„Industrie 4.0“: Wenn intelligente Schränke Tipps geben

Selbstfahrende Gabelstapler und Regale, die zum Einsatz kommen, wenn der Mensch überfordert ist  – diese Innovationen werden an der TU Dortmund entwickelt. Bei der 2. Dortmunder Wissenschaftskonferenz waren die Erfindungen Thema. Eine Veranstaltung ganz im Zeichen der Digitalisierung. 

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Moderator Michael Steinbrecher (v.l), Referent Henning Kagermann, FH-Rektor Wilhelm Schwick, Referent Michael ten Hompel, TU-Rektorin Ursula Gather und Oberbürgermeister Ullrich Sierau.

„Industrie 4.0“ – diese Bezeichnung taucht regelmäßig in der medialen Berichterstattung auf. Was das konkret bedeutet, wissen die wenigsten. Der Mann, der die Erklärung liefern kann, heißt Professor Henning Kagermann. Der Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften in Berlin gilt als Erfinder des Titels „Industrie 4.0“. Konkret geht es zum Beispiel um Maschinen, die ihre Arbeit selbst koordinieren, mit anderen Geräten zusammenarbeiten und sich selber optimieren. Ein weiteres zentrales Stichwort ist „Big Data“. Durch die rasche Auswertung riesiger Datenmengen kann unter anderem Verbraucherverhalten konkreter vorhergesagt werden. Autonome Roboter, selbstfahrende Autos und Häuser, in denen Technik wie beispielsweise die Heizung sensorgesteuert sind, sind die ersten bekannten Entwicklungen der „Industrie 4.0“.

Heute stellte Kagermann bei der 2. Dortmunder Wissenschaftskonferenz im Rathaus seine Profession vor. 2014 fand das Format zum ersten Mal statt. Lokale Akteure aus Wissenschaft und Forschung nutzen das Forum zum Austausch – in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt „Digitaler Fortschritt“. Kagermann bemühte sich, den rund 100 Gästen die „Industrie 4.0“ verständlich zu machen. „Wir stehen am Beginn der vierten industriellen Revolution“, sagte der Experte. Grund seien neue Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben.

Individualität vs. Datensicherheit

Vordenker Kagermann ist überzeugt vom Potenzial der neuen Technologien: „Wer die Daten der Nutzer mit dem Angebot verbindet, wird in Zukunft das Geschäft machen.“ Individuelle Produkte und Dienstleistungen könnten erreicht werden. Exemplare seien elektronische Lernprogramme, die auf Grund der Daten des Nutzers individuelle Aufgaben zusammenstellen. Roboter könnten für Menschen unmögliche Aufgaben übernehmen. „Wir könnten intelligente Maschinen im Rahmen der Energiewende nutzen, um Atomkraftwerke zurückzubauen“, so Kagermann. Unternehmen sei es durch „Industrie 4.0“ möglich, Kosten zu senken. Unter anderem werde vorausschauendes Planen erleichtert. 

In seinem Vortrag ging Kagermann auch auf die Risiken des technischen Fortschritts ein. In Sachen Datenschutz und IT-Sicherheit müssten noch Lösungen gefunden werden. Einen Kontrollverlust der Menschen über die künstliche Intelligenz sieht er aber nicht kommen. Robotern würden soziale Fähigkeiten fehlen, um sich selbstständig zu machen. Jobverluste werde es durch den Einsatz von Maschinen allerdings geben. „Das gilt vor allem für Berufe mit hohem Routineanteil“, sagte Kagermann. Allerdings werde es neue Tätigkeiten geben: „Wir werden mehr Datenanalysten benötigen.“ Diese müssten Maschinen kontrollieren und steuern.

Aktuell macht sich Kagermann Sorgen, dass Deutschland und Europa den Anschluss an die technische Entwicklung verlieren. Das liege in Deutschland zum Teil am Perfektionismus der Wissenschaft. Bei technischen Innovationen gebe es rasante Entwicklungen. Neuerungen müssten daher schnell auf den Markt. Deutsche Wissenschaftler könnten dem Tempo häufig nicht folgen, da sie ihre Entwicklungen erst vorstellen, wenn sie vollkommen ausgereift sind.

Bald ist die Lieferung vor der Bestellung unterwegs

Forscher, die die „Industrie 4.0“ vorantreiben wollen, gibt es auch an der TU Dortmund. Professor Michael ten Hompel, Inhaber des Lehrstuhls für Förder- und Lagerwesen, ist einer von ihnen. Er stellte auf der Wissenschaftskonferenz Konzepte für die Logistikbranche vor, die mit Hilfe von Konzepten der „Industrie 4.0“ an der TU entwickelt werden. So gibt es bereits einen Gabelstapler, der sich automatisch hinter Firmenmitarbeitern herbewegt. „Aktuell arbeiten wir an einem intelligenten Regal“, sagte ten Hompel. „Das ist mit einer Fernsehkamera ausgestattet.“ Die Kamera scannt das Gesicht von Personen, die vor dem Regal stehen. Das System wertet das Bild auf. So kann es abschätzten, ob ein Mensch zum Beispiel erhöhten Blutdruck hat. „Aufgrund dieser Auswertung gibt das Regal dann Tipps, wie: Beim nächsten Mal solltest du weniger Dinge auf einmal tragen“, so ten Hompel. Lieferzeiten seien mit Hilfe von Big-Data-Algorithmen zu reduzieren. „Wir fangen an zu berechnen, wer wahrscheinlich wann welche Ware bestellen wird und schicken sie vorher los“, sagte ten Hompel. Deshalb tendiere die Zeit zwischen Bestellung und Lieferung langfristig gegen null. Um die Innovationen zu etablieren, brauche die deutsche Forschung allerdings mehr Selbstbewusstsein. Insbesondere Dortmund habe großes Potenzial.

Beitragsbild: flickr / KIT TECO lizensiert nach Creative Common

Artikelbild: Janis Beenen

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