Duell am Donnerstag: Sollte man bei Facebook mit jedem befreundet sein?

 

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Viele Facebook-Nutzer haben die Erfahrung schon gemacht: Beim Blick in die virtuelle Freundesliste begegnen einem Gesichter, die gar nicht zum echten Freundeskreis gehören und die man nur flüchtig kennt. Private Kontakte vermischen sich mit geschäftlichen. Ergibt diese umfassende Vernetzung Sinn? Unser Duell am Donnerstag zwischen den Pflichtlektüre-Autoren Louisa Förster (Pro) und Hendrik Pfeiffer (Contra).

Foto: nate bolt/ flickr.de

Nein!

Wer auf Facebook die Kontrolle und den Überblick über seine Freundesliste aufgibt, tritt schnell in Fettnäpfchen. Einmal nicht aufgepasst – schon teilt man Informationen, die beispielsweise nur den engsten Freundes- oder Familienkreis etwas angehen, mit Arbeitskollegen. Das Problem: Man macht sich leicht angreifbar. So verlor ein Angestellter einer Möbelbeleuchtungsfirma im Mai 2012 fristlos seinen Job, weil er das Lied „Bück dich hoch“ von Deichkind für seine Facebookfreunde sichtbar geteilt und gutgeheißen hatte. Das Lied kritisiert die ausbeuterischen Züge unserer Arbeitswelt, in der man sich laut des Liedes nur durch rücksichtloses Verhalten hocharbeiten kann. Der Chef des Angestellten nahm das persönlich.

Privates vermischt sich mit Beruflichem

Selbst wenn es nicht so verheerende Ausmaße annimmt, ist die Vermischung von Privatem und Beruflichem gefährlich. Oft untergräbt man seinen seriösen Ruf auf der Arbeit durch private Beiträge – ohne es zu wollen. Nicht umsonst gibt es rein berufsorientierte soziale Netzwerke, wie zum Beispiel Xing. Dort geht es ausschließlich um Netzwerkpflege und professionelles Auftreten. Auch Facebook lässt sich in diese Richtung verwenden, allerdings sollte man sich vorher im Klaren darüber sein, was man will. Will man einfach nur den Kontakt zum Freundeskreis pflegen, sollte die berufliche Netzwerkpflege unter demselben Account tabu sein. Viele Journalisten nutzen Facebook als Informationsinput auf der Suche nach neuen Geschichten. Besonders Lokaljournalisten vernetzen sich in den diversen Gruppen, um über aktuelle Trends und Themen auf dem Laufenden zu sein.

Kontakt verlagert sich ins Netz

Eine andere Frage ist, ob es Sinn macht, mit engen Familienmitgliedern auf Facebook befreundet zu sein. In vielen Fällen sitzen sie direkt im Zimmer nebenan und man tauscht sich schon beim Mittagessen im direkten Gespräch aus. Es ist immer besser, sich im „Reallife“ zu sehen, als in die virtuelle Welt abzudriften. Man entfremdet sich sonst schneller, als man denkt.

Freundesliste bläht sich schnell auf

Eine weitere Gefahr ist das sogenannte Freunde sammeln. Erstens neigen viele Nutzer dazu, Freundschaftsanfragen von sehr flüchtigen Bekanntschaften anzunehmen oder gar von völlig fremden Leuten. So verliert man sehr schnell den Überblick. Zweitens schleppen viele Facebooknutzer eine „Altlast“ aus längst vergangenen Bekanntschaften mit sich herum. Beides führt ebenfalls dazu, Informationen mit den falschen Leuten zu teilen. Es gilt also regelmäßig die Freundesliste „auszumisten“, denn nur weil man sich kennt, ist man nicht gleich ein „Freund“.

Selbst wenn man seine Freundesliste streng selektiert und darauf achtet, nur unverfängliche Beiträge zu posten, droht eine weitere Gefahr: Verlinkungen und Posts von Bekannten. Angenommen, man verbringt zusammen mit Freunden und Freundesfreunden eine ausgelassene Silvesternacht. Die Wahrscheinlichkeit, dass am nächsten Tag verfängliche Bilder mit peinlichen Verlinkungen auf Facebook landen, steigt mit der Anzahl der flüchtigen Freunde. Man kann davon ausgehen, dass wirklich enge Freunde in der Regel wissen, mit welchen Verlinkungen sie einem schaden würden und es deswegen unterlassen. Die flüchtigen Facebook-Bekanntschaften machen sich vermutlich eher weniger Gedanken darum. Auch hier ist das Motto: Manchmal ist weniger mehr.

