Kein Kaffeekochen: Drei außergewöhnliche Auslandspraktika

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Willkommen in der Generation Praktikum! Die pflichtlektüre hat mit drei ehemaligen Praktikant*innen gesprochen, die einen außergewöhnlichen Einsatz hinter sich haben – und nicht nur vom Kopieren und Kaffee kochen berichten können. 

Auslandspraktikum in der Heimat

Conny Koob bei ihrer Arbeit im CAPE.

Conny Koob arbeitete in Luxemburg.

Conny Koob ist 21 Jahre alt und belegt an der Uni Köln den Medienstudiengang Intermedia. Geboren und aufgewachsen ist sie in Luxemburg, wo sie ein freiwilliges Praktikum im Centre des Arts Pluriels (CAPE) in Ettelbruck absolvierte. In diesem regionalen Kulturzentrum werden verschiedene Veranstaltungen wie Konzerte und Theaterstücke aufgeführt. Conny arbeitete dort von Mitte April bis Mitte Juli.

  1. Die Idee

Conny hat die Ausschreibung für die Stelle im CAPE durch Zufall im Internet gelesen. „Aber dann dachte ich direkt: Ja scheiße, du bist im sechsten Semester und hast eigentlich gar keine Zeit mehr für ein Praktikum“, erzählt die Studentin. Deswegen musste sie erstmal eine Nacht darüber schlafen. Als die Ausschreibung am nächsten Morgen noch immer in ihrem Kopf herumgeisterte, schickte sie spontan ihre Bewerbungsunterlagen los. Nach dem Motto: Einfach mal schauen, was passiert.

  1. Der Bewerbungsprozess

Noch am selben Tag kam ein Anruf vom CAPE mit der Einladung zum Vorstellungsgespräch, das für den nächsten Tag geplant war. Das Treffen mit den beiden Direktoren und der Frau, die für Kommunikation und PR zuständig ist, war ziemlich speziell, denn die Unterhaltung wurde in drei Sprachen geführt: Luxemburgisch, Deutsch und Französisch – und das immer im Wechsel. Damit testeten ihre Chef*innen, ob Conny die Sprachen gut genug beherrscht. „In Luxemburg kommt man ohne diese drei Sprachen nicht weit“, erklärt sie.

Das Kulturzentrum CAPE in Luxemburg.

Das Kulturzentrum CAPE in Luxemburg.

  1. Das Praktikum

Conny bekam schon einen Tag später die Zusage. „Das ging alles ziemlich fix.“ Sie arbeitete von Montag bis Donnerstag und konnte sich ihre acht Stunden pro Tag frei einteilen. Hauptsache, sie kam am Ende auf 32 Wochenstunden. Damit Conny nebenbei noch ihren Abschluss machen konnte, hatte sie die Seminare für das aktuelle Semester ausschließlich als Blockveranstaltungen gewählt. Jeden dritten Freitag fuhr sie deshalb von Ettelbruck zurück nach Köln, um ihr Studium zu Ende zu bringen. Ansonsten kümmerte sie sich an den freien Wochentagen um laufende Uniprojekte.

  1. Der Alltag

 Einen typischen Alltag im Kulturzentrum gab es nicht. Conny beschreibt die Tage als abwechslungsreich und ziemlich spontan. Zu ihren Aufgaben in den drei Monaten zählte es, Aushänge zu gestalten, Texte für die Broschüre der neuen Saison zu schreiben und Pressemitteilungen zu verfassen. Außerdem richtete sie die Logen für die Künstler*innen und Schauspieler*innen her und besprach mit den Grafiker*innen die Flyer.

  1. Verantwortung

Die Kolleg*innen vertrauten ihr und ließen sie viele Texte für die Broschüren und Aushänge allein entwerfen. Manchmal musste Conny sich auch mit Bereichen befassen, mit denen sie noch nie zu tun gehabt hatte, wie zum Beispiel die Gebäudeplanung Als niemand aus dem Team Zeit hatte, führte Conny die Mitarbeiter*innen einer Beschilderungs-Firma durch das Zentrum.

