Ausstellung: Viren, ein subversives Kunstprojekt

Bei einer Aktion Dortmunder Kunststudentinnen unter der Leitung von Susanne Ristow wird Ansteckung als kreativer Prozess verstanden. Am Mittwoch präsentierten sie die Ergebnisse ihrer Arbeit an der TU Dortmund. Der Virus, den sie verbreitet haben, ist Kunst. Mit ihrer subversiven Aktion haben sie eine Epidemie ausgelöst. 

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Viren als Leuchtmarken in Dortmunds dunkle Ecken gestempelt. Foto und Teaserbild: Stephanie Breitbarth

HIV, SARS, Pandemie, Bioterrorismus – der Begriff Virus löst von Unbehagen bis Angst vor allem negative Gefühle aus. Im Cyberkrieg als Waffe genutzt, spähen sie Daten aus und führen nicht selten zum Systemabsturz, legen Kraftwerke und die Datenverarbeitung ganzer Firmen lahm. Viren sind Fremdkörper, sie schleichen sich unbemerkt ein und verändern die Organismen, die sie befallen, massiv. Sie sind ansteckend und verbreiten sich unkontrolliert. Der Begriff Virus steht für riskante Kontakte, Ansteckung und Unterwanderung. Aber auch Kunst kann ein Virus sein. Sie funktioniert nach demselben Prinzip. Kreative Prozesse sind ansteckend und subversiv. Wie ein Outbreak aussieht? Hier drei Beispiele:

Leuchtende Stolpersteine 

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Keimzellen sind oft dunkle Ecken, an Litfasssäulen und Wänden. Abgestumpft von der Masse an Plakaten, Graffitis und Schmierereien, nehmen wir die Ansteckungsgefahr schon längst nicht mehr wahr. Diesen viralen Befall durch triviale Botschaften und Werbung macht Stephanie Breitbarth sichtbar. Die Epidemie hat im Kaiserstraßenviertel und rund um den Großmarkt begonnen. Mit phosphoreszierender Farbe stempelt die junge Künstlerin ihre Virenlogos im Dortmunder Stadtgebiet. Im Dunkeln irritieren die leuchtenden Viren, befreien den Passanten aus der Starre der Abstumpfung und infizieren ihn mit Wahrnehmung. 

Schutzimpfung gegen kreative Leere

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Ansteckung kann auch eine positive Veränderung bedeuten, wenn Kunst der Virus ist. Mit einer Postkartenaktion hat Lisa Clemens 150 Studenten geimpft – gegen Kunstverdrossenheit und triviale Kunst. Ziel war es, möglichst viele dazu anzuregen, selbst zu Künstlern zu werden. Die Teilnehmer der Kunstaktion konnten anhand weniger geometrischer Figuren als Vorgaben selbst kleine Kunstwerke auf den Postkarten gestalten. In zehn verschiedenen Fachbereichen wurden dazu jeweils 15 Karten verteilt. Die Resonanz war unterschiedlich: Chemiker scheinen gegen Kunst häufiger resistent als Kommilitonen anderer Fächer.

Streetart als Gegenvirus

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Das Prinzip der viralen Verbreitung machen sich auch Neonazis zunutze. Ihre Symbole und Parolen werden über soziale Netzwerke, Sticker und Schmierereien verbreitet. Sina Hannemann hat einen Gegenvirus kreiert. Angelehnt an ein berühmtes Obama-Wahlplakat, des amerikanischen Künstler Shepard Fairey, hat sie ein Plakat des Dortmunder Rechtsaktivisten Siegfried Roland Borchardt, genannt SS-Siggi, entworfen und an der TU Dortmund verteilt.

Sein Konterfei klebt nun an Wänden und Türen, liegt auf Mensatischen und wie zufällig zwischen den Seiten oft genutzter Bücher der Unibibliothek. Die Infektion mit dem Gegenvirus findet angesichts der Plakate im Kopf des Betrachters statt. Die Frage, wer ist dieser Mann eigentlich ist, soll von der Unwissenheit und Gleichgültigkeit heilen, mit der die meisten der Durchseuchung mit rechtsextremen Gedanken gegenüberstehen.

2 Comments

  • Ristow sagt:

    Liebe Studentinnen, ich bin sehr stolz auf unsere Kooperation, großartige Arbeit! DANKE!

  • A Quiring sagt:

    Ich finde es hochinteressant ein Kunstprojekt über Viren zu gestalten. Allein die Idee ist enorm. Dazu kommt,daß die jungen Künstler sich allerhand haben einfallen lassen! Ihre Ideenwecken Interesse und Staunen! Gratulation!

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