Das Foto als Fenster zur Welt

Unter dem Motto: „We inspire understanding the world through visual journalism“ reist eine Ausstellung mit den Gewinnerbildern des World Press Photo Contest durch die Welt – und gastiert momentan auch im Depot in Dortmund. Die Ausstellung zeigt nicht nur herausragende Fotografien: Sie will auch auf die Bedeutung vertrauenswürdiger Abbildungen für die öffentliche Meinungsbildung aufmerksam machen.

Jurymitglied Kari Lundellin

Jurymitglied Karl Lundelin Foto: Johanna Mack

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Fotografie ist ein großartiges Medium. Sehr direkt. Du musst nicht kunstbegeistert oder gebildet sein, damit die Bilder etwas in dir auslösen.“ Kari Lundelin, Kommunikationschef, steht vor einem Foto, das zwei junge Männer auf einem Bett zeigt. Im Hintergrund ist ein zugezogener Vorhang zu sehen. Einer der Männer liegt auf dem Rücken, der andere stützt sich auf seinem nackten Oberkörper ab. Die Szene ist von rechts nur spärlich beleuchtet – Intimität im Halbdunkel. Ein klassisch nachrichtliches Foto ist es nicht und dennoch gewann dieses Bild im diesjährigen Wettbewerb den ersten Preis in der Kategorie World Press Photo of the Year.

Verbotene Intimität in St. Petersburg

Dahinter steckt eine politisch hochaktuelle Geschichte: Jon, 21, und Alex, 25, sind zwei homosexuelle junge Männer aus St. Petersburg. Ihre Beziehung können sie nur bei geschlossenen Vorhängen leben. Aufgenommen wurde das Bild von Mads Nissen in St. Petersburg. Er traf die beiden in einer Bar und begleitete sie danach in ihr Schlafzimmer. Seine Motivation für die ungewöhnliche Herangehensweise beschreibt der Däne, der für die Agentur Panos Pictures arbeitet, so: „At one point I felt I needed pictures of what it was essentially all about: Love and the unstoppable desire between two people, regardless of their sexual orientation“. Russland reagierte mit einer Altersbeschränkung der Ausstellung ab 18 Jahren.

Explosiv: homosexuelle Intimität in Russland
Mads Nissen (Dänemark) schoss das Press Photo of the Year. Er baute dafür eine enge Beziehung zu den Portraitierten auf und überzeugte die Jury mit seiner persönlichen Behandlung eines aktuellen und global bedeutenden Themas.

Mads Nissen on ‚Jon and Alex‘ from World Press Photo on Vimeo.

Damaged goods lie in a damaged kitchen in downtown Donetsk, Ukraine, 26 August 2014. Residential areas in several districts of Donetsk, including the central part of the city, suffered from artillery fire, three people was killed and 10 wounded, the press centre of Donetsk city Council reported.

Eine verlassene Küche im ukrainischen Donetsk, nachdem der Ort beschossen wurde und viele Bewohner flohen. Foto: Sergei Ilnitsky. 1st Prize singles – Daily Life

Die World Press Photo Ausstellung gastiert seit dem 30. Mai und bis zum 21. Juni im Dortmunder Depot. Zur gleichen Zeit ist sie auch an vielen anderen Orten auf der ganzen Welt zu sehen – von Amsterdam aus, wo die Jury tagt, wandern mehrere Kopien zu über hundert Ausstellungsorten. Jährlich können professionelle Fotografen ihre Arbeiten einreichen, die dann von einer internationalen Jury bewertet werden. Diese Jahr wurden 41 Fotografen aus 17 Ländern ausgezeichnet. Der Preis wird in acht verschiedenen Kategorien vergeben, die nicht nur das politische Geschehen einbeziehen, sondern zum Beispiel auch Sport- und Naturfotografie.

Neue Kategorie: Langzeitprojekte

Neu in diesem Jahr ist ein Preis für langfristige Projekte. Geehrt wurde in dieser Kategorie unter Anderem Darcy Padilla aus den USA, der über Jahre hinweg eine aidskranke Frau und ihre Familie mit der Kamera begleitete. Die Bilder zeigen sie in ihrem Haus, im täglichen Umgang mit den Kindern und im Kampf gegen die Armut. Am Ende sieht man sie auf ihrem Bett liegen, schon todkrank, den Arm in Richtung des Fotografen ausgestreckt. Er habe damit das Leben am gesellschaftlichen Rand der Armut und des Aids ausleuchten wollen, erklärt Lundellin. Die Visualiserung von Leid und Verzweiflung dieser Frau macht betroffen.

