Politik über dem Beat

Die Rap-Gruppe KIZ veröffentlichte 2015 ihr fünftes Album „Hurra die Welt geht unter“. In vielen Songs beziehen sie klare Stellung zu politischen Themen wie Nationalstolz, Rassismus und dem deutschen Umgang mit Geflüchteten. Im deutschen Rap sind sie damit nicht die Einzigen: Viele Rapper*innen äußern sich politisch in ihrer Musik. Politik und Hip-Hop gehören schon immer zusammen – im Entstehungsland, den USA, und auch in Deutschland.

„Klar, Asylbewerber müssen raus. Und keiner macht den Faschos den Gar aus“, klingt es wütend über dem Beat. „Dies ist nicht meine Welt, in der nur die Hautfarbe und Herkunft zählt. Der Wahn von Überfremdung politischen Wert erhält, mit Ignoranz jeder Hans oder Franz sein Urteil fällt“, wird weiter gerappt. Deutliche Worte vom Rapper Linguist. Er ist, mit Torch und Toni L, Teil von Advanced Chemistry, einer der ersten deutschen Rap-Gruppen. In ihrem Song „Fremd im eigenen Land“ kritisieren sie Rassismus in Deutschland und Diskriminierung gegen Ausländer*innen und Menschen mit Migrationshintergrund. Das Lied ist eines der ältesten Beispiele für politischen Rap in Deutschland, es wurde 1992 veröffentlicht.

Die Entstehung des Hip-Hop: Von Anfang an politisch
Der Hip-Hop ist in den 70er Jahren in der New Yorker Bronx entstanden. Die Bronx war damals geprägt von Armut, sozialer Ungleichheit und Bandenkriminalität. Afroamerikanische Jugendliche entwickelten den Hip-Hop als eigene Kultur, um mit der Situation in den Vierteln besser und gewaltfrei umgehen zu können. Kämpfe wurden jetzt mit Graffiti, Breakdance und Musik ausgetragen. In den frühen 80er Jahren kam der Hip-Hop dann durch Filme und Plattenläden nach Deutschland. Ein politisches Ausdrucksmittel war er von Anfang an. Dazu erklärt Sina Nitzsche, die an der TU Dortmund über Hip-Hop forscht: „Der Hip-Hop ist von Anfang an eine politische Kultur, da er die sozialen Missstände in der amerikanischen Gesellschaft anspricht. Die Dimension der Politik ist damit schon in den Gründungsmythos des Hip-Hop eingeschrieben.“

Seit „Fremd im eigenen Land“ hat sich der Rap in Deutschland weiter durchgesetzt und auch aktuell geben viele Künstler*innen in ihrer Musik politische Statements ab. Die Themen sind häufig dieselben: „Rassismus, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, darum geht es immer wieder. So wie auch der Rassismus in der Deutschen Gesellschaft wieder mehr hochkocht. Hip-Hop reagiert auf diese Tendenzen und spricht sie an“, sagt Sina Nitzsche, die an der TU Dortmund über Popkultur und Hip-Hop forscht.

 Rap als kreativer Protest

Viele Musiker*innen positionieren sich auch gegen Sexismus und Homophobie. So wie die Dortmunder Rap-Gruppe AMK in ihrem Song „Kartoffelstampfer“. Die drei Rapper Tolztoy, Neusi und Radialer stellen sich darin klar gegen Sexismus und Homophobie, in- und außerhalb des Hip-Hop. Die politische Dimension gehört fest zur Band und ihrer Musik. Auf ihrem ersten Album „Arbeit mein Kryptonit“ beziehen sie eine deutliche Stellung gegen jede Form von Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus.  Mit dem Stempel „politischer Rap“ haben sie dabei kein Problem, sagt Tolztoy: „Es wäre albern zu sagen unsere Erfahrungswelt ist politisch, unser Leben ist politisch, unsere Handlungen sind politisch, aber wir machen keine politische Musik. In dem Moment wo wir uns hinstellen und versuchen unsere Erfahrungen in der Musik zu reflektieren ist es zwangsläufig politisch.“

Einige Künstler*innen möchten nicht nur auf die politische Botschaft in ihren Texten reduziert werden. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Antilopen Gang aus den Rappern Koljah, Panik Panzer und Danger Dan. Sie werden seit ihrem Song „Beate Zschäpe hört U2“ häufig als „politische Rapper“ bezeichnet. Ein Label, dass sie selbst nicht wollen. „Wir machen einfach Rap Musik. Wir müssen das gar nicht so kategorisieren in Polit-Rap oder xyz-Rap. Wir interessieren uns aber auch für politische Themen und es ist klar, dass das immer wieder eine Rolle spielt“, sagt Koljah.

Politischer Rap ist mehr als Rap über Politik

Welcher Rap unter den Begriff „politischer Rap“ fällt lässt sich also nicht einfach nur darüber definieren, ob über Politik gerappt wird. Das bestätigt auch Sina Nitzsche: „Hip Hop und Politik ist ein ganz weites Feld. Es gibt auch Songs, die nur hintergründig was mit Politik zu tun haben. Das ist dann politischer Rap im weiteren Sinne.“ Der Radiale von AMK sieht das ähnlich. Für ihn hat Politik auch etwas damit zu tun, manche Sachen nicht zu sagen: „Ich habe oft das Gefühl, dass eigentlich jeder Künstler oder jede Künstlerin, die keine dumme, sexistische, gewaltverherrlichende Kacke von sich gibt eigentlich schon was zutiefst Politisches tut. Eben weil sie sich diesem Standardmuster im Hip-Hop erwehrt.“ Rap wird also nicht nur durch eine deutlich geäußerte Meinung politisch.

Spannend ist die Frage, inwieweit Menschen durch die Musik politisch beeinflusst werden können. Macht uns Rap über Politik politischer? Koljah von der Antilopen Gang kann sich das schon vorstellen: „Ich glaube, es ist durchaus möglich, dass wenn man nicht so eine gefestigte politische Meinung hat und dann explizit politische Musik hört, dass die einen auch beeinflusst.“ Er sieht dabei allerdings auch Grenzen: „Ich bin immer ein bisschen skeptisch bei dieser Idee, dass politische Meinungsbildung durch Musiktexte in Gänze stattfindet.“ Im Endeffekt bleibt es also bei den Hörer*innen, wie viel sie von der Message eines Songs mitnehmen. In dem Zusammenhang ist Sina Nitzsche eines besonders wichtig: „Man darf nicht vergessen, dass der Hip Hop, als er in den 70ern in New York entstanden ist, auch eine Spaßkultur war“. Auch das Feiern und Spaß haben ist wie die Politik ein wichtiger Teil des Hip-Hop.

Mehr Infos bei eldoradio*
Die ganzen Interviews mit AMK und der Antilopen Gang findet ihr bei eldoradio*.
AMK spricht dabei unter anderem über die Entwicklung ihrer Songs und politische Motivation in der Musik.
https://www.eldoradio.de/podcast/amk-im-interview
Im Interview mit der Antilopen Gang geht es neben Politik im Rap um ihr „Abwasser“ Mixtape und die Hintergründe ihrer Songs.
https://www.eldoradio.de/podcast/interview-antilopen-gang

Beitragsbild: flickr.com/Paul Sturgess -„DJM-600“, keine Änderungen  

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