„Mehr Fußball, weniger Drama“

Der WDR hat zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Fan-Gewalt eingeladen. Schließlich habe der Fußball in jüngster Zeit „gewaltige“ Schlagzeilen gemacht, meinten die Organisatoren. Als Beispiele nannte der Sender die wüste Schlägerei in der Kölner Innenstadt oder Dresdner Randalierer beim Auswärtsspiel in Bielefeld. Die These: Wenige Chaoten seien drauf und dran, das Familienereignis Fußball kaputtzumachen. Erhellende Einsichten und Fakten sollte das so genannte Stadtgespräch mit Fanvertretern und dem Innenminister liefern. Es blieb beim Versuch – der jedoch mit einem überraschenden Angebot endete.

Vor dem Harenberg-City-Center am Königswall in Dortmund stand am Dienstag ein Polizeiwagen. Die beiden Beamten interessierten sich für ein falsch geparktes Auto – weniger aber für die, die im Gebäude waren. Das ist zunächst eher ungewöhnlich. Denn normalerweise kümmert sich die nordrhein-westfälische Polizei sehr gewissenhaft um Fußball-Fans. Manchmal zu gewissenhaft, meinen Betroffene und nahmen am Abend die Möglichkeit wahr, mit dem obersten Dienstherrn darüber zu sprechen. Im Auditorium des tristen Hochhauses trafen sich NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) und aktive Fans zum „Stadtgespräch“ von WDR 5 – eine Diskussionsrunde, die mit der populistischen Frage: „Wer bändigt die Hooligans?“ betitelt war.  

Diskussion dreht sich im Kreis

Neben dem Innenminister nahmen der BVB-Fanbeauftragte Jens Volke und Fanvertreter Jan-Henrik Gruszecki auf dem Podium Platz. Judith Heyde, die Fan-Rivalitäten und Polizeiverhalten an der Universität Osnabrück erforscht, komplettierte das Parkett.  Die Gästeliste hatte Hoffnung gemacht, dass die reißerische These der Veranstalter durchaus gewinnbringend besprochen wird. Es blieb bei der Hoffnung. Wirklich frische Erkenntnisse über das zerrüttete Verhältnis zwischen Polizei und Fans gab es nicht. Letztlich drehte sich die Diskussion im Kreis.

Fan-Lobbyist Jan-Henrik Gruszecki spricht sich für weniger Polizei bei Fußballspielen aus. Foto: Fritzen

Das lag zum einen an den verhärteten Meinungen der beteiligten Parteien. Auf der einen Seite der Innenminister, von einigen Fans auch gerne mal als Hardliner tituliert, der Straftäter in und außerhalb der Stadien mit allen personellen und juristischen Mitteln verbannen will und nicht davor scheut, Ultras und Gewalt gleichzusetzen. Auf der anderen Seite die aktiven Fans, die sich durch derartige pauschale Verurteilungen der Medien, der Politik und der Polizei gegängelt fühlen. Das lag zum anderen aber auch an Moderator Thomas Koch, der Themen wie Randale und Rechtsradikalität munter vermischte, Fanprojekt und Fanbeauftragte verwechselte und kaum auf die Fragen und Anmerkungen von außerhalb einging. 

 „Mehr Fußball, weniger Drama“, forderte Judith von der Heyde, Bezug nehmend auf den Untertitel „Damit Fußball wieder Spaß macht“.“Mehr Entspannung in der Diskussion“, wünschte sich Jens Volke. Und auch Jäger widersprach dem Motto: „Ich fühle mich immer noch sicher, wenn ich mit meinen Kindern ins Stadion gehe.“  Lediglich Jan-Henrik Gruszecki stellte fest, dass ihm machmal das Fan-Dasein nicht viel Spaß mache. Leider hätten die Fans aktuell größere Probleme mit der Polizei als mit sich selbst oder dem Verein.

Der Vorwurf: Die Beamten träten in einem Maß auf, das nicht von Nöten sei. Viele Fans fühlten sich dadurch provoziert und drangsaliert. Gruszecki forderte, dass das Thema Gewalt beim Fußball nicht überbordend dramatisiert werden dürfe: „Sie ist nämlich nicht größer als bei anderen Großveranstaltungen oder im Dortmunder Nachtleben“. Sie stehe nur derart im Mittelpunkt, weil Teile der Medien das gesellschaftliche Problem oftmals auf den Fußball reduzierten und skandalisierten. Befragte Zuschauer bestätigten die Aussage und wünschten sich eben deswegen eine „Versachlichung der Debatte“ und eine Abkehr vom „Medien-Hype“.

