Bunte Buchstaben im Kopf

Michal Perlinski mit verschiedenen Wörterbüchern in seinem Wohnheimzimmer.

Er versteht jedes Gespräch in der U-Bahn, kann in jedem Urlaub problemlos ein Bier bestellen. Denn Michal Perlinski ist ein Sprachgenie: 33 Sprachen spricht der Slawistik Student, 15 davon  sogar „auf akademischem Niveau“, wie er selbst sagt.

„Sprache ist ein Schlüssel“ – ohne zu zögern spricht Michal diesen Satz, erst auf Deutsch, dann auf Englisch, es folgen Französisch, Spanisch, Niederländisch, Schwedisch, Russisch, Tschechisch und Polnisch. Selbst das Wechseln zwischen den Sprachen fällt ihm leicht. Er braucht nur eine minimale Pause, um innerhalb kürzester Zeit die Sprachmelodien, Vokabeln und Betonungen zu ändern. Wieso kann ein Mensch so etwas?

Michal ist Synästhetiker, das heißt, er sieht die Buchstaben farbig, Sätze sind für ihn wie Melodien. Das „L“ ist bei Michal im Kopf zum Beispiel rot. „Wenn ich schwedisches Fernsehen geschaut habe, habe ich einen Ohrwurm von der Stimme der Moderatorin“, erklärt der 28-Jährige. „Die läuft dann den ganzen Tag in meinem Kopf – und ich kann mir die Wörter aneignen und nachahmen“.

Synästhetiker nehmen Reize wie zum Beispiel Wörter, die man gerade liest, nicht nur mit einem Sinn wahr, sondern mit mehreren. Wörter, die für den normalen Menschen einfach schwarz weiß auf Papier stehen, werden als Melodie gehört oder mit Gefühlen verbunden. Musiktöne nehmen im Kopf eines Synästhetikers geometrische Formen oder bunte Farben an. Mittlerweile wird geschätzt, dass jeder 20ste bis 30ste Mensch ein Synästhetiker ist. Und Synästhesie gilt nicht als Krankheit, sondern als Begabung, die einem Mensch meist besondere Kreativität verleiht.

Michal vor dem Eiffelturm in Paris.

Michal vor dem Eiffelturm in Paris. Foto: privat.

Ungarisch in nur drei Wochen

Schon in der Grundschule bemerkte Michal, dass er ein besonderes Interesse an Sprachen hat. Er hörte bei Gesprächen zwischen Ausländern besonders gut hin, und dachte sich: So möchte ich auch sprechen können. Als Teenager begann er dann, sich mit Lernbüchern und CD’s selbst Sprachen beizubringen. Begonnen hat er ganz klassisch mit Spanisch, weil er die anderen Weltsprachen wie Englisch und Französisch schon in der Schule lernen konnte. Was den einen dann nach kurzer Zeit langweilen könnte, ist für ihn das schönste Hobby der Welt. Allerdings nicht überraschend, wenn man sich Ungarisch innerhalb von drei Wochen selbst beibringen kann. 

Für die Vokabel-Legastheniker unter uns empfiehlt Michal die sogenannte „Emil Krebs Methode“, benannt nach dem deutschen Sinologen Emil Krebs, der 68 Sprachen sprechen konnte. „Umgebt euch mit der Sprache, hört, lest und lebt mit ihr. Das geht ja heute mithilfe von Fernsehen und Internetradio zum Glück sehr einfach und so lernt man am schnellsten“, beschreibt Michal diese Art zu lernen. Er selbst nutzt dieses Prinzip.Und wenn man eine Sprache lebt – dann träumt man auch in dieser Sprache. Bei Michal ist es totaler Alltag, mal auf Tschechisch oder Türkisch zu träumen.

Michal Perlinski reist gern, um sich die Sprache eines Landes so noch besser anzueignen.

Michal Perlinski reist am liebsten, um sich die Sprache eines Landes so noch besser anzueignen. Hier: In Moskau. Foto: privat.

Professor – oder doch Dolmetscher bei der EU?

Michal ist gebürtiger Pole – als er zwei Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Deutschland, er wuchs zweisprachig auf. Daher auch sein besonderer Hang zu den osteuropäischen Sprachen. An der Ruhr-Universität Bochum studiert er schon im Master Slawistik. Nach seinem Abschluss möchte er der Uni aber nicht den Rücken kehren, sondern am liebsten promovieren. „Dann kann ich meine Leidenschaft für die Slawistik als Professor auch an andere weitergeben“, erklärt Michal.

Das Einzige, was ihn davon abhalten könnte, wäre ein Anruf aus Brüssel: Der Chefdolmetscher der EU spricht 32 Sprachen – allerdings alle fließend. Eine Herausforderung, die Michal gerne annimmt: „Die Herren in der EU sind einfach noch nicht auf mich aufmerksam geworden. Ich hoffe das kommt irgendwann noch“. 

Beitragsbild: Luisa Flicke

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