1200 Kilometer für ein Unentschieden

Ein Beitrag von Lara Enste

Ein Freund von mir unterstellt mir regelmäßig Wahnsinn in gesteigertem Maße, wenn ich von meinen Auswärtsfahrten berichte. Stundenlange Busfahrten – letztlich für 90 Minuten Borussia Dortmund. Sehr viel Zeit im Bus, viel Geld, das in Karten und Fahrt investiert werden muss. Ob sich das lohne? Er hat es einfach nicht verstanden. Genauso wenig allerdings kann ich es erklären. Rational erklärbar ist das einfach nur bedingt.
Am Samstag war es wieder soweit: Das Abendspiel in Augsburg. 600 Kilometer – eine Strecke. Letztlich für ein Remis. Trotzdem: gute Stimmung. Das Protokoll der schönsten Wochenendbeschäftigung der Welt.

Samstag, 6.00 Uhr, zu Hause
Aufstehen. Ausnüchtern. Los geht’s.
Der Wecker klingelt nach einem typisch studentisch gestalteten Freitagabend viel zu früh. In der Zeitung möchte Horst Heldt Mitleid für seine Blauen (erste Sprachregelung auf Fahrten und allgemein unter Fans: Nenne den Verein westlich von Herne nie beim Namen). Es hält sich bei mir in Grenzen. Mit noch halb geschlossenen Augen Proviant zusammensuchen, 2 Schals, einen dicken Pulli, Getränke, Zeitschriften und iPod für die Fahrt, Gürteltasche für den eigentlichen Stadionbesuch. Los geht’s.

Samstag, 7.00 Uhr, Bushaltestelle
Vogelgezwitscher, leere Straßen. Was tue ich hier um diese Zeit? Der Busfahrer des Linienbusses mustert mich ein bisschen mitleidig, als würde er denken: Mädel, heut ist kein Heimspiel. Dabei lassen mein professionelles Schuhwerk, mein schwarz-gelber Schal und der dicke Rucksack eigentlich auf nicht viel anderes als einen Tagestrip für König Fußball schließen – naja, oder auf einen Wanderausflug ins Sauerland.

Samstag, 8.15, Treffpunkt am Stadion/ im Bus
Alle kennen sich. Alle fragen rhetorisch „Warum tun wir das eigentlich?“. Dabei würde niemand je zu Hause bleiben. Stattdessen Austausch über die Kartensituation bei den nächsten Spielen. Wer ist dabei in Fürth, im DFB-Pokal-Halbfinale?
Mit dem Auswärtsfahren ist das nicht immer so einfach: Im Vorverkauf über eine Telefonhotline gehört viel Glück dazu. Über Fanclubs oder die Fanabteilung ist es auch nicht immer leicht, an Karten zu kommen. Ins Augsburger Stadion passen rund 30.000 Leute, zehn Prozent Gästekontigent ist die Faustregel. Meist schaffen es immer ein paar mehr Dortmunder an Karten.
Die Luft im Bus lässt sich jetzt schon schneiden, die ersten Kronkorken fliegen durch die Gegend, bevor der Motor angelassen ist. Ansage der Busfahrerin: Erste Pause hinter Frankfurt, Klospülung ist rechts, hoffentlich treffen wir keine Kölner. Der Angriff einiger Bescheuerter auf einen Gladbacher Auswärtsbus ist immer wieder Gesprächsthema.

Eine Ladung Fans - vom Studenten bis zur Oma ist alles dabei. Und alle sind bescheuert genug, sich 15 Stunden in den Bus zu setzen. Foto: Lara Enste

Eine Ladung Fans - vom Studenten bis zur Oma ist alles dabei. Und alle sind bescheuert genug, sich 15 Stunden in den Bus zu setzen. Foto: Lara Enste

Samstag, 8.45 Uhr, 580 km bis Augsburg
Angeregte Diskussion über Medien und ihre Berichterstattung. Der Aufreger ist ein Artikel, der in der „Prisma“ erschien und ein sehr einseitiges Bild von Ultras zeichnete – „und das glauben die Omis jetzt doch alle“. Wenn die Fernsehzeitung das Weltbild prägt… Das Sportstudio kriegt Lob von der hinteren Reihen, die hätten auch Stadionverbote sehr differenziert behandelt. Dann vertiefen sich einige wieder in die „Bild“, andere in „11 Freunde“ oder gleich ihre Fußball-Apps.
Ich lasse mich von Gemurmel und Dosenzischen einschläfern. Dazu: BVB-Musik. Was häufig bedeutet: vor Pathos triefende Texte auf Schlagermelodie. Grausam eigentlich. Wann hatte ich mich zuletzt über Karnevalisten und Volksmusik lustig gemacht?

