Tanzschritte ihrer Rollensöhne oder spielen nervös mit ihrem Ehering. Was alle Beteiligten eint, sind ausgerechnet ihre vermeintlichen Unterschiede. Youn-Hee kommt aus Korea, Ali aus der Türkei. Maria hat jahrelang professionell getanzt, Battal ist zum Theater gekommen, weil er zufällig nebenan wohnt. Marvin ist 12, Philipp 24.

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Ende auf dem Haushaltsturm (Foto: Dave Großmann)

„Gerade mit den Altersunterschieden wollten wir verschiedene Lebensphasen zeigen. Wenn man noch jung ist, ist Mama die Heldin, mit 16 nur peinlich und wenn man ausgezogen ist, kommt man doch gerne wieder zurück“, erzählt Philipp, der in Bochum Soziale Arbeit studiert. „Das ist schon anders, als wenn man Töchter hat“, sagt Julia später in der Pause. „In der Pubertät kommen ganz andere Konflikte auf: ob das jetzt ein Mamakind ist oder nicht, dann gibt es natürlich das typische Konkurrenzverhalten untereinander.“ Im gleichen Moment hört man auf der Bühne, wie Ali und Leon einander anbrüllen. Obwohl die Frauen nicht mit den Jungen verwandt sind, setzen die Mutterinstinkte nicht aus: „Bei den ersten Proben war kaum etwas zu essen und zu trinken da. Wir dachten, ‚das geht doch nicht, die Jungs sind ja voll fertig!‘ Dann haben wir immer was mitgebracht!“, sagt die gebürtige Niederländerin Inge.

Selbstverwirklichung Theater

„Wenn der Junge doch nur mal häufiger anrufen würde“, klagt Youn-Hee später. Tatsächlich, das Stück lässt kaum ein Klischee aus. In ihrer Rolle verlassen die Mütter den Haushaltsberg nicht und schmieren geduldig Brote. Die Söhne kommen zum Essen und räumen nicht auf. Es ist schwierig, sich während der Aufführung über festgefahrene Geschlechterrollen zu ärgern, wenn die Erlebnisse hinter der Bühne ganz anders klingen: „Das war intensiv, ich habe drei Wochen Urlaub genommen, da blieb auch mal die Wäsche liegen oder der Kühlschrank leer, aber da mussten die Männer zuhause durch. Das war ganz für mich“, erinnert sich Inge.

Aber genug Pause gemacht, es wird ernst. Die Aufwärmübung: Mütter, Söhne und Dramaturg stehen sich in einem Kreis gegenüber. Beata springt in die Mitte und macht ein seltsames Geräusch, alle imitieren es. Dann ist Leon dran: er steht in die Mitte, es folgt ein Kampfschrei, der elffach zurückkommt. Es wird getanzt, gebrüllt, gelacht – egal, wie albern die Improvisation erscheint, peinlich ist das Nachmachen niemandem. Das liegt nicht zuletzt an der persönlichen Entstehung des Stücks. „Wir haben alles selbst geschrieben und erlebt. Wir spielen nicht die Söhne, wir sind wirklich die Söhne“, betont Ali. So wird der Berg aus Haushaltsgeräten in manchen Szenen als echter Gipfel bespielt. „Da sind wir in die Eifel gefahren und haben ein Abenteuer erlebt“, verrät Nils. Im Stück klettern und schleppen sie sich mühsam hinauf, im Hintergrund das Geräusch von starken Gipfelwinden. Ein Ausbruch aus dem Stadtleben – mit all dem Ungeziefer, das waschechten Düsseldorfern sonst nicht begegnet. „Die Jungs sollten auch Feuer machen und eine Unterkunft bauen. Alle Dialoge auf dem Berg stammen von dieser Reise.“

„Das Stück ist von vorne bis hinten wir“

Harte Kerle mit Angst vor Mücken – ein sicherer Lacher im Publikum. Aber: „Da wird auch viel Intimes erzählt. Ist das noch cool? Was passiert, wenn wir damit rausgehen? Da war schon eine große Unsicherheit“, bestätigt Nils. Mit Selbstironie funktioniert das trotzdem. Wie wenn Leon damit protzt, ganz rebellisch erst um kurz nach statt um punkt Zehn zuhause zu sein. Oder ganz im Ernst, wenn Battal zum Ende des Stückes sagt: „Ich will, dass meine Mutter nach mir stirbt. Oder vielleicht niemals stirbt. Und bleibt, bis die Welt untergeht.“ Ein selten verletzlicher Moment in der sonst so draufgängerischen Gruppe.

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Maria und Rollensohn Marvin (Foto: Dave Großmann)

 

Noch ein letzter Durchlauf, die Tanzschritte sitzen, der Turm ist stabil. Ali murmelt vor sich hin: „Was, wenn die Leute nicht lachen, wo sie sollen?“. Augenrollen. „Entspann dich mal.“ Vor dem Einlass dichtes Gedränge, am letzten Abend zu spielen setzt unter Druck. Das Publikum will noch einmal richtig gut unterhalten werden. Im Saal spekulieren die Zuschauer über die Requisiten. Dann: Licht aus. Tanzen, Springen, Erzählen, Umarmen, Blumen fliegen weit in die Ränge. Die 75 Minuten sind schnell vorbei. Das Theatertreffen der Jugend geht zu Ende und die Jungs sind sichtlich erleichtert. „Ich will nochmal!“, freut sich Maria. „War ein souveräner Auftritt. Die Zuschauer haben an Stellen gelacht, an denen in Düsseldorf noch keiner gelacht hat“, sagt Philipp später am Abend. War sonst noch etwas anders? „Meine Mutter war sonst jedes Mal im Publikum.“

Beitragsbild: Dave Großmann

 

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