Die Geschichte einer Flucht – Von Syrien nach Waibstadt

Ich bin verabredet mit Nadim, einem syrischen Flüchtling, der in der Gemeinschaftsunterkunft in Waibstadt lebt. Eigentlich heißt Nadim nicht Nadim. Der junge Mann möchte seinen richtigen Namen hier nicht lesen. Deshalb habe ich ihn Nadim genannt, das heißt auf Arabisch Freund und das ist er wahrhaftig.

Nadim hat kurze, braune Haare, die er nach oben gegelt hat. Seine Frisur ist weder modisch noch unmodern. Er ist 28 Jahre, sieht aber älter aus und trägt einen Dreitagebart. Seine dunklen braunen Augen strahlen Vertrauen aus. Wie er so da sitzt auf seinem Stuhl, ganz gerade und konzentriert wirkt er ein wenig schüchtern. Er beginnt zu erzählen:

Nadim hat Angst um seine Familie in Syrien, daher möchte er nicht erkannt werden. Er sagt: "Assads Regime ist überall."

Nadim hat Angst um seine Familie in Syrien, daher möchte er nicht erkannt werden. Er sagt: „Assads Regime ist überall.“ Foto: Anjoulih Pawelka

Ich lebte mit meinen Eltern und zwei Schwestern in Damaskus. Ich bin das erstgeborene Kind und der einzige Sohn, daher musste ich nicht zum Militärdienst. Meine Familie gehört zur Mittelschicht. Nach meinem Abitur habe ich begonnen, Marketing zu studieren. Kurz vor Beginn des Krieges habe ich mein Studium beendet. Ich wollte meinen Master machen, aber der Krieg hat alles verändert…

September und Oktober 2011

Verwandte eines Freundes, die 80 Kilometer entfernt von Damaskus leben, hatten erzählt, dass dort Kinder einfach so auf der Straße erschossen wurden. Ich war so entsetzt, dass ich nicht tatenlos zusehen wollte. Als ich hörte, dass ein paar Freunde aus der Uni dagegen demonstrierten, schloss ich mich ihnen an. Wir wiederholten diese Demos jeden Freitag nach dem Gebet. Aber es ging nicht nur um die Kinder,  wir wollten die Willkür und Ungerechtigkeit der Polizei ans Licht bringen. Irgendwann war ich einer unter 200. Unsere Demos dauerten nie länger als 10 – 15 Minuten, dann kam die Polizei, nahm einige Demonstranten mit und vertrieb die restliche Menge. Ich lief 20 Mal mit. Dann erwischte die Polizei mich.

November 2011

Die ersten zehn Tage meiner Haft verbrachte ich in einer kleinen Zelle mit fünf weiteren Männern.  Die Zelle war etwa fünf Quadratmeter groß. Es gab weder Betten noch Stühle. Einmal am Tag bekamen wir eine kleine Portion Reis. Um uns zu schikanieren, waren dort lauter kleine Steinchen versteckt, die unsere Zähne kaputt machen sollten. Die Wärter gingen völlig willkürlich mit uns um. Fragten wir nach etwas zu trinken, schlugen sie uns, fragten wir nicht, schlugen sie uns auch. Alles, was wir haben wollten, mussten wir bezahlen. Dann gab es dort auch noch die Verhöre. Sie schlugen so lange auf mich ein, bis ich zugab, die Demonstrationen mit organisiert zu haben. Dabei lief ich einfach nur mit… Nach 25 Tagen kam ich in eine größere Zelle. Sie war so unglaublich winzig für die vielen Menschen. Kamen neue Gefangene, schlossen die Wärter die Tür auf und pressten den Gefangenen hinein. Sie traten ihn so lange, bis die Tür wieder geschlossen werden konnte. Hier wartete ich vier Tage auf meine Gerichtsverhandlung. Was mich in dieser Zeit am Leben hielt? Der Gedanke an meine Familie. Nach einem Monat konnte ich das Gefängnis verlassen. Zu verdanken habe ich das meinem Vater. Er hat seine Beziehungen spielen lassen und konnte die Richterin überzeugen, dass sie mich bis zur endgültigen Gerichtsverhandlung frei lässt. Für das, was ich unter Folter gestanden hatte was ich aber nie gemacht habe, hätte ich mindestens drei Jahre Haft bekommen.

