Rot glüht die Nacht

Von oben sieht Dortmund nachts aus wie eine Glühwürmchen-Party. Echte Dunkelheit gibt es in Deutschland fast nirgendwo mehr. Neonreklame, Straßenlaternen, tanzende Lichtkegel über Diskotheken machen die Nacht zum Tag . Die nächtliche Festtagsbeleuchtung hat Folgen für Tiere und Pflanzen, aber auch für unsere Gesundheit.

Castrop-Rauxel

Castrop-Rauxel bei Nacht Foto: Dennis Köhler, Teaserbild: Forschungslinie "Licht_Raum/Vorschulze"

Am Firmament hängen ein paar leuchtende Sterne – es sieht so aus, als hätte sie jemand absichtlich an den Himmel geklebt, um zu zeigen, dass sich hinter dem wolkenzerfressenen Orange-Grau noch etwas Schönes verbirgt. Schöner, als die blinkenden Reklametafeln und Scheinwerfer hier unten. Das ganze künstliche Licht verschmutzt unsere Nächte – die Experten sprechen von Lichtverschmutzung, abgeleitet vom englischen Wort „light pollution“. „Von den möglich sichtbaren Sternen über dem Ruhrgebiet sehen wir gerade einmal noch zehn Prozent.“, erklärt Dennis Köhler. Er ist Chef des Lichtforums NRW und hat an der FH Dortmund zur Lichtverschmutzung geforscht.

Die Forschertruppe hat Dortmund bei Nacht fotografiert und durch eine Falschfarbendarstellung einzelne Stadtbereiche miteinander verglichen, – „wir haben gezeigt, wie hell das Unigelände im Vergleich zum Innenstadtbereich oder zu landwirtschaftlich genutzten Zonen ist.“ Dabei ordnen die Forscher den Originalfarben des Bildes bewusst andere Farben zu, um feine Helligkeits-Nuancen deutlich sichtbar zu machen. Damit die Lichtverschmutzungs-Forscher auf der Welt intersubjektiv auf gleiche Werte kommen, messen sie die Helligkeit des Himmels mit Sky Quality Metern – das Gerät ist nicht größer als ein Smartphone, nur dicker.

Das Sky Quality Meter misst die Helligkeit des Nachthimmels

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Ein Sky Quality Meter war auch auf dem Dach der FH Dortmund montiert Foto: Dennis Köhler

Der Nachthimmel über Dortmund ist wolkenfrei, auf dem Display des Sky Quality Meters blinkt eine rote Zahl: 18, 85. „Ein perfekt dunkler Nachthimmel läge bei 21,6 Magnituden pro Quadratbogensekunde.“, erklärt Dennis Köhler. Der Wert „Magnitude pro Quadratbogensekunde“ (mag/arcsec²) bezieht sich dabei immer auf einen einzigen Stern. Er gibt also an, wie hell der Himmel im Vergleich zum Stern ist. Das Lichter-Spektakel in Las Vegas würde den Wert auf ungefähr 14 mag/arcsec² schrumpfen lassen.

Wenn die Dunkelheit sich niemals schwarz, immer nur orange-gräulich über eine Stadt senkt, dann hat das Folgen für Tiere und Pflanzen. Wenn sich ein Laubbaum seinen Platz mit einer Straßenlaterne teilt, verliert er seine Blätter später und hat deshalb bei Wintereinbruch mit Frostschäden zu kämpfen. Zugvögel donnern vor hell erleuchtete Bauten. Millionen von Straßenlampen in Deutschland beeinträchtigen die Navigation und Orientierung von nachtaktiven Insekten – die Lampe wirkt wie ein Staubsauger und Milliarden Insekten fehlen in der Nahrungskette für größere Tiere oder als Bestäuber von Pflanzen. Lichtverschmutzung ist aber nicht bloß die Lichtglocke über der Großstadt,  „das kann auch eine Straßenlaterne sein, die in dein Schlafzimmer scheint, also fernab vom Zweck eine Nebenwirkung entfaltet, die nicht positiv ist.“, erklärt Dennis Köhler vom Lichtforum NRW. Im Auge des Menschen reagiert ein Pigment auf das Licht und wirbelt deine innere Uhr herum. Die gibt aber den Tagesrhythmus vor. Kein Melatonin, kein Schlaf. Wirklich umfassend erforscht sind die Folgen der Lichtverschmutzung längst nicht.

LED-Leuchte verstärkt Lichtverschmutzung noch

Nachtluftbild Innenstadt

Nachtluftbild der Dortmunder Innenstadt Foto: Forschungslinie "Licht_Raum/Blossey"

Einfach überall die Lichter auszuknipsen, wäre utopisch. Die Städte bleiben eine Glühwürmchen-Party bei Nacht – mit all den Ampeln und angestrahlten Gebäuden und Straßenlaternen. Selbst wenn jede Lichtquelle nur noch nach unten strahlt, reflektieren Straßenbelag und Staubpartikel das Licht in den Himmel. Aber wir können unser Bewusstsein schärfen und die Licht-Nutzung besser planen. „Weißes Licht durch LED-Leuchten wirkt noch einmal vier Mal heller als orangenes Licht.“, problematisiert Dennis Köhler. Moderne Beleuchtung und moderne Beleuchtungskonzepte stehen sich also oft auch völlig entgegen. Wenn unser Wohlstand weiter wächst, wächst auch das Problem der Lichtverschmutzung.

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