„I don’t want to be cool, I want to be Fashion“

Prada, Chanel und Versace, Hendrik Kulse kennt alle großen Designer und Labels. Seine Leidenschaft ist Mode. Für einen Job in der Fashionwelt zog er 450 Kilometer weit weg aus seiner Heimat. Sein Ziel: In der Modewelt Fuß zu fassen, egal wie oberflächlich und kaltblütig sie sein mag.

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Clean und schick, aber immer mit einem Eyecatcher – so beschreibt Hendrik seinen Stil.

Ein dunkelblaues Einstecktuch lugt aus der Tasche seines grauen Sakkos hervor. Ein weißes Hemd zu dunklen Hosen. Schwarze feine Boots dazu. Über den Schultern liegt lässig eine blaue Jacke von Paul Rosen. Echtes Toskana Lammfell, betont er. Die Haare sind perfekt zu einer Tolle hoch frisiert. Keine Strähne löst sich. Alles an Hendrik Kulse wirkt genau aufeinander abgestimmt, perfekt durchdacht. Er bewegt sich lässig, trägt sein Outfit mit Stolz. Und mit Leidenschaft. Nichts fasziniert den 21-jährigen mehr als Mode.

Hendrik kommt aus Kierspe, einer Kleinstadt im Sauerland. Nach der Schule zog er nach Düsseldorf, jetzt wohnt er in Nürnberg, hunderte Kilometer von seiner Heimat und seiner Familie entfernt. Der Grund ist die Mode, die er zu seinem Beruf gemacht hat. Gestalter für visuelles Marketing ist er nun, arbeitet bei Ansons, dem Herrenausstatter und ist dort dafür zuständig, die Mode in dem Geschäft zu dekorieren. Seine Hauptaufgabe ist es, Outfits für das Schaufenster zusammenzustellen, die Figuren zu dekorieren und neue Präsentationstechniken zu entwickeln. Mode zieht sich wie ein roter Faden durch seinen Lebenslauf. Der britische Designer Matthew Williamson habe mal eine Designerkollaboration mit H&M gehabt. Dadurch hätte das alles angefangen. „Ich habe mir irgendwann eine Fashionshow von ihm angeschaut. Mich hat es fasziniert was man aus Kleidung machen kann“, erinnert Hendrik sich. Er hat damals weitergeklickt, andere Shows angeschaut. Eine richtige Affinität habe er entwickelt, als er sich von seinem Taschengeld seine erste Vogue kaufte. Die Vogue kostete sechs Euro. 15 Euro Taschengeld hatte er damals. „Das war für mich viel Geld“, sagt Hendrik.

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In Hendriks Zimmer stapeln sich die Modezeitschriften. Jeden Monat kauft er die Vogue.

In der Ecke seines Zimmers liegen zwei große Stapel Vogue-Zeitschriften. Die älteste ist von 2010. Auf dem Cover Toni Garrn, deutsches Topmodel. In den Bilderrahmen an den Wänden und auf dem Schreibtisch sind nur wenige persönliche Fotos. Viele Bilder zeigen Models, Musiker oder andere Kunstwerke. Die Hälfte des Raumes wird von Kleiderstangen ausgefüllt. Karierte Hemden, ein samtenes Sakko oder dunkle Jeans hängen aneinandergereiht auf Holzbügeln. Auf einer Kommode liegt Männerschmuck, wie eine schlichte Kette mit einem dreieckigen Anhänger. Das Zimmer wirkt wie ein begehbarer Kleiderschrank. Hendriks wertvollstes Stück ist ein Schal von Burberry. Das klassische Muster, beige kariert und aus weichem Kaschmir. Sein Wert: 479 Euro. Jeden Monat geht Hendrik in die Läden und fügt etwas zu seinem Kleiderschrank hinzu. Hemden und T-Shirts am liebsten. Die braucht er für die Arbeit, bei der er immer elegante und gepflegte Kleidung tragen muss. Pro Monat gibt er 150 Euro aus, trotz seinem geringen Ausbildungsgehalt. Er spart an anderen Dingen: „Ich fahre kaum in den Urlaub. Und ich spare am Lebensmitteleinkauf. Ich kaufe mir schöne Sachen, habe dann aber nichts im Kühlschrank. Nur das, was ich dringend brauche.“

Mode sei Spaß, kein Persönlichkeitsausdruck

Hendrik überlegt lange, bevor er erklärt, wieso er Mode anderen Dingen vorzieht. „Mich reizt die Idee, immer anders auszusehen, immer etwas Anderes zu haben und sich damit auszudrücken“, erklärt er. Er drücke aber nicht seine Gefühle aus, wie andere es vielleicht durch Kleidung tun würden. Er trägt schwarz weil es schick ist, nicht um seine Persönlichkeit auszudrücken. „Ich finde es cool, sich immer neu präsentieren zu können, neue Kleidung zu zeigen. Man fühlt sich besser, wenn man immer wieder was Neues hat.“ In der Modewelt gehe es darum, das anzuziehen, was man an sich selbst schön findet. Hendriks Stimme klingt vehement als er betont, dass er mit Kleidung nicht seine Persönlichkeit zeigen könne. „Wenn ich nun dieses Hemd trage, wüsste ich nicht, was das über meinen Charakter sagt, das hat keinen Zusammenhang.“ Es gehe um Spaß. Spaß und die Freude an neuen Looks und Designs. Den neuesten Trends folgt er aber nicht. Er mag es schlicht, Casual-Chic. Er beschreibt seinen Stil als clean, kombiniert mit einem Eyecatcher. Wenn er morgens aufsteht, weiß Hendrik oft schon, was er an diesem Tag anziehen wird. Er denkt schon einen Abend zuvor im Bett über das perfekte Outfit nach. Es macht ihm Spaß. Spaß, den er jedoch ernst nimmt. „Es ist mein Job gut auszusehen“, sagt er.