  1. Theorie und Praxis

Im Intermedia-Studiengang in Köln beschäftigt Conny sich mit Medienbildung, Medienkultur und -gestaltung. Ihre Arbeit im Kulturzentrum war „doch schon ein bisschen was anderes“, meint sie. Manche Software aus dem Studium konnte Conny aber auch für die Layouts im CAPE benutzen. „Das hat mir schon sehr viel geholfen.“

Conny entwirft die Aushänge im CAPE.

Conny entwarf die Aushänge im CAPE.

  1. Witzigster Moment

Conny sollte die Logen für ein Theaterstück am Abend vorbereiten. Plötzlich stand ihr mitten in einer der Loge ein halbnackter Mann gegenüber. Nach dem ersten Schreck-Moment erklärte er die Situation: Der Mann gehörte zur Theaterkompanie. Er wollte sich für die Generalprobe umziehen. „Es war schon ein bisschen peinlich.“

  1. Uni oder Job

Einen Unialltag wird es für Conny nach dem Praktikum nicht mehr geben, da sie in den Ferien ihre Bachelorarbeit schreibt. Trotzdem hat sie „schon seit längerem permanent mehr Bock, arbeiten zu gehen“.

  1. Finanzierung

Weil ihre Eltern 30 Kilometer vom CAPE entfernt wohnen, musste sie sich keine Unterkunft für die drei Monate suchen, sondern konnte wieder zuhause einziehen. Wäre das nicht möglich gewesen, hätte sie die Stelle trotzdem antreten können. Denn das Praktikum im CAPE wird bezahlt.

 

Jugendzentrum in insolventer Bank

Tobias Busch arbeitete in Griechenland.

Tobias Busch in Griechenland.

Tobias Busch ist 23 Jahre alt und studiert an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe Gemeindepädagogik und Diakonie. Er war vor einem Jahr in Griechenland und hat dort sein Auslandspraktikum absolviert. Für einen Monat hat er bei der Organisation Street Lights in Athen gearbeitet und die restlichen zwei Monate bei einer christlichen Gemeinde in Thessaloniki verbracht.

  1. Die Idee

Das Auslandspraktikum in Griechenland war für Tobias eher eine Notlösung. Ursprünglich wollte er ein halbes Jahr davor auf die Philippinen und dort Praxiserfahrungen im Bereich Jugendarbeit sammeln. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er jedoch nicht fliegen und musste nach Alternativen suchen. Er hatte selbst einen Kontakt zur Jugendorganisation in Athen. Ein Freund stellte dann die Verbindung zu einem Pfarrer in Thessaloniki her.

  1. Der Bewerbungsprozess

„Ob ich einen offiziellen Bewerbungsprozess durchlaufen musste? Jein, das war mehr eine Pseudobewerbung“, sagt Tobias. Er schickte seine Unterlagen an eine deutsche Mission. Diese vermittelt auch Student*innen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machen wollen an Arbeitsplätze in der Gemeinde vermittelt. Die Bewerbung von Tobias musste über die Mission laufen, damit er in Griechenland versichert war. Die eigentliche Zusage hatte er schon vorher in der Tasche – ganz ohne offizielles Bewerbungsgespräch. Nur der Pfarrer hat sich zuvor mit ihm unterhalten.

Das Jugendzentrum im Bank-Gebäude.

Das Jugendzentrum im Bank-Gebäude.

  1. Das Praktikum

Während seiner Zeit bei der Oraganisation Street Lights kümmerte sich Tobias um die Jugendarbeit und gab Glaubenskurse für Straßenkinder. Außerdem half er dabei, ein Jugendzentrum im Gebäude einer insolventen Bank aufzubauen. Trotz der Umbauten war die Bankfiliale immer noch zu erkennen. Allein die Marmorböden und die Sicherheitstür verrieten, wer hier ursprünglich zuhause war. Mittlerweile ist zumindest die Tür ausgetauscht worden, den Marmorboden gibt es noch immer.

Die restlichen Wochen lebte Tobias in der christlichen Gemeinde in Thessaloniki und kümmerte sich auch dort um die Jugendarbeit. In dieser Zeit hat Tobias rund 150 Überstunden gemacht. „Das Leben in Griechenland geht bis in die Nacht, deswegen sind da viele Stunden zusammen gekommen. Das war schon 24/7.“

  1. Der Alltag

Bis ungefähr 12 Uhr hatte Tobias jeden Tag Zeit für sich. Dann stand ein Treffen mit seinem Kontaktmann aus der Organisation an oder ein Auswertungsgespräch mit dem Pfarrer. Es folgten Gebetskreise mit den Einheimischen. Abends zog Tobias meistens mit den Jugendlichen aus der Umgebung los. Mal spielten sie Fußball, kickerten, und einmal schauten sie den Eurovision Song Contest zusammen an. Da Tobias kein Griechisch spricht, unterhielten sie sich auf Englisch.