Samstag, 9.30 Uhr, 510 km bis Augsburg
Meine Freundin und traditionelle Auswärtsbegleiterin Sina hat Doping mit, Halstabletten vor allem. Wir beide stehen zusammen auf der Südtribüne und sind zusammen schon in viele Städte gefahren, die letzten größeren Fahrten waren Berlin und München. Damals hatten wir eigentlich gesagt, nie mehr so lange Bus über Nacht, das gab fiese Nackenschmerzen. Wir haben aber beide die Distanz nach Augsburg unterschätzt. Mit dieser Stadt haben wir nicht mehr verbunden als Kindheitserinnerungen an die Puppenkiste – und jetzt stellt sich heraus: Es ist kurz vor München. Na gut. Vielleicht sind wir aber auch sowieso an einem Punkt angelangt, an dem uns weder Distanzen noch die Dauer der Fahrten abschrecken können. Wo ist eigentlich Fürth?

Samstag, 10.15 Uhr, 10 km vor Gießen
Ein Geruch nach Knofi, Wurst und Bierdunst wabert durch den Bus. Guten Morgen. Drinnen diskutieren die Mitfahrer über Fan-Choreographien, „die Blauen“ oder wie Sommerurlaube mit dem Saisonbeginn im August kompatibel sind. Draußen fliegen die Straßenschilder vorbei. Dass wir uns so weit durch Deutschland bewegen, bleibt sowieso abstrakt. Irgendwann werden wir aussteigen und vor einem Stadion stehen. Wo das ist, spielt gefühlt keine Rolle.

Samstag, 11.30 Uhr, knapp hinter Frankfurt, noch 320 km
Gerade eben noch haben wir den Frankfurter Flughafen passiert, da steht jetzt die erste Pause an – samt obligatorischem Besuch einer namhaften Fast-Food-Kette. Da zeigt sich das gewohnte Bild: Zwei Busladungen Schwarz-Gelbe, eine überforderte Mitarbeiterin, die trotzdem unermüdlich Bestellungen aufnimmt und Burger-Bestellungen weitergibt. Am Ende füllt sich der Bus also doch mit dem durchdringenden Geruch von Pommes und billigen Soßen. Zeit zu rauchen hatten auch alle. Und wir Frauen konnten unsere Sammlung an „Sanifair“-Bons erweitern. Ja, genau, diese Gutscheine für die teuren Raststätten-Toiletten. Denn wir benutzen die immerhin.

Die Autorin (links) und ihre Freundin Sina fahren regelmäßig auswärts - trotz überteuertem Raststättenkaffee ist die Laune gut.

Die Autorin (links) und ihre Freundin Sina fahren regelmäßig auswärts - trotz überteuertem Raststättenkaffee ist die Laune gut.

Samstag, 13.30 Uhr, noch 170 km
Mittlerweile hat die Fahrtleiterin uns die Eintrittskarten in die Hand gedrückt. Ansonsten herrscht schläfriges Fresskoma. Einige werden auch ausgelassener und üben schon mal Gesänge – das Ganze hat ein bisschen was von Klassenfahrt. Nur, dass Alkohol erlaubt ist. Beschäftigungen also weiterhin: Musik hören, trinken, langweilen, Spielergebnisse tippen, langweilen, lesen.

Samstag, 14.30 Uhr, noch 100 km
Sonnige Pause. Sündhaft teurer Kaffee, trotz Sanifair-Gutscheinen. Immer wieder amüsieren wir uns über die verunsicherten Blicke der Autofahrer, wenn sie den Bus und die vielen mit Trikot ausgerüsteten Menschen sehen. Das sind nur Menschen, die nach Augsburg fahren, die wollen nur das Spiel sehen. Keine Angst.

Wo ist eigentlich Augsburg? Achja, in Bayern. Immer noch weit weg.  Foto: Lara Enste

Wo ist eigentlich Augsburg? Achja, in Bayern. Immer noch weit weg. Foto: Lara Enste

Samstag, 15.45 Uhr, noch 10km
Wir hören jetzt Antenne Bayern. Auf den Straßenschildern steht „Zusmarshausen“ oder „Dinkelscherben“. Wir sind definitiv in einem anderen Land, tief im bajuvarischen Herzen. Im Radio interessieren sie sich mehr für Biathlon, obwohl der FC Bayern mit am Ende 7:1 gegen die Hoffenheimer ordentlich vorlegt. Es läuft „Somewhere over the rainbow“ – und wir sind gleich da. Im Nichts: ein Acker, ein Parkplatz, ein Stadion. Ziemlich viele Borussen sind schon da, etwa 15 Busse bisher. Was machen wir jetzt hier im Nirvana noch bis zum Anstoß in mehr als zwei Stunden?