Vier Etagen hat Ansons in Nürnberg. Marken wie Tommy Hilfiger oder Ralph Lauren haben ihre eigenen Shops in dem Herrenausstatter. Gebügelte Hemden, modisch gekleidete Figuren und frisch gefaltete Hosen. Alles hier ist perfekt arrangiert. Eine Frauenstimme ruft eine Zahl aus. Damit ist Hendrik gemeint. Zügig läuft er auf die Rolltreppe zu. Als Gestalter für visuelles Marketing muss er dafür sorgen, dass die Figuren im Laden immer gut angezogen, dass die Shops ordentlich aussehen und die Krawatten fest gebunden sind. Wenn Hendrik durch den Laden läuft wirkt er konzentriert und schenkt nur seiner Arbeit Aufmerksamkeit. Seine Hände bewegen sich schnell während er T-Shirts faltet und Hosen zurechtlegt. Seine Aufgabe ist es, Kleidungsstücke so in Szene zu setzen, dass der Kunde sie kaufen möchte. „Man muss das Highlight des Outfits herausstellen. Der Kunde muss denken: Das muss ich haben“, erklärt Hendrik.

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„Um Innere Werte geht es im Fashionbusiness nicht. Die kann man nicht auf ein T-Shirt sticken.“

Schon in Düsseldorf hat er mit Kleidung gearbeitet. Als Einzelhandelskaufmann hat er bei Peek&Cloppenburg eine Ausbildung angefangen, nach drei Monaten abgebrochen. Das war ein Job, der ihm nicht kreativ genug gewesen sei. Für seine Ausbildung bei Ansons brauche man ein Auge für Mode. „Welches Hemd zu welchem Anzug, welcher Schuh zu welcher Tageszeit und Form, welcher Gürtel zu welchem Schuh und welcher Schuh überhaupt? Man braucht dieses Modedenken“, benennt Hendrik die Fähigkeit, die er mit in den Job bringen muss. Einen Sinn für Mode kann man sich seiner Meinung nach nur schwer aneignen. „Das ist, als würde jemand gut mit Zahlen umgehen können. So etwas hat man halt drin.“ Er selbst findet, dass er dieses Fashiondenken hat. Wenn er vor den großen Schaufenstern des Gebäudes steht, erklärt er genau, welches Konzept hinter dem Arrangement der Figuren steckt, welche Gedanken er und seine Kollegen sich machen müssen. Kein Detail scheint zufällig zu sein, sogar die Auswahl der Figuren hänge von der Marke der Kleidung ab. Hendrik erklärt das mit Eifer und Engagement. Seine Leidenschaft ist für ihn tatsächlich zum Beruf geworden. Um seinen Wunsch zu verwirklichen, in der Modewelt zu arbeiten, sei er zu allem bereit.

Innere Werte zählen im Business nicht

Das Fashionbusiness kennt Hendrik gut. Auf einen Blick erkennt er, welches Kleid zu welchem Designer gehört. Lieblingsdesigner hat er viele. Oscar de la Renta macht seiner Meinung nach die schönsten Kleider für Frauen, Donatella Versace kreiert die aufregendsten Outfits und John Galliano lieferte die krassesten Shows. Vorbilder aus der Fashionindustrie hat er nicht, schaut auch eher auf die großen Namen als Interesse für die kleinen Designer zu zeigen. Am meisten bewundert er so auch Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue. „Sie steht über allem und kann jeden Designer zerreißen wenn sie will, aber genauso kann sie jeden ins Leben holen“, sagt er. Anna Wintour hat einen hohen Posten in der Modewelt. Sie ist gefürchtet. Der Film „Der Teufel trägt Prada“ ist eine Satire über ihre angeblich strenge Führung in der Vogue-Redaktion. Die DVD liegt in Hendriks Regal zwischen den Dokumentationen „The September Issue“ und „London Fashion Week 2012“.

Oft wird die Modewelt als egoistisch und oberflächlich kritisiert. Spricht man Hendrik auf dieses Vorurteil an, bestätigt er das. „Niemand würde sagen, dass es da auch um innere Werte geht. Was bringen die? Innere Werte kannst du nicht auf ein T-Shirt sticken.“ Er sagt das ernst. Er wirkt, als wäre er schon lange ein Teil dieser Welt, als würde er ihre Strukturen kennen. Er sieht sie nicht kritisch oder gefährlich. Für ihn sei die Oberflächlichkeit das Spannende an dem Business. Diese knallharte Welt. „Wenn man auf Gefühle achtet geht man in dem Business unter. So läuft das“, sagt er. Abzuschrecken scheint ihn das nicht. Seine Faszination für Mode und was Designer aus Stoffen kreieren, ist 24 Stunden am Tag Teil seines Lebens. „Morgens wenn ich vor dem Schrank stehe, bei der Arbeit oder wenn ich durch die Stadt laufe, mir die Leute anschaue und denke, das hätten sie anders machen können oder das sieht richtig gut aus. Mode ist immer präsent.“

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