  1. Verantwortung

Tobias hat sowohl in der Gemeinde, als auch in der Jugendorganisation schnell Verantwortung übertragen bekommen. Er musste vieles eigenständig organisieren und Aktivitäten für die Kinder planen.

  1. Theorie und Praxis

In seinem Praktikum konnte er „schon einiges“ aus der Uni anwenden. Trotzdem hat er mehr von seinen früheren ehrenamtlichen Jobs profitiert. Denn er arbeitet schon seit fast zehn Jahren mit Jugendlichen und konnte vieles in Griechenland weiterführen.

Tobias arbeitete 24/7.

Tobias arbeitete 24/7.

  1. Außergewöhnlichster Moment

Außergewöhnlich gut lief ein Jugendcamp, das Tobias mitplanen und leiten durfte. Teilnehmer*innen waren Kinder aus dem Jugendzentrum, von denen die wenigsten schon mal außerhalb ihres eigenen Blocks waren. Dabei war sein persönliches Highlight, dass die Kinder sich völlig unvoreingenommen auf Workshops eingelassen haben und in dieser einen Woche über sich hinaus gewachsen sind.

Außergewöhnlich schlecht hingegen lief ein Tagesausflug, den er für das Jugendzentrum in Athen planen sollte. Das stellte seine Hauptaufgabe für die vier Wochen in Athen dar. Nachdem er das Konzept geplant und sein Programm vorgestellt hatte, lehnte die Organisation jedoch ab. Sie glaubte nicht, dass sein Projekt durchführbar sei. Er musste schließlich mit dem Team ein neues Konzept ausarbeiten.

  1. Uni oder Job

„In Griechenland hab ich mir gedacht: Oh nein, muss ich jetzt echt wieder in die Uni?“ Tobias war gerade erst in der Praxis angekommen und hatte keine Lust auf den öden Unialltag samt Prüfungen. Trotzdem war er froh, als er in der Gemeinde fertig war, denn 150 Überstunden innerhalb von nur zwei Monaten gingen ihm ziemlich an die Substanz. Generell hat er aber Lust, außerhalb von Deutschland zu arbeiten und dort sein Glück zu versuchen.

  1. Finanzierung

Tobias hat von der Hochschule eine kleine Summe als Unterstützung für sein Auslandspraktikum dazu bekommen. Seine Uni verfügt dafür über einen Pool an Geldmitteln und entscheidet je nach Antrag der einzelnen Bewerber*in, wer unterstützt wird und wie viel Geld bekommt. Den Rest musste er sich selbst finanzieren, da weder das Praktikum im Jugendzentrum, noch die Arbeit bei der Gemeinde vergütet wurde. Dafür konnte er für fünf Euro am Tag in der Gemeinde übernachten und musste sich nur noch um sein Essen kümmern.

 

Zahnarzt für Waisenkinder

Moritz Boeddinghaus in Kambodscha.

Moritz Boeddinghaus in Kambodscha.

Moritz Boeddinghaus ist 29 Jahre alt, Zahnarzt und macht zurzeit seinen Facharzt in Oralchirugie. Er studierte an der Justus-Liebig-Universität in Gießen Zahnmedizin und absolvierte nach seinem achten Semester in Kambodscha eine Famulatur, ein Praktikum für werdende Ärzt*innen. In Phnom Penh, der Hauptstadt von Kambodscha, behandelte er Waisenkinder für sieben Wochen.

  1. Die Idee

Moritz und ein Kommilitone wollten für ihre Famulatur ursprünglich nach Kapstadt gehen, um ein zahnärztliches Hilfsprojekt zu unterstützen. In Südafrika hätten sie für ihre Mitarbeit allerdings 1000 Dollar zahlen müssen, deswegen haben sie sich nach Alternativen umgeschaut. Schließlich fiel die Entscheidung auf Kambodscha.