Rädelsführer ausfindig machen

Innenminister Jäger sprach von „ein bis zwei Prozent“ der Stadionbesucher, die als Gewalttäter auffielen. Weil sich Prügler oft hinter dem Rücken eigentlich friedlicher Ultras verstecken könnten, braucht es nach Jägers Ansicht eine Doppelstrategie: „Ganz konsequente Strafverfolgung, aber den Dialog mit der Ultra-Szene.“ Dafür soll er vor allem den Anstiftern an den Kragen gehen. Wie genau, ließ er unbeantwortet. Jäger verdingte sich oftmals in schon häufig gehörten Phrasen, beispielsweise, dass der Stadionbesuch doch sicher sei und die Fußball-Fankultur hierzulande einmalig sei.

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) verteidigt die hohe Zahl der Einsatzkräfte. Foto: Fritzen

NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) verteidigt die hohe Zahl der Einsatzkräfte. Foto: Fritzen

Zudem verteidigte der NRW-Innenminister die wachsende Zahl der Einsatzkräfte. Im Vergleich zu früher begleiteten deutlich mehr Anhänger ihre Mannschaften zu Auswärtsspielen, weshalb ein erhöhter Schutzaufwand von Nöten sei.  „30 Prozent der Einsatzstunden der Polizei werden bei Fußballspielen geleistet“, sagte der Fan des MSV Duisburg, was Gruszecki auf den Plan rief: „Dann setzen Sie doch weniger ein“, entgegnete der Fan-Lobbyist.

„Polizei strahlt Gewalt aus“ 

Ein älterer Herr, der nun so gar nicht den Eindruck eines Gewalttäters vermittelte, fragte: „Wie kann es sein, dass ich nach einem Auswärtsspiel in Dortmund aus dem Zug steige und von drei Hundertschaften empfangen werde, von denen einige vermummt sind, obwohl kein gegnerischer Fan auch nur annähernd in der Nähe ist?“ Die Polizei strahle allein durch ihre martialische Kleidung und Ausrüstung in und um die Stadien Gewalt und Aggressivität aus, merkte eine andere Zuhörerin an. „Ich war mit dem BVB in Manchester, wir haben mit der Polizei Witze gemacht. Und hier? Genau das Gegenteil.“

„Klassenfahrten ohne Lehrer“

Fanforscherin Judith von der Heyde bezeichnete die Fankultur als eine Jugendkultur, in der „junge Menschen etwas erleben wollen. Es ist die Zeit des sich Ausdrückens. Und Gewalt gehört zu dieser Phase der Jugend leider dazu“. Sie selbst sei bei ihren Reisen mit Ultras – die sie als „Klassenfahrten ohne Lehrer“ bezeichnete – oft überrascht gewesen von der Zahl der Polizisten. Brenzlige Situationen habe sie nie erlebt, die Ultras seien sehr entspannt gewesen. Erst durch das Auftreten einiger Beamter habe sie jedoch mehrfach eine gewisse Form der Angst und Unsicherheit bei den Heranwachsenden ausgemacht. „Das waren meist Situationen, an denen die Polizei beteiligt war.“ Und: „Es gibt keine Verrohung der Gewalt. Man muss gegen Gewaltexzesse immer ein Ausrufezeichen setzen. Aber Verabredungen von Hooligans zu Prügeleien gab es schon immer. „

Der NRW-Innenminister wollte sich an Fans, vor allem Ultras erinnert haben, die in Bussen und Bahnen randalierten und Glasscheiben zerstörten. Gruszecki wehrte sich vehement gegen diesen Vorwurf und warf Jäger Unwissenheit und Unredlichkeit vor. Freunde werden die beiden wahrscheinlich nicht  mehr. Der Innenminister lud den Fanvertreter jedoch am Ende des Abends ein, bei einem Spiel seiner Wahl die Planung und Durchführung des Polizeieinsatzes vor Ort zu begutachten. Gruszecki will die Einladung annehmen.

 Das WDR 5 Stadtgespräch wird am Donnerstag, 13.  März, um 20.05 Uhr ausgestrahlt.

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