März 2011

Es gab eigentlich keine Möglichkeit zur Flucht. Nach zwei Tagen verließ ich meine Familie und fuhr mit einem Taxi zur jordanischen Grenze. Mein erster Fluchtversuch klappte nicht. Ich musste zurück nach Damaskus. Mein Vater rief eine Bekannte bei Gericht an. Sie gab mir die Telefonnummer eines Generals, der mir ein Dokument ausstellte, das mich zum Überqueren der Grenze berechtigen sollte. Dank des Papieres klappte es dieses Mal nach einigem Hin und Her.

Nadim ist sichtlich mitgenommen. Die ganze Zeit hat er mit ruhiger Stimme erzählt. Manchmal musste er schlucken und die Stimme brach ein kleines bisschen weg. Jetzt sitzt er immer noch ganz gerade auf seinem Stuhl, ist blass und schaut ins Leere. Wir machen eine kleine Pause.

April 2012 bis November 2013

Nach einigen Tagen in Jordanien bekam ich ein Familienvisum und fuhr zu meiner Schwester und deren Mann, die in Saudi-Arabien leben. Die ersten drei Monate hatte ich keine Arbeit und langweilte mich sehr. Zum Glück fand ich dann einen Job als Programmierer. Ich blieb eineinhalb Jahre in Saudi-Arabien, bis ein neues Gesetz verabschiedet wurde, das besagte, dass Syrer nur mit einem Arbeitsvisum arbeiten dürfen. Also saß ich wieder bei meiner Schwester und konnte nichts tun. Mittlerweile war ich mit einer Frau verheiratet, die ich aus der Uni kannte. Wir hatten viel geskypt und irgendwann beschlossen, zu heiraten. Ich schickte meinen Eltern eine Vollmacht, mit der meine Frau in Syrien unsere Heiratsurkunde bekommen konnte. Unser Plan war, dass meine Frau danach ein Visum für Saudi-Arabien bekommen würde und wir endlich zusammenleben könnten. Es klappte nicht. Also beschloss ich weiterzuziehen nach Istanbul. In die Türkei konnten wir beide reisen.

31. Dezember 2013

Ich erinnere mich noch genau an das Datum. Es war Neujahr und als ich aus dem Flugzeug stieg und erstmals türkischen Boden betrat, sah ich Feuerwerkskörper am Himmel. In Istanbul fand ich recht schnell Arbeit als Modeverkäufer. Das hatte ich schon früher in Syrien als Nebenjob gemacht. Auch eine Wohnung fand ich, was aber sehr schwer war. Viele Türken glauben, wir syrischen Flüchtlinge können unsere Mieten nicht bezahlen. Das Schönste war jedoch, dass ich meine Frau endlich in die Arme nehmen konnte.

Trotzdem war das Leben in Istanbul sehr schwer. Wir wurden diskriminiert. Die Entscheidung zu gehen fiel, als meine Frau mit Nierensteinen im Krankenhaus nicht behandelt wurde. Ich hatte Freunde in Berlin. Sie sagten mir, dass das Leben in Deutschland gut sei. Also machte ich mich nach acht Monaten in Istanbul alleine auf den Weg. Da ich wusste, dass die Reise anstrengend und sehr gefährlich sein würde, ließ  ich meine Frau zurück. Wir hätten uns die Reise zu zweit finanziell nicht leisten können.

August 2014

Ich nahm noch in der Türkei telefonisch Kontakt mit einem Schleuser auf. Jeder kennt jemanden, der wieder wen kennt… Der Schleuser sagte mir, ich solle mich melden, wenn ich in Algerien angekommen sei. Ich besorgte mir ein Flugticket, buchte ein Hotel in Algerien, nahm 4.000 Dollar mit und reiste als Tourist in das Land. In Algerien rief ich wie verabredet den Schleuser an. Nach ewigem Warten nannte er mir eine Haltestelle, zu der ich gehen sollte. Dort schlief ich im gleichnamigen Hotel. Ich war nicht der Einzige, der auf die Schleuser wartete.