  1. Der Bewerbungsprozess

„Der lief wirklich sehr unbürokratisch“, meint Moritz. Sie planten die Hilfsorganisation Cambodia World Family (CWF) in Kambodscha zu unterstützen, die ein australischer Zahnarzt betreut. Moritz meldete sich per Mail bei ihm und sollte lediglich sagen, wann sie vorbeikommen wollten. Damit hatten die beiden ihren Famulatur-Platz in Phnom Penh sicher. Einen richtigen Bewerbungsprozess gab es nicht.

Das Team klärte über die richtige Zahnpflege auf.

Das Team klärte über die richtige Zahnpflege auf.

  1. Das Praktikum

Moritz arbeitete von 8 Uhr morgens bis 13 Uhr mittags bei CWF und behandelte Waisenkinder. Danach ging er mit seinem Kommilitonen häufig in eine benachbarte Herzklinik, um Kinder an den Zähnen zu versorgen, die kurz vor ihrer Herz-Operation standen. Das war wichtig, weil die Mundgesundheit Einfluss auf Herzerkrankungen haben kann. Manchmal besuchten sie auch eine Schule, in der buddhistische Mönche unterrichtet wurden. Auch die Mönche ließen sich von den beiden Studenten an den Zähnen behandeln. Für diese Behandlungen mussten Moritz und sein Freund allerdings fast die gesamte Ausrüstung selbst mitbringen. „Das war alles ein bisschen spartanischer. Da gab es fast nichts außer Stühle und Licht.“

  1. Der Alltag

Der Arbeitstag bei CWF sah immer ziemlich ähnlich aus. „Wir hatten da morgens 50 Kinder im Wartezimmer sitzen, die wir dann behandelt haben.“ Dabei haben sie bei ihren Patient*innen fast alles gemacht: Von der Zahnreinigung über Füllungen, bis hin zum Ziehen. Neben der Behandlung versuchten die beiden, die Kinder über die richtige Zahnpflege aufzuklären. Die kambodschanischen Arzthelferinnen haben dabei gedolmetscht.

  1. Verantwortung

Moritz hatte viel Eigenverantwortung, trotzdem fühlte er sich nicht allein gelassen: „Wenn man gesagt hat: ‚Nein, ich trau mir das nicht zu’, dann war eigentlich in der Regel auch immer jemand da, der das dann übernommen hat.“

  1. Theorie und Praxis

Die beiden Studenten konnten ihr Wissen aus dem bisherigen Studium anwenden. Die Zahnprobleme, die sie in Kambodscha behandelten, hatten sie schon in der Uni geübt. Trotzdem lernten sie noch einiges dazu.

Moritz bei einer Behandlung.

Moritz bei einer Behandlung.

  1. Außergewöhnlichster Moment

Die Reaktionen der kambodschanischen Kinder sind Moritz in Erinnerung geblieben. Im Gegensatz zu Deutschland freuten sich die Kinder nämlich immer auf die Behandlung. „Sie waren froh, dass sich jemand um sie kümmert und haben sich am Ende immer mit einem buddhistischen Gruß bedankt. Das war sehr schön.“ Ansonsten war es für Moritz toll, am Leben der Einheimischen teilzunehmen. Sein Kommilitone und er wurden nicht wie Touristen behandelt und unternahmen viel mit den Zahnarzthelferinnen. Manchmal waren die beiden Studenten sogar auf Hochzeiten eingeladen.

  1. Uni oder Job

Auf den Unialltag hatte Moritz nach seinem Praktikum keine große Lust, obwohl sie in der Uni halbtags auch Patient*innen behandeln. Trotzdem war er froh, nach sieben Wochen wieder nach Hause zu kommen. Besonders auf das Essen freute er sich, da es endlich wieder etwas anderes als Reis gab. Er hätte nicht viel länger bei CWF arbeiten wollen. „Obwohl es in Kambodscha sehr schön war, weiß man dann auch irgendwie, was man an Deutschland hat.“

  1. Finanzierung

Moritz finanzierte die sieben Wochen privat. Seine Arbeit für die Hilfsorganisation wurde nicht bezahlt.

Beitragsbilder: Flickr.com/Niklas Morberg und privat

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