Komfortabler Festivalbesuch: Tipps von einem Survivaltrainer

Ein Festivalbesuch kann wahnsinnigen Spaß machen, birgt aber auch so manche Tücken. Der Zeltaufbau, die Orientierung auf dem riesigen Gelände oder das richtige Verhalten, wenn Blitze statt Sonne am Himmel zu sehen sind, können aus Feierlaune schnell Momente der Verzweiflung machen. Survivaltrainer Dirk Nießing (49) aus Raesfeld bei Borken erklärt, wie man den mehrtägigen Aufenthalt auf dem Zeltplatz mit Bravour meistert – in trockenen Klamotten und ohne Frieren.

Schnell noch die Zahnbürste eingepackt, die regenfesten Klamotten in die Tasche geworfen und dann ab zum Festival. Diejenigen, die erst auf dem Zeltplatz feststellen, dass sie nur ihre Gummistiefel vergessen haben, sind meist noch am besten dran, schließlich sind nasse Füße schnell auch wieder trocken, dreckige Schuhe sowieso eingeplant. Wenn man sich selbst allerdings nicht gerade als seit Jahrzehnten erprobter Festivalgänger oder Camping-Guru bezeichnen darf, dann ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass trotz Checkliste, trotz intensiver Absprachen mit Freunden und trotz mehrfacher Kontrolle der eigenen Ausrüstung, wieder etwas Elementares im Gepäck fehlt. Klar, mittlerweile kann man so gut wie alles auf dem Gelände selbst noch kaufen. Wer allerdings die nachfolgenden Tricks beachtet, der spart sich nicht nur ein paar Euros für das Heiligste aller Festivalgüter – dem Bier – sondern auch viel Zeit und Frust.

Zeltaufbau

Wie man sich eher nicht vor Regen schützt: Ein Fallbeispiel. Foto: flickr.com/39487136@N07 mit CC-Lizenz

Na gut, an ein Zelt denkt wahrscheinlich jeder Festivalbesucher. Wer allerdings nur schnell die temporäre Unterkunft beim Discounter seiner Wahl für einen schmalen Preis erworben hat, der kann davon ausgehen, dass die Unwetterresistenz des Materials gegen null gehen dürfte. Schon beim Aufbau allerdings kann man aber nasse Socken vorbeugen. „Den Zelteingang nach Süden oder Osten ausrichten“, erklärt Dirk Nießing, der seit 20 Jahren die Naturerlebnisschule in Raesfeld leitet und dort regelmäßig Outdoortrainings veranstaltet. Denn: „Der Wind in unseren Breitengraden kommt meist aus nordwestlicher Richtung. So geht man sicher, dass es nicht reinregnet“, sagt der studierte Sozialpädagoge, der sich besonders auf Erlebnispädagogik im Freien spezialisiert hat. Am besten, man packe noch eine kleine Schippe ein, mit der man sich dann noch einen Graben ums Zelt buddelt. So kann im Falle eines starken Gewitters das Wasser auch gut ablaufen und bildet keine lästigen Pfützen auf dem Zeltplatz. „Um Gelächter der Nachbarn zu vermeiden, würde ich zudem ein oder zwei Mal im Garten üben, wie das Zelt aufgebaut wird“, so Nießing, „sonst könnte es vor Ort peinlich werden.“

Gewitter

Eine gute Möglichkeit, sich vorab über mögliche Gewitter zu informieren: eine Regenradar-App. Foto: flickr.com/gernot mit CC-Lizenz.