Foto: Privat

Das Hotel in Algerien. Es beherbergt nur Flüchtlinge, die auf der Weiterreise sind. Foto: Privat

Am dritten Tag kamen zwei  Autos, die uns abholten. Wir fuhren bis kurz vor die libysche Grenze. Es war Nacht, als wir unser Ziel erreichten. Am nächsten Morgen stieg ich, zusammen mit 24 weiteren Flüchtlingen, in einen Bus, der uns zum Grenzposten Algerien-Libyen brachte. Leider kontrollierten uns dort Soldaten und schickten uns zurück zum nächsten algerischen Dorf. Unser Bus fuhr ungefähr zwei Kilometer zurück in die Wüste und nahm einen Schleichweg. Wir überquerten die Grenze nach Lybien an einer entlegeneren Stelle. Mittlerweile war es dunkel. Nach etwa drei Stunden kamen wir in einer großen Wohnung in Libyen an. Wir mussten 300 Dollar für die Busfahrt zahlen. Einige Zeit später wollten die Schleuser weitere 400 Dollar für die nächste Etappe der Reise. Diese ging per offenem LKW weiter durch die Wüste.

Nadims Stimme stockt. Die rosige Farbe, die er nach unserer kurzen Pause im Gesicht hatte, weicht einer Blässe. Immer wieder nimmt er die Hände vor seine Augen. Trotzdem erzählt er weiter.

Auf dem LKW gab es einen Kanister mit 20 Litern Wasser. Dieses Wasser musste für uns 70 Personen reichen. Wir fuhren zwölf Stunden. Ein Mann bat die Schleuser anzuhalten. Daraufhin wurde er beschimpft und getreten. Irgendwann kamen wir an einem großen Haus an. Schon in der ersten Nacht weckten sie einen Teil von uns – auch mich. Ich dachte, wir würden weiter reisen Richtung Meer. Unsere Schleuser gingen nur ein kurzes Stück mit uns mit. Dann übergaben sie uns an andere Männer. Was wir zu der Zeit noch nicht wussten: Sie hatten uns verkauft. Wie Vieh. Was das für uns bedeutete? Wir mussten noch mehr Geld bezahlen und noch länger warten. Und wieder fuhren wir mit Autos und Bussen zu einem weiteren Haus. Aber eigentlich war das kein Haus. Es war eine Baustelle. Wir wurden aufgeteilt in Afrikaner, Araber und sonstige. Die Afrikaner mussten im Garten schlafen, ich auch. Das lag daran, dass ich die geforderten 1500 Dollar nicht zahlen konnte. Meine Ersparnisse waren bis auf 900 Dollar aufgebraucht. Zeitweise war noch nicht einmal klar, ob sie mich überhaupt weiter mitnehmen würden.

 

23. August 2014

Ich wusste, dass wir in der Nähe des Meeres waren, denn die Luft war viel feuchter als all die Wochen zuvor. Kurz nach Mitternacht weckten die Schleuser uns und befahlen, dass wir unsere Sachen packen sollten. Anderthalb Stunden später ging es los: „Folgt mir, wenn ihr mich verliert, habt ihr Pech. Es wird keine zweite Chance geben.“ Das waren die Worte des Schleusers, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen werden. Nach kurzer Zeit erreichten wir den Strand. Dort stand ein winziges Schlauchboot, zu dem wir waten mussten. Das Wasser stand uns bis zur Brust.

 Nadims Körper zittert und er wird ganz blass. Er starrt die ganze Zeit auf diese eine Stelle auf dem Tisch. Ich merke, wie ihn das alles sehr mitnimmt. Wir reden schon seit drei Stunden. Er holt tief Luft und spricht weiter:

Wir sollten in das schon überfüllte Boot einsteigen, aber wir weigerten uns. Daraufhin holte der Schleuser eine Pistole und zielte auf uns – er schoss aber nicht. Mit dem Schlauchboot fuhren wir auf das Meer hinaus zu einem größeren Boot. Das Boot war für maximal 200 Personen gedacht – ich war einer von 600. 

 

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Nadim war einer von 600 Menschen, die auf diesem Boot saßen. Foto: italienische Küstenwache.

