Die WM 2010: Einen Monat im Ausnahmezustand

Sonntagabend ist die WM 2010 in Südafrika zu Ende gegangen. Nach 64 Spielen und 145 Toren steht Spanien als neuer Weltmeister fest. Auch für das pflichtlektüre-WM-Special ertönt heute der Abpfiff. Zum Schluss hat das Team für Euch seine besten Momente der letzten 35 Tage notiert.

Vertrauen ist schwer
Von Lisa Schrader

Des einen Freud', des anderen Leid: Lisa macht Jannik fertig fürs Public Viewing auf dem Friedensplatz. Foto: Kerstin Börß

Des einen Freud', des anderen Leid: Lisa macht Jannik fertig fürs Public Viewing auf dem Friedensplatz. Foto: Kerstin Börß

Mein WM-Moment ist eigentlich ein Vor-der-WM-Moment. Ich saß in der Uni, als Jogi Löw live auf n-tv sein Aufgebot für Südafrika bekannt gab. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass auch ich natürlich im Herzen Bundestrainerin bin. Ich hatte daher auch eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie der Kader der DFB-Auswahl auszusehen hatte. Tasci, Gomez und Aogo spielten darin sicher keine Rolle. Eher schon Kuranyi, Höwedes und Reinartz.

Eine Freundin teilte mir dann das Aufgebot per SMS mit. Ich war fassungslos. Und antwortete: Oh mein Gott. Wir sind dann nach der Vorrunde raus.

Jaja, Asche auf mein Haupt. Ich sehe ein, dass ich ziemlich daneben lag. Und ich gebe zu, dass mir diese Mannschaft inzwischen sehr ans Herz gewachsen ist. Auch wenn ich in der Bundesliga kein Fan von Schweinsteiger, Friedrich und Khedira bin, ist es bei der Nationalmannschaft doch irgendwie was ganz anderes.

Deswegen freue ich mich auch schon sehr auf die nächsten Spiele unserer Elf, die anstehende Quali und natürlich auf die EM in zwei Jahren. Und ich verspreche hoch und heilig, mich dann mit meiner Kritik an der deutschen Aufstellung etwas zurückzuhalten. Zumindest, solange mir die Mannschaft keinen Grund dazu gibt.

Absoluter Körpereinsatz
Von Kerstin Börß

Die Aufregung gegen Ghana war am Ende umsonst. Schließlich hatte Kerstin mit ihrer Laternen-Kollision das Blatt bereits zum Guten gewendet. Foto: Jannik Sorgatz

Die Aufregung gegen Ghana war am Ende umsonst. Kerstin hatte mit ihrer Laternen-Kollision das Blatt bereits zum Guten gewendet. Foto: Jannik Sorgatz

Für mich war diese Weltmeisterschaft wirklich sehr schmerzhaft. Aber halt stopp, ich werde in den nächsten Zeilen nicht rumheulen, dass es schmerzhaft war, weil ich noch nie einen Titel mitgekriegt hab‘ und die Jungs schon wieder so knapp gescheitert sind. Ich rede von wahrhaftigen körperlichen Schmerzen.

Es fing an auf dem Weg zum Friedensplatz, wo ich Deutschland gegen Ghana gucken wollte. Eine Laterne stellte sich mir und meiner Stirn in den Weg. Deutschland gewann. Da Aberglaube einfach etwas Schönes ist, forderten mich alle auf auch vor dem Kracher gegen England gegen irgendetwas zu laufen. Aber Absicht würde ja wohl eher Pech mit sich bringen. Glücklicherweise regelte meine Tollpatschigkeit es von ganz alleine. Ich lief gegen die Anhängerkupplung eines Bierpavillons. Deutschland gewann. Am Vormittag vor Deutschlands Viertelfinalpartie war dann der Schuhschrank an der Reihe. Deutschland gewann. Leider war der Tag des Spanienspiels mein absoluter Glückstag. Keine Türklinke, keine Schranktür, einfach nichts. Deutschland verlor.

Natürlich war ich enttäuscht und haderte mit mir. Den dritten Platz sicherte ich Löws Mannen aber doch noch mit einer Bettkante und einem dicken blauen Zeh.