Dass Gewitter den Festivalaufenthalt ordentlich vermiesen können, wissen Musikfans spätestens seit „Rock am Ring“ im Jahr 2016, das wegen starker Unwetter einen Tag früher beendet werden musste. In Nießings Augen die richtige Entscheidung. Er mahnt, dass mit der Laune der Natur nicht zu spaßen sei. „In unserem Stadtleben vergessen wir alle schnell und gern, dass ein heftiges Gewitter auch mal lebensgefährlich werden kann“, sagt er und rät, per Regenradar-App auf dem Smartphone die Wetterlage zu überprüfen, noch bevor man das Festivalgelände betritt. Danach gilt die Faustregel: Wenn man die dunklen Wolken schon sehen kann, dann hat man maximal noch zehn Minuten Zeit, bevor es so richtig ungemütlich wird. Und in eben dieser Zeit sollte man schnellstmöglich versuchen, an einen sicheren Ort zu gelangen, der schon vorher ausgeguckt wurde. „Ein sicherer Ort ist nicht das Zelt“, so Nießing, „sondern tatsächlich nur das Auto oder ein feststehendes Gebäude, vorzugsweise mit Blitzableiter.“ Bühnen oder Essensstände sollten gemieden werden, denn die leiten sogar im Falle eines Einschlags noch den Strom. „Lieber also früh genug zum Auto aufbrechen, als sich noch einen Auftritt zu Ende anzuschauen. Da sollte einem die eigene Gesundheit wichtiger sein“, sagt Nießing.

Schlafsack

Ein Schlafsack reflektiert die eigene Körperwärme. Deswegen gilt: Die Scham vor den Zeltnachbarn ablegen und mit so wenig Klamotten wie möglich sich in seinen Kokon aus Nylon kuscheln, denn nur so kann das volle Wärmepotenzial voll ausgeschöpft werden. Sonst erwärme man seine Anziehsachen und nicht den Innenraum des Schlafsacks und bewirke das genaue Gegenteil. „Die Kleidung sollte man lieber unter den Schlafsack legen, falls der Boden noch zu kalt ist und man keine Isomatte dabei hat“, sagt Nießing. Und auch für den Fall, dass es trotz Ablegen aller Kleider noch kühl wird, hat Nießing noch einen nützlichen Rat: „Ein bisschen Wasser erwärmen und in eine leere Flasche füllen und diese dann mit in den Schlafsack nehmen.“ Damit sind auch kalte Füße Geschichte.

Orientierung

„Die Sonne geht im Osten auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen wird sie untergehen, im Norden ist sie nie zu sehen“ – ein Merksatz, den schon kleine Kinder lernen und der sich auf einem Festival als hilfreich erweisen kann, wenn der Kopf sich wieder einmal nicht daran erinnern will, wo auf dem Gelände denn das eigene Lager aufgeschlagen wurde. „Wenn es sich also um ein, zwei Stunden handelt, die man weg ist, dann hilft es zu wissen, ob die Sonne gerade beim Losgehen beispielsweise im Rücken steht. Dann ist klar: Um zurückzufinden, muss ich tendenziell die Sonne gegen mich haben“, erklärt Nießing. Wenn die Richtung schon einmal stimmt, helfen markante Geländepunkte, an denen man zuvor vorbeigekommen ist. „Das kann ein Essenstand sein oder ein Fahnenmast, vielleicht auch ein Baum, der besonders aussieht“, sagt der Naturtrainer, „Das ist übrigens auch eine gute Technik, um sein Auto im Alltag wiederzufinden. Das mache ich auch öfter in der Innenstadt.“

Feuer

Offene Lagerfeuer eignen sich zwar perfekt zum Grillen, auf den meisten Festivals sind sie aber verboten. Es gilt also: Vor dem Zelten die AGBs lesen, um zu wissen, was erlaubt ist und was nicht.

Tampons sind hochbrennbar und super, um mit einem Funkenschlag schnell eine Flamme zu erzeugen. 
– Dirk Nießing, Survivaltrainer

Wenn das Feuermachen aber gestattet ist, dann hilft es, sich im Vorhinein einen sogenannten Magnesiumstab oder Zündstahls zu besorgen. Damit erzeugt man durch Reibung einer Klinge an dem Stab ganz einfach Funken. „Anders als Feuerzeug und Streichhölzer funktioniert der Magnesiumstab auch nass“, weiß Nießing. Als Brennmaterial eigne sich Watte sehr gut. Der Wildnistrainer erklärt, wo man die auf einem Festival am besten herbekommt: „Da würde ich am besten die Freundin fragen – und zwar nach einem Tampon.“ Danach einfach trockene Stöckchen in Form eines „Tipis“, also wie ein Indianerzelt, über dem Feuer anordnen. So brennt die Flamme weiter und man kann beispielsweise einen Topf oder eine Pfanne darüber halten. Aber auch eine tragbare Herdplatte ist sicher keine schlechte Idee – wenn man denn Strom hat.

