Kino-Tipp: Die Einsamkeit der Primzahlen

logo_kino-tipp„Die Einsamkeit der Primzahlen“ ist ein berührender Film über das Leben und Nicht-Leben mit einem Trauma aus der Kindheit. Gleichzeitig erzählt die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellerromans von Paolo Giordano die Liebesgeschichte zwischen Mattia und Alice, die die Einsamkeit verbindet, aber auch voneinander fern hält.

Auch als Mattia für mehrere Jahre zum Arbeiten nach Deutschland geht, bleiben sie in Gedanken verbunden. Foto: NFP / Bavaria Pictures, Katharina Simmet

Auch als Mattia für mehrere Jahre zum Arbeiten nach Deutschland geht, bleibt er mit Alice in Gedanken verbunden. Foto: NFP / Bavaria Pictures, Katharina Simmet

„Du bist sehr schön“, sagt Mattia der abgemagerten Alice, als sie sich nach Jahren an weit entfernten Orten in getrennten Leben wieder sehen. Ihre Körper haben sich während dieser Zeit stark verändert, doch sie zehren von den immer gleichen, unerreichbar tief verankerten Problemen und Erinnerungen. Sein Satz ist wie die Antwort auf eine viel früher gestellte Frage: „Findest du mich schön?“, hatte Alice bei ihrem ersten Gespräch gefragt. „Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht.“

Außenseiter im Leben

Alice und Mattia sind beide Außenseiter in der Schule, sind beide Außenseiter im Leben. Auslöser sind tragische Ereignisse in ihrer Kindheit, die sie nicht loslassen und die sie nicht vergessen können. Alice hat einen schweren Skiunfall, danach kann sie nicht mehr richtig laufen – und ihrem Vater nicht mehr und den Menschen um sie herum nur noch schwer vertrauen. Mattias Schicksal ist noch tragischer: „Du musst ein großer Junge sein“, sagt ihm seine Mutter ständig. Nur einmal will er allein bei Freunden Spaß haben, nur einmal vernachlässigt er seine Beschützerrolle – seine geistig behinderte Zwillingsschwester ist seitdem verschwunden.

Auf einer Party lernen sich die beiden Außenseiter Alice und Mattia kennen - und fühlen sich in ihrer Einsamkeit sofort verbunden. Foto: NFP / Bavaria Pictures, Lorenzo Castore

Auf einer Party lernen sich die beiden Außenseiter Alice und Mattia kennen - und fühlen sich in ihrer Einsamkeit sofort verbunden. Foto: NFP / Bavaria Pictures, Lorenzo Castore

Als sich Mattia und Alice in der Schule kennenlernen, ist die Einsamkeit des anderen anziehend. Sie werden enge Freunde und für den anderen die einzige Vertrauensperson. Eine richtige Beziehung wird es jedoch nie. „Wie soll ich es ohne dich aushalten?“, fragen sich beide, als Mattia für mehrere Jahre nach Deutschland geht.

Sie bleiben gedanklich verbunden und ihre Beziehung wandelt sich – kaum merklich – von vorsichtiger Verbundenheit zu Sehnsucht nach der Nähe des Anderen. Als sie sich endlich wiedersehen, schafft es Alice, ihr Dilemma in Worte zu fassen: „Du bist immer noch schwer zu kriegen.“

Einsam wie Primzahlen

Ihre Beziehung ist geprägt von Anziehung und Verschlossenheit, von stetiger Annäherung und stetiger Zurückhaltung. Dies verdeutlicht auch die Wahl des Filmtitels. Wie Primzahlen stehen sie in keinerlei Beziehung zu anderen und auch an andere ihrer Art kommen sie nie ganz heran: Selbst zwischen Primzahlzwillingen ist immer ein Abstand von zwei. So ähnlich sich Mattia und Alice auch sein mögen, vollkommen annähern können sie sich nicht.

Bedrückend mit starken Bildern

Eine Entscheidung, die sein ganzes Leben verändern soll: Mattia lässt mit 8 Jahren seine Zwillingsschwester allein im Park zurück. Foto: NFP / Bavaria Pictures, Simone Martinetto

Eine Entscheidung, die sein ganzes Leben verändern soll: Mattia lässt mit acht Jahren seine Zwillingsschwester allein im Park zurück. Foto: NFP / Bavaria Pictures, Simone Martinetto

Saverio Costanzo und sein Team schaffen es, dem Zuschauer die in sich gekehrten Protagonisten und ihre vorsichtig zärtliche Beziehung glaubhaft zu vermitteln. Dies gelingt zum einen durch starke Bilder und Übergänge: Das immer wiederkehrende Symbol des leeren Tunnels, dargestellt zum Beispiel durch einen Gang in der Schule, einen Hotelflur und eine Brückenunterführung, verdeutlicht die Einsamkeit und Unsicherheit von Mattia und Alice und baut durch die Verbildlichung des Ungewissen Spannung auf. Zum anderen wird Spannung durch die Musik erzeugt.

Es gibt drei Erzählstränge, die zu Beginn des Films mit eingeblendeten Jahreszahlen verdeutlicht und durch eine bestimmte Musikrichtung charakterisiert werden: Das traumatische Ereignis der Protagonisten in ihrer Kindheit, ihr Kennenlernen während der Schulzeit und ihr Leben als Erwachsene, was schließlich als alleiniger Erzählstrang den Film beendet. Wie es zu ihrem Trauma kam, erfährt der Zuschauer erst nach und nach durch Andeutungen und die dargestellten Folgen. Er ahnt, was es war und bekommt erst Gewissheit, als Mattia und Alice sich ihre schlimmsten Erlebnisse anvertrauen.

Durch die geringe Handlungsdichte zieht sich der Film leider sehr in die Länge. Der Humor ist durch die skurrilen Charaktere zum Teil schwer zu erkennen und zu verstehen. Daher ruft der Film beinahe durchgehend eine bedrückende und deprimierende Atmosphäre hervor.

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