Warum es in Waibstadt klappt

Teaserbild Waibstadt Feature

Waibstadt hat den Start geschafft: Die 80 Flüchtlinge sind angekommen und finden sich zurecht. Doch nicht in allen Flüchtlingsheimen geht es den Asylbewerbern so gut. Provisorische Unterkünfte, fremdenfeindliche Anwohner und gewalttätige Wachleute – beim Blick in die Tagespresse gewinnt man schnell den Eindruck, dass Waibstadt die Ausnahme ist. Aber warum klappt es hier? Eine Spurensuche.

1. Die Unterkunft

Grundsätzlich gibt es in Deutschland zwei Formen von Flüchtlingsunterkünften: Zuerst werden Asylbewerber in großen Erstaufnahmelagern untergebracht, spätestens nach drei Monaten ziehen sie in der Regel in Gemeinschaftsunterkünfte. Das Flüchtlingsheim in Waibstadt ist so eine Gemeinschaftsunterkunft. Das Gebäude ist ein ehemaliges Altenheim und verfügt über vergleichsweise große Räume.

Waibstadt Garten Feature

Die Kinder spielen gerne im großen Garten hinter dem Heim. Foto: Jim Daniel Laage

Wie viel Platz Asylbewerbern zusteht, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Waibstadt liegt in Baden-Württemberg. Dort ist die Vorgabe 4,5 Quadratmeter pro Person. Ab 2016 gilt ein neuer Schlüssel. Dann stehen jedem Flüchtling 7 Quadratmeter zu – in Waibstadt bekommen sie das schon jetzt.

Und: Das Heim in Waibstadt ist verhältnismäßig klein. In Massenunterkünften sind oft mehr als 200 Personen untergeracht. Teilweise werden sie sogar videoüberwacht oder sind eingezäunt. Die Unterkünfte sind anonymer, es entsteht keine echte Gemeinschaft und Hilfe für die Flüchtlinge ist schwerer zu organisieren. In Waibstadt leben hingegen nur 80 Asylsuchende. Die Bewohner kennen sich. Es gibt Gemeinschaftsräume für Gruppenaktivitäten und einen Garten – beides eher die Ausnahme bei Flüchtlingsheimen.

2. Die Lage am Ortseingang

In Waibstadt ist das Flüchtlingsheim Teil des Ortes, Läden sind zu Fuß erreichbar. Direkt vor dem Heim hält ein Bus, der in die nächste größere Stadt fährt. Für die Lage eines Heims und die Infrastruktur rund herum gibt es keine gesetzlichen Vorgaben. Deswegen befinden sich Flüchtlingsheime oft in
abgelegenen Gegenden. In Waibstadt kommen dagegen viele Anwohner täglich am Heim vorbei. So ist es fast unmöglich, sich nicht mit den neuen Nachbarn auseinanderzusetzen.

3. Die Leistungen und Unterstützungen

In Deutschland stehen Asylbewerbern bestimmte Leistungen zu. Welche das sind, ist im Asylbewerberleistungsgesetz genau festgeschrieben: Unterkunft, Nahrung, Ge- und Verbrauchsgüter des Haushalts und Kleidung. In den Erstaufnahmeeinrichtungen sollen diese durch Sachleistungen, in Gemeinschaftsunterkünften wie in Waibstadt mit Geld abgedeckt werden. Jedem Asylbewerber stehen je nach Familienstand bis zu 216 Euro im Monat zu Verfügung. Nur die Unterkunft und der Hausrat können weiterhin als Sachleistungen erbracht werden.

Beim ersten Einkauf begleiten Ehrenamtliche die Flüchtlinge in Waibstadt. Sie zeigen, wo es was zu kaufen gibt und helfen bei sprachlichen Hürden. Außerdem unterstützen die Waibstädter ihre neuen Nachbarn mit Sachspenden – zum Beispiel wohnliche Einrichtung oder verkehrstüchtige Fahrräder wären sonst unerschwinglich. Außerdem begleiten sie die Flüchtlinge zu Ärzten. Laut Gesetz dürfen Asylsuchende aber nur „zur Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände“ Ärzte aufsuchen. Sehhilfen oder Zahnersatz werden davon nicht abgedeckt.

Das ehemalige Altenheim ist direkt am Ortseingang auf der Hauptstraße.

4. Arbeit und Bildung

Minderjährige Asylbewerber dürfen und müssen zu deutschen Schulen gehen. Für Erwachsene gibt es dagegen keine verpflichtenden Weiterbildungen. In Waibstadt können alle Flüchtlinge an zwei Deutschkursen teilnehmen. Die Ehrenamtlichen organisieren wöchentliche Stunden in Kleingruppen und auch die VHS bietet einen kostenlosen Unterricht an. Das Recht auf einen Deutschkurs haben nur anerkannte Flüchtlinge, die rund 225.000 Asylbewerber in Deutschland (Stand: 2013) nicht. Die Helfer in Waibstadt organisieren zusätzlich auch Sportaktivitäten, Gitarren- und Klavierstunden und Kinderspielkreise.

Asylsuchende haben in Deutschland fast keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. Erst drei Monate nach ihrem Antrag auf Asyl dürfen sie überhaupt arbeiten. Aber auch dann schwächt das „Vorrangprinzip“ ihre Chancen auf Arbeit. Demnach dürfen EU-Bürger und bestimmte Ausländer freie Stellen zuerst annehmen. Erst nach 15 Monaten Aufenthalt gilt das Prinzip nicht mehr, dann erst haben Asylsuchende eine reelle Chance auf Arbeit. In Waibstadt arbeiten Flüchtlinge trotzdem schon jetzt: Sie haben 1-Euro-Jobs bei der städtischen Grünpflege und im Altenheim angenommen. Solche gemeinnützigen Tätigkeiten sind vom Vorrangprinzip ausgenommen. Die Ehrenamtlichen haben gemeinsam mit der Stadt für die Jobs gesorgt.

Fazit

Beim Flüchtlingsheim in Waibstadt erleichtern viele Faktoren die Integration. Ein relativ kleiner Ort und eine Unterkunft, die das Gemeinschaftsgefühl fördert, sind eine gute Ausgangslage. Doch genauso wichtig sind motivierte Helfer, die dieses Potential zu nutzen wissen. In Waibstadt kommt beides zusammen – die richtigen Rahmenbedingungen und gesellschaftliches Engagement.

Teaserfoto: Jim Daniel Laage

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