Besteck

Selbst eine Tasse basteln: Schon nach wenigen Minuten ist eine klare Einkerbung im Holz durch die Glut zu sehen.  Foto: Jonah Lemm

Wer sein Besteck zu Hause hat liegen lassen, dem ist auch durch das Feuer geholfen. So kann man sich ganz einfach aus einem Stück Holz eine Tasse oder einen Löffel formen, erklärt Nießing: „Mit erhitzter Kohle ist es ein Leichtes, ein Holzstück auszuhöhlen. Wenn es ein Löffel werden soll, nimmt man ein längliches Stück, bei einer Tasse oder Schale eher einen Klotz. Dann fischt man ein wenig Glut aus dem Feuer und legt ebendiese auf das Holzstück.“ Das dann gut 45 Minuten so liegen lassen, zum Abschluss glatt rubbeln und mit ein wenig Kochöl imprägnieren und fertig sind Tasse oder Löffel. Der Gabelersatz allerdings ist noch ein wenig leichter: Einfach einen dünnen Stock nehmen und ihn mit einer Klinge zu einem „Pikser“ anspitzen.

No-Gos

Dass es zudem wichtig ist, auf welchem Untergrund das Lager steht, musste Nießing selbst bei einem Trip in den Wald auf unangenehme Weise feststellen: „Es ist durchaus von Vorteil, wenn das Zelt nicht gerade in einer Mulde, sondern auf ebener Fläche errichtet ist. Sonst wacht man in einer zehn Zentimeter hohen Pfütze auf. Und das ist unschön, kann ich aus eigener Erfahrung sagen.“ In solchen Fällen wird auch klar, dass elektronische Geräte wie das Smartphone nicht nur wegen Diebstahlgefahr einfach auf dem Zeltboden liegen sollten. „Die sind dann nämlich kaputt. Und das kann einem die Laune schon ordentlich vermiesen“, sagt Nießing. Da wird ein Plastikbeutel zum Cyberlebensretter.

Nicht nur Wasser birgt Gefahren, sondern natürlich auch Feuer. Eine unbeaufsichtigte Flamme kann schnell außer Kontrolle geraten. Ein Windstoß und schon schlägt sie über – und das womöglich aufs Zelt. Deshalb ist es wichtig, dass im Falle eines abendlichen Grillfestes immer jemand ein Auge auf die brennenden Stöcke hat und im Optimalfall auch noch Wasser zum Löschen zur Hand.

Generell mahnt Nießing, dass sich alle Beteiligten darüber klar werden sollten, dass sie auch Verantwortung für die Menschen um sich herum tragen. „Genau bei solchen Massenveranstaltungen würde ich deswegen bitte immer im nüchternen Zustand ein wenig Zeit darauf verwenden, sich der Gesamtsituation bewusst zu werden, bevor es ins Getümmel geht“, sagt der Naturtrainer. Das heißt: wissen, wo die Notausgänge und wo das Erste-Hilfe-Zelt sind. „Es kann immer passieren, dass auch neben dir jemand stürzt, sich verletzt oder kollabiert, weil er zu wenig Wasser getrunken hat“, sagt Nießing, der selbst in seiner Schule Personen zum Naturtrainer ausbildet. „In so einer Situation muss schnell gehandelt werden. Wer da nicht helfen kann, der ist fahrlässig. Und das ist wirklich ein No-Go.“

Beitragsbild: flickr.com/carolc mit CC-Lizenz 

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