Nebenjob: Nackt in den Hörsaal

Von Ida Haltaufderheide

Wenn Martin* (*Name geändert) seine Frau anruft, weil er länger arbeiten muss, dann lügt er. Dass er nichts zu verbergen hat, ist dabei sein größtes Geheimnis. Denn Martin hat einen Nebenjob als Aktmodell.

Martin bei seinem Nebenjob: Die Pose zu halten, kann anstrengend werden. Foto/Repro: Ida Haltaufderheide

Martin bei seinem Nebenjob: Die Pose zu halten, kann auf Dauer anstrengend werden. Foto/Repro: Ida Haltaufderheide

Seit mehr als zwanzig Jahren zieht er sich für Studenten und andere Kunstschüler aus. Nur zu Hause weiß niemand davon. Und das, obwohl Martin eigentlich voll und ganz zu seinem Nebenjob steht. Er zieht sich auch nicht wegen des Geldes aus, sondern weil er Spaß daran hat. „Ich habe ja meinen richtigen Job, da verdiene ich genug“, sagt er. Es sei die Liebe zur Kunst, die ihn dazu bewege, sich bereitzustellen. Außerdem möchte Martin Studenten unterstützen.

Durch einen Zufall bekam der gelernte Tischlermeister vor Jahren ein Angebot als Aktmodell. Und weil ihn der Gedanke faszinierte, blieb er dabei.

Die Freiheit nimmt er sich

So sehen die Studierenden Martin...

So sehen die Studierenden Martin...

Und das, obwohl seine Frau von Anfang an strikt dagegen war. Trotzdem hat Martin den Job angenommen, denn er will sich nicht einengen lassen. Modell stehen macht ihm schlichtweg Spaß und er findet es völlig „legitim, sich diese Freiheit herauszunehmen“.

Selbst die Geheimniskrämerei hat für Martin ihren Reiz. Seine Frau, seine Tochter, seine Freunde und Kollegen – niemand weiß, dass Martin sich regelmäßig nackt präsentiert. Nur er selbst ist sich sicher: „Der Tag wird kommen, an dem ich damit konfrontiert werde und ich weiß noch nicht, was ich dann sage.“ Sorge macht ihm das aber nicht, denn Martin will einfach „genauso resolut“ damit umgehen wie bisher. „Ich persönlich habe ja kein Problem damit“, winkt er lässig ab.

Etwas anderes als Sauna

... in einer anderen Pose...

... in einer anderen Pose...

Trotzdem war das erste Mal Modell stehen für ihn durchaus eine Überwindung. Selbst wenn Martin sich selbst eher als freizügig bezeichnet und er schon von seinen Eltern einen lockeren Umgang mit Nacktheit gelernt hatte, stellt er klar: „Es ist etwas ganz anderes, ob ich in der Sauna nackt herumlaufe oder ob ich unter angezogenen Leuten als einziger nackt bin.“ Einmal habe er in einem Hörsaal mit 56 Studentinnen gesessen, die in Dreierreihen um ihn herumstanden, während er nackt auf dem Boden kauerte. Das sei dann selbst ihm zu viel gewesen.

Ansonsten ist Martin aber nicht so leicht zu schocken. Er hat schon viel erlebt und macht fast alles mit, was sich die Dozenten wünschen. „Ich bin kein Balletttänzer, aber bis jetzt habe ich eigentlich jede Pose akrobatisch gemeistert“, sagt er. Nur als er sich einmal eine Rolle Stacheldraht auf den Kopf setzten sollte, war ihm das zu viel: „Das tat einfach weh und da hört es dann auf.“

Mit anderen Modellen zusammen zu posieren, findet Martin toll. Und dabei ist es fast egal, ob die männlich oder weiblich sind, beides hat Martin schon erlebt. Wichtig sei nur, dass man keine Hemmungen habe, denn dann könne man sich sogar gegenseitig abstützen und die Posen würden bequemer auszuhalten.

Anstrengender Nebenjob

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...und in der Rückansicht.

Modell zu stehen sei anstrengend, sagt Martin, weil man völlig regungslos in einer Position verharren müsse. Für ein oder zwei Minuten seien selbst etwas unbequeme Posen auszuhalten, aber nach zwanzig oder gar vierzig Minuten werde ein einfacher Schneidersitz oder Stehen mit einer bestimmten Armhaltung zur Qual. „Das geht dann wirklich an die Schmerzgrenze“, weiß Martin. Deshalb lenkt er sich ab. „Ich habe schon ganze Baupläne im Kopf gemacht, während ich da stand. Es ist gut, wenn man Projekte hat, da hat man dann richtig Zeit drüber nachzudenken“, erzählt er. So gehe die Zeit schneller vorbei.

Am Ende des Kurses wird Martin belohnt, denn meistens darf er einen Blick auf die fertigen Bilder werfen. Das ist für ihn besonders spannend, weil die Ergebnisse immer sehr unterschiedlich sind. Meistens ist er zufrieden damit, wie er auf den Bildern aussieht.

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