„Dennis, geh‘ mal pinkeln!“
Von Sebastian Schaal

Kreativer als seine Nationalmannschaft zeigte sich ein Pizzabäcker im Dortmunder Kreuzviertel. Da wurde der Fernseher kurzerhand an einem Straßenschild montiert. Foto: Sebastian Schaal

Kreativer als seine Nationalmannschaft zeigte sich ein Pizzabäcker im Dortmunder Kreuzviertel. Da wurde der Fernseher kurzerhand an einem Straßenschild montiert. Foto: Sebastian Schaal

Zugetragen hat sich mein WM-Moment bei dem 4:1-Sieg unserer Mannschaft gegen die Engländer. Wir haben das Spiel in einer Kneipe im Kreuzviertel verfolgt. Ein herrlicher Tag, Jogis Jungs führen schon früh mit 1:0. Wir schreiben die 31. Minute, als die Blase von Dennis einfach nicht mehr mitspielen will. Er hält es nicht mehr aus und muss während des laufenden Spiels auf die Toilette. Es kommt, wie es kommen muss: Als Dennis sich gerade erleichtert, hämmert Poldi den Ball über die Linie. Schön für Deutschland, blöd für Dennis.

In der zweiten Halbzeit scheint es anfangs so, als ob die Deutschen ihre Dominanz teilweise in der Kabine gelassen hätten. Als sich die Partie zu einem offenen Schlagabtausch entwickelt, kommt es zu folgendem Gespräch:

Ich: „Das 3:1 würde mich jetzt sehr beruhigen. Dennis, geh‘ mal pinkeln! Dann fällt sicher wieder ein Tor.“

Dennis: „Wart‘ noch kurz, gleich muss ich wirklich wieder.“

Tatsache, ein paar Minuten später ist Dennis wieder auf dem stillen Örtchen. Gerade als er fertig ist und zurückkommt, schließt Müller einen wunderschönen Konter zum 3:1 ab. Wieder schade für Dennis. Aber zum Glück für ihn sind ja auch noch zwei weitere gefallen…

Bart in der Menge
Von Jannik Sorgatz

Dank 20 Tagen Wildwuchs wurden aus Koteletten mit der Zeit Koteletts. Foto: Sebastian Schaal

Dank 20 Tagen Wildwuchs wurden aus Koteletten mit der Zeit Koteletts. Foto: Sebastian Schaal

Es tat weh, bereits am Morgen nach dem Halbfinale in den Badezimmerspiegel blicken zu müssen – und den Rasierer anzusetzen. 20 Tage hatte der WM-Bart gewuchert, das Gesicht zum vorerst letzten Mal am Morgen des Serbien-Spiels einen Rasierer gesehen. Etwas musste sich ändern nach dem 0:1. Und es änderte sich etwas. Mein Gesicht. Und auch ein bisschen das der deutschen Nationalmannschaft.

Mit dem Bart kam der Erfolg zurück. Pro Stufe auf der Wachstumsskala ein Tor, jedes Spiel ein bisschen besser. Die dezente Fünf-Tage-Version brachte das Weiterkommen gegen Ghana. Schon viel sichtbarer wurde England 4:1 besiegt. Die Demütigung für Argentinien kam im Vollwuchs. Doch dann lief irgendetwas falsch vergangenen Mittwoch.

Nun ist der Bart ab. Mit der Rasur kommt auch das Ende der WM in Südafrika. Seit 14 Jahren schaue ich jetzt Fußballspiele mittelmäßiger Borussias aus Mönchengladbach und meist gut aufgelegter DFB-Auswahlen. Seit 14 Jahren habe ich keinen Pokal gesehen – zumindest nicht in den Händen, in denen ich ihn gerne sehen würde. Aber ich habe Zeit. Denn mir, uns und Deutschland gehört schließlich die Zukunft. Fragt sich nur welche.