Ja!

Und das sage ich mit der Überzeugung, dass Facebook-Freund nicht gleich Freund ist. Die Bezeichnung „Freund“ auf Facebook ist irreführend und meiner Meinung nach zu leichtfertig gewählt. Da gefällt das Twitter-Konzept mit „Follower“ schon eher. Treten wir in die Welt von Facebook ein, schreiben wir dem Begriff Freundschaft eine völlig andere Bedeutung zu. Der Begriff fasst hier nämlich (beste) Freunde, Familie, Bekannte oder flüchtig Begegnete zusammen, ohne dazwischen zu differenzieren. In unserer Freundesliste tummeln sich all die Menschen, die wir kennen oder mal gekannt haben. Und das ist völlig legitim, denn wir erschaffen uns ein Netzwerk, das uns bei angemessener Handhabung sehr nützlich sein kann.

Das Wiederfinden und Wieder-Kennenlernen ist so einfach wie nie zuvor

Facebook bietet uns die Möglichkeit mit lang vergessenen Menschen wieder in Kontakt zu treten – seien es alte Schulfreunde, eine Cousine, die in Süddeutschland lebt oder der Kindergartenschwarm. Durch die Freundschaft bei Facebook ist das Wieder-Kennenlernen so einfach wie nie. Es verbindet uns mit einer Anzahl von Kontakten, die wir selbst auswählen können. Denn sollte sich dann ein ehemaliger Schulkollege als Nervensäge entpuppen, der den Großteil seines Tages mit dem Verschicken von Candy-Crush-Anfragen verbringt, können wir selbstständig daraus die Konsequenz ziehen und die „Freundschaft“ mit einem Mausklick beenden, ohne uns rechtfertigen zu müssen. 

Kommunikation über Kontinente hinweg

Über Kontinente hinweg und durch alle Zeitzonen der Welt kann Facebook uns mit unseren Liebsten zusammenführen. Während meines Auslandssemesters in den USA stand ich vor einem Problem, denn ein Anruf nach Hause kam aus Kostengründen nicht unbedingt in Frage. Wie zum Teufel sollte ich meinen interessierten und oft überbesorgten Eltern und Großeltern regelmäßig mitteilen, dass ich auf der anderen Seite der Welt wohlauf bin und das Ganze mit passenden Fotos belegen? Prompt richtete sich mein Großvater zu diesem Zweck ein Facebook-Profil ein. Über sechs Monate waren mein Opa und ich also Facebook-Freunde. Das hat dazu geführt, dass ich deutlich gründlicher und reflektierter über die Inhalte, die ich poste, nachgedacht habe. Sollte man mit seinem Chef oder Arbeitskollegen bei Facebook befreundet sein, würde auch das eine selbstverantwortlichere Nutzung von sozialen Netzwerken fördern.

Wir profitieren von einer professionelleren Selbstdarstellung

Facebook ist pure Selbstdarstellung. Auf der einen Seite dient es der Kommunikation, aber auf der anderen Seite lädt es uns zu einer kunstvollen Selbstinszenierung ein. Wir können einen Text über uns verfassen, Lieblingsfilme, -bücher, -serien angeben und ein Profilbild hochladen, welches – natürlich – unsere beste und schönste Seite zur Schau stellen soll. Sind wir jetzt mit Leuten, wie beispielsweise dem Chef, befreundet, von denen wir uns Respekt, Anerkennung und Sympathie wünschen, passen wir unsere Selbstdarstellung diesem Ziel an. Das fördert ein professionelleres und selbstreflektiertes Auftreten. Man bemüht sich Fettnäpfchen und peinliche Posts zu vermeiden und kann so durchaus von einem professionellen Auftreten profitieren, denn immer mehr Unternehmen überprüfen (potenzielle) Arbeitnehmer in sozialen Netzwerke. Viele Nutzer, die sich allerdings nicht in ihrem persönlichen Profil einschränken lassen möchten, erstellen immer öfter ein zweites Profil für geschäftliche Kontakte. So ermöglicht Facebook uns auch bei Bedarf durchaus eine Trennung von Privat- und Arbeitsleben in der virtuellen Welt.

 

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Foto: stockxchng/bizior, Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de, Montage: Steinborn/Schweigmann 

Teaserfoto: Ich-und-Du /pixelio.de

 

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