Habichtskraut für alle!

bochum_urbanKolja ist genervt. Den Spaten stößt er in den Boden, er durchwühlt die Erde, zerstößt Klumpen. Neben ihm hockt Andreas und zieht vorsichtig das Habichtskraut aus seinem Plastikeimer. Kolja blickt auf zu den drei Journalisten, die jeden seiner Handgriffe beobachten. „Jetzt haben wir also drei Pflanzen zum einsetzen und drei Fotografen, die das festhalten wollen?“ Höfliches Lachen. Schließlich legt ein Journalist seine Kamera beiseite, hockt sich neben Kolja und fängt an, sich unbeholfen durch die Erde zu wühlen. „Ist nicht schlimm, dass heute keine neuen Leute zum helfen gekommen sind“, erklärt Andreas später, „wir machen das ja sowieso.“

„Beete für Bochum“ war das Motto der Urban Gardening Aktion, die am letzten Freitag im Bochumer Speckviertel stattfand. Unter dem Dach des Festivals „Guerilla Days“ bepflanzten Kolja Klar und Andreas Grande die verwilderten Grünflächen – mit Margeriten, Ringelblumen und Habichtskraut. Zwar bewegen sie sich damit nach wie vor in einer rechtlichen Grauzone, aber Ihre Begrünungsaktionen werden geduldet. In der Regel wird ihr Engagement  sogar wohlwollend aufgenommen. „Einmal haben uns zwei Straßenpolizisten angesprochen. Aber die fanden unsere Aktion total super und sind später sogar zu unserer Veranstaltung gekommen“, erzählt Kolja. Auch bei der Bevölkerung kommen die Aktionen gut an: „Gerade alte Leute finden das super. Die haben sich über Jahre in ihren eigenen Gärten ihre Oasen geschaffen und finden es super, dass das jetzt auch in die Stadt kommt.“ Den Nervenkitzel, den Reiz des Verbotenen, der das Guerilla Gardening mal umgab, spürt man an diesem Freitagnachmittag nicht mehr.

Städteplanung nicht auf dem Reißbrett

Die Pflanzen haben Kolja und Andreas zum Teil selbst gezogen, gekauft oder als Spende erhalten. Unterstützt werden sie von Maarbrücke e.V., einer Künstlerinitiative, die Wohnen und kreatives Arbeiten miteinander verbindet und Projekte der Bewohner, sowie befreundeter Künstler fördert. Auch Kolja wohnt in der Maarbrücke und hat zusammen mit Andreas vor ein paar Jahren die „Ruhrstadt Gartenmiliz“ gegründet. Ihr Ziel: Nachhaltigkeit, Teilhabe an der Stadtentwicklung und Rückeroberung asphaltierter Flächen. Gerade in Bochum, so Kolja, würden viele Bäume gefällt, ohne dass die gesetzlich verordnete Aufforstung eingehalten werde.

„Es hat schon auch einen geistigen Hintergrund“, erklärt Peter Kaufung, Künstler und als Mitglied der Maarbrücke e.V.auch Koljas Mitbewohner. „Guerilla Gardening soll nicht bloß irgendein Trend sein. Wir wollen das Bewusstsein der Leute schärfen. Ich schaue mir zum Beispiel bei Google Maps gerne amerikanische Vororte an. Das ist der Wahnsinn, die haben keine Bäume! Alles auf dem Reißbrett entworfen und kein Bezug mehr zur Natur.“

Ganz wichtig: Pflanzen ankraulen

Kolja und Andreas gehen strategisch vor. Als gelernte Gartenbauer wissen sie, welche Stellen geeignet sind und wo die Pflanzen kaum Überlebenschance haben. Nur der Rand der Beete wird bepflanzt, denn dort ist die Chance am größten, dass die Gewächse von der städtischen Sense verschont werden. Sickergräben für das Wasser werden gezogen, Wurzeln werden angekrault, „damit keine Wassersperre um die Pflanzen herum entsteht“, erklärt Kolja. Und sowieso gilt beim Bepflanzen: Steine und Schnapsflaschen müssen raus. Bei der Auswahl ihrer Pflanzen setzen sie gern auf heimische Gewächse, wie das Habichtskraut. „Das ist ´ne Art eleganter Löwenzahn“ , so Andreas. Auf Bäume, deren Wurzeln den Asphalt aufbrechen könnten, verzichten sie. „Wir wollen ja nichts zerstören. Nur stören, und das ist die Aufgabe der Kunst“, sagt Peter.

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Bloß keine Zierbäumchen mehr

Den Künstlern geht es um Selbstbehauptung und Emanzipation, wenn sie mit Mistgabel und Spitzspaten durch Bochumer Viertel ziehen. Für die Ruhrstadt Gartenmiliz ist Guerilla Gardening längst kein hipper Trend mehr und das ist auch gewollt. Sie sehen sich als Teil einer neuen Bürgerbewegung, die das Heft selbst in die Hand nimmt und lokal aktiv wird. Peter: „Wir wissen selbst, was für die Straße vor unserer Haustür gut ist. Da brauchen wir nicht erst eine Stadt, die kommt und Büsche und Bäume pflanzt.“ Zumal die Stadt dieser Aufgabe nicht wirklich gerecht werde, denkt Kolja: „Jeder Gärtner lernt in der Ausbildung, wie man es besser machen könnte. Aber dann fährt man durch die Stadt und sieht, dass wieder irgendwelche Zierbäumchen gepflanzt wurden, die den Wind nicht gut brechen und die nicht helfen, das Klima in der Stadt runterzukühlen. Es gibt ein endloses Feld an Verbesserungsmöglichkeiten, doch die Stadt nutzt diese Chancen nicht.“ Auch finanziell lohne sich eine Umstellung auf andere Begrünungsmethoden. Besonders heimische Pflanzen seien pflegeleichter und damit kostenärmer. Mit diesem Argument in der Tasche erhofft sich Kolja Erfolg für ein Bürgerbegehren. Bis dahin ist aber noch Überzeugungsarbeit zu leisten.

Mitten im Bochumer Speckviertel entdecken Kolja und Andreas ein von Anwohnern gestaltetes Beet. „Damit haben wir nichts zu tun“, sagt Andreas grinsend, und pult eine weitere Glasscherbe aus dem Boden.

Fotos: Carolin Imcke

 

 

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