Im Stadion
Eine völlig fremde Kultur: Es gibt rote und weiße Bratwurst und noch etwas, das sich Bierknacker nennt. Die Augsburger zelebrieren dann auch tatsächlich etwas Marionette-Folklore, Kasper tippt ein 1:0 für den FCA. Dann geht das Spiel los. Nickelig, viele Fouls, Augsburg steht gut. Wir regen uns auf – über schlecht geführte Zweikämpe, über Klopps Auswechslungen. Am Ende ein 0:0. Noch nicht mal ein gutes. Die Choreographie – ein Bild, das die Fans im Block durch hochgehaltene Schilder entstehen lassen – sah toll aus. Die schwarz-gelben Blöcke waren laut. Trotzdem Ernüchterung.

Samstag, 20.40 Uhr, 580 km bis Dortmund
Alle sitzen im Bus. Jetzt einfach kurz und schmerzlos zurück nach Dortmund. Einige diskutieren noch das Spiel, andere öffnen das nächste Bier. Und ich bin schon wieder müde. Kapuze auf, Kopfhörer in die Ohren. Gute Nacht.

Samstag, 23.19 Uhr, noch 320 km
Nicht mehr viel mit Klassenfahrt. Sondern eher viele Menschen in einem Reisebus, die jetzt nach Hause wollen. Ein paar Unerschütterliche singen Borussen-Lieder. Dieser Sing-Sang macht mich glücklich, schläfert dann aber auch zwangsläufig wieder ein.

 Im Bus hat jeder für acht Stunden nicht mehr als einen Sitz mit eingeschränkter Beinfreiheit. Foto: Lara Enste

Im Bus hat jeder für acht Stunden nicht mehr als einen Sitz mit eingeschränkter Beinfreiheit. Foto: Lara Enste

Sonntag, 00:30, noch 240 km
Wir treffen einen anderen Bus. Da muss doch mal direkt laut gesungen werden. Das Ergebnis ist schon kein Thema mehr. Nach der Pause: Halbstundenschlaf, es läuft ein Film mit Matt Damon.

Sonntag, 3:40 Uhr, Ankunft Dortmund Hauptbahnhof
Das große Rennen beginnt. Viele wollen in den RE1 um Viertel vor. Gibt eben nicht nur in Dortmund BVB-Fans. Alle anderen trifft man zwangsläufig im McDonalds, wo sich um diese Zeit genau zwei Gruppen tummeln: Kleine Mädchen, die vom Feiern kommen, ihre hochbehackten Füße hochlegen und auf den Nachtbus warten. Und hungrige, teils betrunkene Fußballfans, die sich zwar kein bisschen ausruhen müssen, aber auch auf den Nachtbus warten.
Bei einer traditionellen nächtlichen Pommes erzählt Sina nochmal, dass sie diese Saison nur drei Auswärtsfahrten verpasst hat, nach Mainz, Bremen und Freiburg. Sonst ist sie immer dabei gewesen. Warum? Für diese Sinnfrage sei es jetzt zu spät. Aber es gehört dazu. Der BVB muss unterstützt werden, die Stimmung ist meist gut, unglaublich sogar, wenn es schöne oder kämpferische Spiele seien. Es ist nicht so, dass wir nichts anderes zu tun haben. Sina fährt Mountainbike-Rennen und „könnte auch am Wochenende mal was für die Uni tun“. Ich muss morgen – äh, heute – arbeiten. Also, rein in den Nachtbus.

4.45 Uhr, zu Hause
22 Stunden bin ich aus dem Haus, 15 davon waren die Busfahrt. Für jede einzelne der 90 Spielminuten saß ich also zehn Minuten im Bus. Für ein 0:0. Natürlich ist das nicht rational, das halbe Wochenende ist weg und wir haben kein einziges Tor gesehen. Aber es gab eine tolle Choreographie, die Stimmung war gut, die Mannschaft hatte den viel zitierten 12. Mann dabei. Und zu Hause hätten wir doch auch nicht entspannt Eis essen können – während Borussia spielt. Vielleicht ist selbst dieser eine Punkt für die Meisterschaft ja nochmal enorm wichtig. Die Karten für Fürth liegen in der Schublade. Haltet mich doch für bekloppt.