Eine Nacht in Dortmund

Einslive-Hörsaalcomedy an der FH Dortmund – Daniel Moßbrucker war vor Ort

Der Gastgeber: Luke Modriqe führt durch den Abend an der FH Dortmund. Fotos: Daniel Moßbrucker

Der Gastgeber: Luke Mockridge führt durch den Abend an der FH Dortmund. Fotos: Daniel Moßbrucker

Nach eigener Behauptung holen sie die Comedy dorthin, wo sie hingehört: in die Uni. Fünf Nachwuchs-Komiker bekommen vom Radiosender „1Live“ die Chance, sich vor großem Publikum zu beweisen. Ihr Publikum ist jung, ihr Humor plump – doch das kommt an: Leute, die kein Facebook nutzen, sind Evolutionsbremsen. Musiklehrer bekommen ein Burnout, nur weil sie täglich ihre Klanghölzer in die Schränke packen müssen. Und Frauen nehmen sich vor einer Klausur die Angst vor fremden Texten, indem sie sie mit Textmarkern bunt anmalen. Das ist nicht tiefsinnig, aber auf die Dauer extrem witzig. Die Zuhörer in der FH-Dortmund am Freitagabend waren zumindest begeistert.

Das Spaß-Quintett bilden Maxi Gstettenbauer, Luke Mockridge, Fee Badenius, Abdelkarim und David Werker. Letzter ist das Aushängeschild der Veranstaltung, ist der jungen Generation durch seine „Werkerpedia“ auf „1Live“ bekannt. Kürzlich war sein Solo-Programm im Fernsehen zu sehen, sein erstes Buch nimmt den Uni-Alltag aus studentischer Sicht in den Blick. Schule und Universität – das ist sein Thema. „Frauen haben vor einer Klausur nicht Angst, zu versagen, sondern zu verdursten. Sie schleppen einen 20-Liter-Wasserspender mit den Hörsaal; und dazu noch ein Kilogramm Traubenzucker“, stichelt Werker.

Von dreckigem Geschirr und frühen Würmern

Der Star des Abends: Vom Überraschungseffekt kann David Werker nicht profitieren. Er kann die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen.

Der Star des Abends: Vom Überraschungseffekt kann David Werker nicht profitieren. Er kann die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen.

Der 26-Jährige ist der letzte Comedian an diesem Abend, doch seine Vorredner haben gute Vorarbeit geleistet. Werker erntet den euphorischsten Empfangsapplaus. Kann er die Erwartungen erfüllen? Er tänzelt in grauer Sweatshirtjacke ans Rednerpult, greift sich in sein wuscheliges Haar und bemerkt: „Ganz schön heiß hier.“ Er öffnet seine Jacke und präsentiert stolz sein in die Jahre gekommenes Trikot von Borussia Dortmund. Es ist Werkers Heimspiel. „Meine Mutter kommt aus Dortmund, und da komm ich ja raus“, begründet der BVB-Fan süffisant.

Der Germanistikstudent hat ein bewegtes Leben hinter sich. Gearbeitet hat er noch nie, schließlich ist er ständig im Prüfungsstress. Das ist aber nicht weiter schlimm – sein Lebensmotto: Der späte Wurm überlebt den frühen Vogel. Werker tummelt sich gerne auf Partys oder in Singlebörsen. Davon gibt es schließlich mehr als Singles selbst. Außerdem muss er dann für eine Verabredung zum Date nicht sein Bett verlassen. Aber faul ist Werker natürlich auch nicht; er nennt es schlau. Sein Tipp: „Dreckiges Geschirr schimmelt nicht, wenn man es einfriert.“

Entweder ist das Publikum bei Werkers Auftritt schon müde vor Lachen, oder die Messlatte der anderen liegt zu hoch. Jedenfalls erntet der „Star des Abends“ nicht die größten Lacher. Er spult das ab, was die Radiohörer von ihm kennen. Das ist solide, aber eben nicht so überraschend wie bei seinen unbekannten Comedy-Kollegen. Zum „Dortmunder Liebling“ entwickelt sich Abdelkarim aus der Bielefelder Bronx. Sein Thema: Integration.

Abdelkarim: gut integriert und sehr witzig

Die Überraschung: Abdelikarims Integrations-Komik kommt super an.

Die Überraschung: Abdelikarims Integrations-Komik kommt super an.

Er watschelt in Jogginghose und Lederjacke in den Saal, schweigt, und ist damit schon komisch. Er ist gut integriert, ein Deutscher mit „Migrationsvordergrund“ sozusagen. „Der Integrationserfolg zeigt sich am besten im Vergleich mit der Familie. Mein Vater war Gastarbeiter, ich bin nur noch Gast“, witzelt Abdelikarim, der seine Geschichten zumeist mit seinem Kumpel Ali verbringt. Erst neulich waren beide im Supermarkt und wollten zeigen, wie gut sie integriert seien. Einen „kerndeutschen“ Rentner wollten sie in der Schlange vorlassen. Doch der erwiderte: „Nein danke, ich habe sie lieber genau im Blick.“ Dennoch geht es Ausländern in Deutschland gut. Das beweise allein schon, dass die NPD ihre Flyer nun auch auf türkisch druckt.

Damit punktet Abdelkarim. Doch auch die anderen Newcomer überzeugen. Moderator Luke Mockridge hält die Spannung zwischen den Acts hoch. Und wer es besinnlich mag, lauscht den Gitarrenklängen von Fee Badenius. Sie singt mit ebenso kraftvoller wie einfühlsamer Stimme über ihr Leben. Da wird ein Ex-Freund schon einmal zum Gemüsehändler: „Du hast Tomaten auf den Augen, Bohnen in den Ohren. Eine saure Gurke in der Hose und dein Arsch ist nur ein Pfirsich aus der Dose.“

Quintett nutzt seine Chance

Gelungener Abschluss: Bei der Zugabe bekommen (von links) Abdelkarim, Luke Modriqe, Fee Badenius, David Werker und Maxi Gastettenbauer ihren verdienten Applaus.

Gelungener Abschluss: Bei der Zugabe bekommen (von links) Abdelkarim, Luke Mockridge, Fee Badenius, David Werker und Maxi Gastettenbauer ihren verdienten Applaus.

Diese unzähligen Witzeleien kommen an. Das ist kein tiefsinniger Humor, aber es trifft den Geist der Generation. Auch wenn bei David Werker klar wird, dass von ihm mittlerweile die Ansprüche steigen und er für einen Lacher mehr kämpfen muss, nutzen unterm Strich alle ihre Chance, die ihnen „1Live“ gibt. Das Konzept greift vor allem deshalb, weil es seinem jungen Publikum den Spiegel vorhält und zeigt: „Leute, das in der Uni ist kein Lernen – das ist Comedy.“ Gewiss ein wenig überspitzt, aber trotzdem nicht ganz von der Hand zu weisen. Und vor allem: ziemlich komisch.

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