Glosse: Keine Kekse vor Dezember


Um eines klarzustellen: Die Weihnachtszeit ist wirklich toll. Also die echte, die mit dem ersten Advent beginnt. Nicht die im August bei 30 Grad im Schatten. Schokoladenkekse in Tannenbaum-Form schmecken eben nicht so gut, wenn sie unter der glühenden Sonne dahinschmelzen. Und „Last Christmas“ taugt nicht zum Sommerhit.

Klar, auch ich bekomme Lust auf leckere Lebkuchen, wenn es langsam kälter wird. Aber ich bleibe hart und befolge Muttis Anweisungen aus Kindertagen: Weihnachts-Süßigkeiten erst ab dem ersten Advent! Weil der erste Adventssonntag unerwarteterweise auf einen Sonntag fällt, stehe ich vor verschlossenen Supermarkt-Türen. „Nur noch einmal schlafen, dann kannst du dich endlich mit Keksen und Marzipan vollstopfen“, beruhige ich mich. Der nächste Tag ist der 1. Dezember – ein schönes Datum für den Beginn meiner vorweihnachtlichen Fress-Orgie.

Zimtstern-BWL für Dummies

Im Laden dann der Schock: alles weg! Keine Kekse, keine Schokolade, kein Weihnachten. Ich werde wütend und pampe einen Verkäufer an. Was ihm denn einfiele, am 1. Dezember keine Weihnachtssachen mehr zu verkaufen? „Nun ja, äh, das Angebot bestimmt die Nachfrage und die Nachfrage den Supermarkt“, schwadroniert der Discounter-Dödel und versucht verschämt, das „BWL für Dummies“-Buch unter seinem Stuhl verschwinden zu lassen. Ich verstehe kein Wort und beschließe, mein Glück im nächsten Laden zu versuchen.

Doch überall erwartet mich das gleiche Bild: leere Regale, nichts zu futtern. Habe ich die Information verpasst, dass dies das letzte Weihnachten für alle Zeiten werden wird? Wieso bin ich auch so blöd, bis Dezember zu warten? Wenn die Weihnachtszeit jetzt schon im Spätsommer anfängt, muss man sich anscheinend anpassen. Nächstes Jahr passiert mir das nicht noch einmal! Doch für den Moment bringt mir das auch nichts und ich hetze weiter. Ich bin fest entschlossen, nicht aufzugeben, bis eine weihnachtliche Süßigkeit meine Lippen berührt. Und wenn ich dafür jeden Supermarkt der Stadt durchkämmen muss.

Die letzten Schokokugeln

Am späten Abend erreiche ich kurz vor Ladenschluss den entlegensten Supermarkt der Stadt. Ich werfe mich auf den Boden und krieche unter dem Sicherheitsgitter hindurch, das gerade heruntergelassen wird. Bedrohlich baue ich mich vor der Kassiererin auf. Ihre Hand zuckt kurz in Richtung Alarmknopf. „Ich will Kekse!“, brülle ich sie an. Meine Lautstärke erschreckt mich selbst ein wenig. „Ähm, Kekse haben wir leider nicht mehr, aber, äh, da hinten müssten noch ein paar Schoko-Kugeln sein“, stammelt die Kassiererin ängstlich und deutet mit ihren dürren Fingern in die hintere Ecke des Supermarkts.

Sofort stürme ich los und finde das Objekt meiner Träume: eine letzte Tüte mit Schoko-Kugeln! Vor meinem inneren Auge erscheint ein Engelschor, der die Süßigkeiten, die plötzlich zu leuchten beginnen, wohlklingend lobpreist. Auf dem Weg zur Kasse rempele ich einen Rentner um, der offenbar im Laden vergessen wurde. Im Vorbeilaufen stecke ich der Kassiererin einen 50-Euro-Schein zu und rufe: „Stimmt so!“

Während ich unter dem Sicherheitsgitter zurückrobbe, reiße ich die Tüte auf und befreie eine Kugel aus ihrem bunt-glitzernden Knisterfolien-Gefängnis. Die köstliche Schokolade ist Balsam für meine geschundene Weihnachts-Seele. Doch irgendetwas ist seltsam. Die Kugel ist gar nicht rund, sondern eher oval. Ich werfe einen Blick auf die Verpackung. Von der Tüte lächelt mir fröhlich ein bunter Osterhase zu.

Foto: Deus Figendi/flickr

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