Das schöne Geschlecht und die Abgründe des Fußballs
Von Max Koch

Und täglich' grüßte das Streitobjekt - die Vuvuzela. Jetzt hat das Ohrenleid vorerst ein Ende. Foto: Sebastian Schaal

Und täglich' grüßte das Streitobjekt - die Vuvuzela. Jetzt hat das Ohrenleid vorerst ein Ende. Foto: Sebastian Schaal

WM ist dann, wenn Frauen zu Fußballfans werden. Und das meine ich sowohl positiv als auch negativ. Wenn die Massen sich zu den Public-Viewing-Spots drängen, fällt sofort auf, dass die Frauenquote im Vergleich zu einem ordinären Stadionbesuch deutlich höher liegt.

Aber nicht nur, dass sie mit dabei sind. Optisch stellen sie ihre männlichen Mitstreiter sogar in den Schatten. Die modischen Ergüsse reichen da von der kompletten Fußballer-Montur bis zum kleinen Schwarz-Rot-Goldenen. Da fühlt man sich mit einem „einfachen“ Deutschlandtrikot schon underdresst.

Wo diese optischen Highlights noch eine echte Bereicherung für ein gemeinsamen Fußballabend sind, war ich über einige fußballtypische Verhaltensweisen verblüfft. Bier und Rumgegröle gehört zum Fußball. Das dürfen dann auch die Frauen. Meinetwegen. Aber wenn sie dann auch noch anfangen wie der letzte Südkurven-Spacko rumzupöbeln, geht es zu weit.

Da hat die eine illegalerweise eine dieser wunderbaren Vuvuzelas in die Westfalenhalle mitgebracht. Ihre Vorderfrau zeigt sich da allerdings nicht so begeistert und bittet darum, die Tröte nicht mehr in unmittelbarer Nähe ihres Gehörgangs zu bedienen. Verständnis? Einsicht? Vielleicht eine angeregte Diskussion zu dem Thema? Nein! Es werden sich Vokabeln aus dem Hip Hop-Genre an den Kopf geworfen und dann fliegen die Fäuste! Ich bitte Euch Ladys, Fußball ist klasse, aber ihr müsst nicht alles nachmachen, was wir da so treiben.

Einer von ihnen
Von Dennis Klammer

14 Stunden Playstation am Stück: Bereits vor dem Turnier gab das WM-Special-Team alles. Foto: Sebastian Schaal

14 Stunden Playstation am Stück: Bereits vor dem Turnier gab das WM-Special-Team alles. Foto: Sebastian Schaal

Geile Sache, so eine WM. Die Welt im Ausnahmezustand, alle drehen am Rad (der Zeit). Die Mühlen mahlen langsamer, wichtige Termine werden an spielfreie Tage oder auf vormittags verlegt, um ja nicht eine wichtige Begegnung à la Chile vs. Honduras zu verpassen. Sei es beim Rudelgucken oder mit Freunden in einer Bar, überall ist man flankiert von trikotragenden Pseudo-Bundestrainern, die vorher weder Klose noch Poldi mitgenommen hätten. Auf Deutschlands Straßen folgen zudem alle dem Credo: zehn Bier vor Vier, alle guten Dinge sind 19. Jeder Tag Welt-Asi-Tag. Das Wer – der Fußball – scheint zusehends in den Hintergrund zu rücken, das Wo gewinnt an Bedeutung.

Letztlich ertappe ich mich aber immer wieder dabei, wie sich meine über den Kopf zusammengeschlagenen Hände immer wieder zu Fäusten der Freude ballen und ich sie jubelnd Richtung TV/Leinwand strecke. Ich stelle noch schnell mein Bier weg und falle sowohl meinen Freunden als auch wildfremden Menschen um den Hals. Denn – bei aller erhoffter Distanz – am Ende bin ich doch einer von ihnen.

Für die pflichtlektüre am Ball - obere Reihe (v.l.n.r.): Michael, Jannik, Matthis, Dennis, Max, Sebastian - untere Reihe (v.l.n.r.): Lisa, Laura, Fabian, Kerstin

Für die pflichtlektüre am Ball gewesen - obere Reihe (v.l.n.r.): Michael, Jannik, Matthis, Dennis, Max, Sebastian - untere Reihe (v.l.n.r.): Lisa, Laura, Fabian, Kerstin