Nachrichten und Lebensgeschichten in HD

Überhaupt ist man beim Gang durch die Ausstellung immer wieder mit Motiven konfrontiert, die schockieren, rühren und vor allem nachdenklich machen. Einige Bilder kennt man aus den Nachrichten. Das übervolle Flüchtlingsboot im Mittelmeer ist sofort ein Begriff. Von anderen Problematiken hat man noch nie gehört: Eine junge Frau, gekettet an einen Stuhl in einer chinesischen Polizeiwache – ihr wurde vorgeworfen, sie hätte als Prostituierte gearbeitet.

Andere Arbeiten stellen Themen dar, die uns alltäglich in den Medien begleiten, überraschen aber dennoch mit ihrem Blickwinkel: Ein Stillleben auf einem Frühstückstisch, gestört von roten Spritzern und Glassplittern – eine tragische Szene aus der Ukraine, hier fast poetisch inszeniert.

Dem Tod entgangen: 'Begnadigung' durch die Mutter
Arash Khamooshis (Iran) Fotos erzählen die Geschichte eines Justiz- und Familiendramas aus dem Iran, wo weltweit am Häufigsten die Todesstrafe verhängt wird: Ein Mann sollte gehängt werden, weil er einen Freund erstochen hatte. Den Stuhl sollte seine eigene Mutter umstoßen, um die Familienehre reinzuwaschen – sie entschied sich aber stattdessen für eine Ohrfeige und begnadigte ihn damit. Er kommt nun ins Gefängnis. Der Fotograf bekam dafür den dritten Preis in der Kategorie Spot News.

Arash Khamooshi on ‚Act of Forgiveness‘ from World Press Photo on Vimeo.

Impressionen aus der Ausstellung

Impressionen aus der Ausstellung im Depot

Manipulationen vorbeugen

Lundelin legt großen Wert darauf, dass an den Preisfotos nicht gepfuscht wird. „Fotos haben Macht – umso wichtiger ist es, dass man ihnen trauen kann, sonst hat der Journalismus ein großes Problem.“ Das bedeutet, dass die eingereichten Beiträge einem Originalitätstest standhalten müssen.

Manipulation ist tabu: Zwar dürfen die Bilder zum Beispiel durch Aufhellen oder Farbintensivierung per Photoshop verbessert werden, einzelne Details zu entfernen oder hinzuzufügen ist aber verboten – auch wenn es sich dabei scheinbar um unbedeutende Einzelheiten handelt. Um ihre Glaubwürdigkeit nachprüfen zu können, muss jeder Fotograf die Bilder im Rohformat einreichen.

Hinterlassenschaften: Was von Entführungsopfern der Boko Haram übrig blieb
Was bleibt nach dem Grauen? Damit beschäftigte sich Glenna Gordon (USA) in Nigeria. Sie knipste Hinterlassenschaften der Mädchen, die 2015 von der Boko Haram entführt worden. Die Jury sprach ihr dafür den zweiten Preis der Kategorie General News zu.

Glenna Gordon on ‚Mass Abduction in Nigeria‘ from World Press Photo on Vimeo.

Die große Bandbreite der behandelten Themen, aber auch der technischen und künstlerischen Herangehensweisen beleuchtet, wie unterschiedlich Pressefotografen arbeiten und auf aktuelle Thematiken hinweisen. Vielleicht steht die Prämierung des Gewinnerbildes von Mads Nissen auch für eine Neuorientierung im Journalismus? Weg von schlichten Nachrichten, hin zu den Menschen und den Geschichten hinter den Fakten.

 

In Dortmund wird die Ausstellung durch ein Rahmenprogramm ergänzt:

11. Bis 17. Juni: Wim Wenders Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“ über den Fotografen Sebastiao Salgado im Sweet Sixteen Kino, Depot.

Der „sozialdokumentarische“ Fotograf aus Brasilien, nahm in schwarzweiß den Alltag in Krisengebieten und sozialen Brennpunkten in seiner Heimat auf, und ging daran schließlich seelisch zugrunde. 2014 setzte Wenders ihm ein filmisches Denkmal.

12. Juni: Vortrag des Dortmunder Fotografen Pascal Amos Rest.

Der Dortmunder ist als Fotojournalist für zahlreiche Medien in verschiedenen Ländern im Einsatz und lehrt auch am Institut für Journalistik der TU Dortmund. In dem Vortrag gibt er Einblicke in sein fotojournalistisches Arbeiten

Beitragsbild: Mads Nissen

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