Von wegen Geschwätz

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"Die Stellung der Frau in der Kirche ist katastrophal" betont Theologe Norbert Mette. Dieses Exemplar wehrt sich auf seine Weise. Foto: Carolin Bredendiek

In seiner Osterbotschaft an den Papst nannte Kardinal Angelo Sodano die Diskussion um die katholische Kirche „unbedeutendes Geschwätz“. Norbert Mette, Professor für katholische Theologie an der TU Dortmund, sieht das anders: „Wir befinden uns in der größten Vertrauenskrise in der Geschichte der Kirche in neuerer Zeit.“ Keine punktuelle Krise, sondern ein ganzes „Krisenpaket“ habe die katholische Kirche nun zu bewältigen. Der Dekan der katholischen Theologie an der Ruhr-Uni Bochum, Prof. Joachim Wiemeyer, sagt: „Früher schickten Eltern ihre Kinder wie selbstverständlich in katholische Einrichtungen. Heute zweifeln sie.“

Sie sei starr und festgezurrt in ihren veralteten Strukturen – auch das werfen viele der Kirche vor. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die heutige Hierarchie der Kirche nicht einfach in den Schoß gelegt wurde“, sagt Mette. Sie sei in ihrer Organisation stets Abbild gesellschaftlicher Zustände gewesen. Die Machtstrukturen, die sich bei der Kirche im Mittelalter etablierten, waren damals nicht ungewöhnlich. Doch sie verharrte in ihrem System, während die Gesellschaft sich wandelte. „Auch die katholische Kirche muss endlich in die Demokratisierung gehen“, fordert Mette und denkt dabei auch an mehr Frauenrechte.

Eine Frau als Papst – warum nicht?

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Prof. Joachim Wiemeyer

Die Stellung der Frauen im System Kirche bezeichnet er schlicht als „katastrophal“. Auch sein Kollege Wiemeyer meint, dass auf diesem Gebiet mehr passieren könnte. Auch, „wenn Frauen heute bereits in verantwortungsvollen Positionen vertreten sind – zum Beispiel als Abteilungsleiterinnen der Bischofskonferenz“. Norbert Mette ist das noch nicht genug. Er fordert, Frauen sollten Priester, Bischöfe oder gar Papst werden dürfen. Das Problem in seinen Augen sind die zwei großen Frauenbilder, die es in der Bibel gibt. Maria und Eva. „Maria ist Reinheit, Keuschheit und Unschuld in Person. Eva ist die Verführerin, die mit Schlangen spricht, verbotene Früchte isst“, so Mette. Das habe eine verheerende Rezeptionswirkung. „Dabei bezeichnete Jesus Frauen als gleichwertig.“

In der Außenwahrnehmung ist die Kirche trotz allem ein Männerbund. Hier sieht Mette einen Grund für die vielen Missbräuche: „Reine Männerorganisationen sind, vorsichtig gesagt, oft anfälliger für gewisse Merkwürdigkeiten. Ein anderes Beispiel wäre das Militär.“ Der Zölibat, der durch die Missbrauchsskandale wieder häufig thematisiert wurde, habe damit aber wenig zu tun. Das meint auch Wiemeyer: „Missbrauch findet in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen statt, wo immer Jugendliche präsent sind – sei es in Familien, Sportvereinen oder eben der Kirche.“

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Prof. Norbert Mette

Wenn auch nicht verantwortlich für die Missbräuche, hält Mette den Zölibat heute trotzdem für überflüssig. Wiemeyer betont dagegen den Sinn der Idee: „Der Zölibat ist ein deutliches Zeichen dafür, sich ganz Gott hinzugeben.“ Hintergrund dieser Regelung: Als der Zölibat 1139 offiziell eingeführt wurde, galt Sexualität noch als unrein. Außerdem erbten Söhne in dieser Zeit stets das Amt des Vaters, was jedoch nicht in das Selbstverständnis der Kirche passte. Jeder sollte freien Zugang zum Amt haben, und Priester-Dynastien somit verhindert werden.

Kirche mit Zukunft?

Kardinal Angelo Sodano nannte die Anschuldigungen der Öffentlichkeit Geschwätz. „Eine völlig verzerrende Darstellung der aktuellen Lage“, sagt Mette. Die Kirche müsse sich endlich der Wahrheit stellen und solle sich nicht so schwer tun, sich selbst sündig zu nennen. „Der Sinn ist doch das Evangelium zu verkünden – die frohe Botschaft. Um das zu tun, müssen wir endlich schauen, was die Ängste und Hoffnungen der Menschen in der Welt sind und uns damit solidarisieren. Sonst sehe ich keine
Zukunft für die katholische Kirche.“