Wir fuhren los. Nach einiger Zeit explodierte der Bootsmotor. Es war immer noch mitten in der Nacht. Da dachte ich, ich schaffe das nicht. Überall um mich herum weinten Menschen. Unten im Bootsinneren, neben dem Motor, saßen die Afrikaner und Pakistani. Sie bekamen kaum Luft vor lauter Rauch.  Also beschlossen wir, die oben auf dem Boot saßen, dass immer kleine Gruppen für kurze Zeit nach oben zu uns kommen konnten, um Luft zu schnappen. Gegen Morgen kam ein weiteres Schiff der Schlepperbande, das uns hinter sich herzog. Das ging ewig so. In der Zwischenzeit lief immer mehr Wasser in unser Boot, weil es so wackelte. Wir begannen es mit Eimern abzuschöpfen, was nicht gut funktionierte. Irgendwann kam ein Öltanker vorbei. Er informierte die Küstenwache.

24. August 2014

Erst nach Stunden kam die italienische Küstenwache. Sie schickten drei kleine Boote. Sie fragten, ob wir Schwimmwesten hätten. Als wir das verneinten, gaben sie uns welche. Wir sollten aber auf unserem Boot sitzen bleiben. Die Küstenwache warf Tüten mit Schwimmwesten zu uns. Ich hatte viele Tüten mit Westen in der Hand, habe sie aber alle weitergegeben. Ich dachte, zuerst sollten Kinder, Frauen und Nichtschwimmer welche bekommen. Ich ging davon aus, dass es genügend gäbe.

Mittlerweile wurde es auf dem Boot unruhig. Zu viele Flüchtlinge stürmten auf die Bootsseite, an der die italienische Küstenwache stand. Das Boot schaukelte. Verzweifelt versuchten wir, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie ruhig bleiben sollten. Das Boot wackelte immer mehr und viele Menschen sprangen ins Wasser. Ich wollte noch abwarten. In diesem Moment kippte das Boot um. Es kippte auf mich. Das war der Moment, in dem ich mir sicher war, ich sterbe.

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Das Schiff sank immer weiter. Ich verlor jede Hoffnung, obwohl ich ein guter Schwimmer bin. Das Boot lag auf mir. Ich tauchte und irgendwie schaffte ich es auf der anderen Seite des Bootes an die Oberfläche. Überall um mich herum hörte ich Hilfeschreie. Hände hielten sich an mir fest, aber ich musste sie abschütteln. Diese Bilder kommen jede Nacht wieder. Ich weiß nicht, wie ich das ausgehalten habe. Ich bin einfach nur geschwommen. Immer weiter und weiter. Irgendwann hat mich die Küstenwache gefunden. Ich habe mit letzter Kraft um Hilfe gerufen. Sie kamen und haben mich gerettet. Als sie mich in ihr Boot hoben, war ich wie ein Brett. Dann kann ich mich an nichts mehr erinnern. Die Küstenwache brachte mich zu einem großen Schiff, das uns an Land fuhr. Das dauerte zwei Tage. In dieser Zeit aßen wir gekochten Reis und tranken salziges Wasser.

26. August 2014

In Italien angekommen wurden wir Überlebenden mit Bussen in ein Asylheim gebracht und fuhren weiter nach Mailand. Dann mit dem Zug nach Deutschland. An der Grenze kontrollierten uns Polizisten. Wir zeigten unsere Pässe und die Beamten sagten, dass wir nach Karlsruhe in die Erstaufnahmestelle fahren sollten. Von dort kamen wir nach Mannheim und einige Wochen später nach Waibstadt.

Hier endet die Geschichte von Nadim. Mittlerweile hat er eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Damit kann seine Frau nach Deutschland kommen. Das dauert aber. Sie ist von der Türkei wieder nach Damaskus gereist. Die Türkei ist auf Dauer einfach zu teuer. Wenn er mit ihr telefoniert, hört Nadim die Bomben im Hintergrund.

 

Anas Almidani wird immer noch vermisst
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Rania war auf dem gleichen Boot wie Nadim und lebt jetzt auch in Waibstadt.  Sie hat ihren Mann Anas Almidani bei dem Bootsunglück aus den Augen verloren. Sie ist sich aber sicher, dass die italienische Küstenwache ihn rettete. “ Er hat zwei Mal bei seiner Schwester über einen Online-Telefondienst angerufen, aber nicht gesprochen.“  Die Beiden waren erst drei Monate verheiratet und wollten eigentlich nach Schweden reisen. Anas kommt aus Damaskus, ist 35 Jahre alt, ca. 1 Meter 80 groß und Schneider von Beruf. Wer Informationen zu Anas hat, meldet sich bitte bei der Pflichtlektüre.  

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