Faszination Bollywood – ein indischer Kulturexport

Melodramatisch, theatralisch, kitschig und knallbunt – Bollywood-Kino ist für viele die globalisierte Geschmacksverirrung aus Indien. Nicht zuletzt dank exzessiver Bollywood-Eskapaden auf RTLII hat sich auch bei uns ein Fan-Kult um diese Filmkultur etabliert. Was macht Bollywood so faszinierend?

Musical a la Bollywood (Foto: Rapid Eye Movies)

Musical à la Bollywood (Foto: Rapid Eye Movies)

Bollywood bezeichnet die kommerzielle Hindi-Filmproduktion aus dem Zentrum Bombay  – und darüber hinaus ein ganzes Universum im Stil indischer Kitsch-Ästhetik. Diesen singenden, tanzenden Kultur-Export will ich im Selbstversuch testen. Erster Versuch: Ich mische mich unter’s Bollywood-Fan-Volk und lande in einem indischen Tanzkurs für Studenten, um den Popularitätsgrad von Bollywood-Dance an der TU Dortmund zu ermitteln.

Im Bollywood-Tanzkurs bei Lady Shalimar

Die Tanzlehrerin und Philosophie-Professorin Lady Shalimar kann sich über mangelnde Teilnehmerzahl schon mal nicht beklagen. Sie selbst hat sich seit zehn Jahren zwecks körperlicher und spiritueller Balance den exotischen Klängen Indiens verschrieben. „Das ist rappelvoll hier –  der Kurs ist ziemlich beliebt. Ich tanze sowohl arabisch als auch indisch – arabisch seit über 20 Jahren und indisch seit zehn – Tanzen ist eben Lebensfreude pur. Wir tanzen eine einfachere Variante des indischen Tanzstils Bharatanatyam auf Bollywood-Musik.“

Ich bin jetzt immerhin schon musikalisch eingestimmt und bereit für das komplette Programm. Ich überwinde mich und gehe in die Videothek – zwei Bollywood-Filme mit dem indischen Superstar Shahrukh Khan und so verheißungsvollen Titeln wie „Und ganz plötzlich ist es Liebe“ schaffen es in meinen DVD-Player. Ich bin mäßig begeistert und noch weniger überrascht. Ich war mit meiner Vorstellung von buntem, über-emotionalem, ach was:  enorm kitschigen Tanztheater erstaunlich nah dran.

Das sagen Wissenschaftler zu dem Kultur-Export aus Indien

Aber warum ist uns dieses Pathos so unheimlich? Und was unterscheidet das Produkt dieser Filmindustrie von der romantischen Gefühlsduselei, die Hollywood regelmäßig auf uns loslässt? Claus Tieber und Birgit Pestal, beide Autoren und Medienwissenschaftler aus Wien, haben die Darstellungsformen indischer Kino-Kultur in ihren Arbeiten untersucht und erklären mir, wie der gemeine Bollywood-Film funktioniert.

Quelle: Rapid Eye Movies

Quelle: Rapid Eye Movies

„Hindifilme dauern in der Regel drei Stunden, haben Musiknummern – egal, welche Themen behandelt werden – und es gibt eine bestimmte Erzählweise, die sich vom westlichen Kino unterscheidet. Es ist eine bestimmte Form Geschichten zu erzählen, die vom westlichen Melodram stark beeinflusst ist.  Es gibt einen deutlichen Gegensatz zwischen Gut und Böse und es gibt eine ganz massive Message und Moral, die am Ende vermittelt wird – immer auf melodramatische Art.“

Sogar Actionfilme können Bollywood sein

In der Tat erinnert ein Bollywood-Film stark an ein Musical-Spektakel à la Broadway. Wahnsinnige drei, gefühlte fünf Stunden kämpft sich der singende Held über Umwege Richtung Herzdame. Genau wie jedes gute Essen alle geschmacklichen Komponenten enthalten sollte, hat jeder Bollywood-Film Spannung, Liebe, Witz, Trauer, Schmerz und Verrücktes zu bieten. Bollywood-Kino ist eigentlich gar kein Genre, sondern eine bestimmte Ästhetik: Auch Gangsterfilme, Komödien, Romanzen, Science Fiction- oder Actionfilme können Bollywood sein.

Oft werden all diese Komponenten und Genres in einem Film einfach wild kombiniert und mit einer ordentlichen Portion Tanztheater und Drama überbacken. Und wie beim Essen wird dem ungeübten Zuschauer von einer allzu wilden Mischung manchmal schlecht. Aber was mir vorkommt wie eine gewaltige Überdosis Liebe, Herzschmerz und Emotion ist durchaus beabsichtigt und dient einem bestimmten Zweck.

Heulen ist bei diesen Filmen durchaus erwünscht

Medienwissenschaftlerin Birgit Pestal erklärt die Gefühlseligkeit der Filme psychologisch: „Es ist eine andere Dramaturgie, die damit zu tun hat, dass eine Form von ästhetischer Kontemplation erreicht wird. Hinter dem Gesamtfilm steckt eine Art emotionale Geschichte und durch die muss man durch – und manchmal muss man sich vielleicht auch durchkämpfen. Das ist für Inder oft das, was einen guten Film ausmacht: dass man weint, dass man Emotionen ausschwitzt wie in einer Gefühlssauna. Diese besondere Emotionalität des Films hat dort eine Art Ventilfunktion und geradezu einen kathartischen Effekt.“

Bollywoods bekanntester Herzensbrecher: Shahrukh Khan (Foto: Rapid Eye Movies)

Bollywoods bekanntester Herzensbrecher: Shahrukh Khan (Foto: Rapid Eye Movies)

…und überall spielt Sharukh Khan mit

Das exzessive Ausschlachten von Gefühlen ist eine Kunst, die der indische Kino-Star Shahrukh Khan meisterhaft beherrscht. Auf der indischen Popularitätsskala ist er übrigens nur die Nr.2 hinter dem Schauspieler Amitabh Bachchan, der bereits seit den 70ern als nationale Ikone gilt. Dafür ist Shahrukh Khan der Mann, der in ungefähr allen Bollywood-Romanzen der letzten Jahre die männliche Hauptrolle spielt.

Zwar gibt es neben ihm ein ganzes Pantheon indischer Schauspielstars, die dort wie Götter verehrt werden. Aber das Geheimnis der internationalen Prominenz eines Shahrukh Khan liegt in der Vielseitigkeit seiner Person, vermutet der Medienwissenschaftler Claus Tieber. „Er ist der erste globale Superstar, der ganz viele Widersprüche in sich vereint und damit in weiten Kreisen berühmt ist, sowohl im Westen als auch in Indien selbst. Er ist Inder und gibt sich westlich, er ist eigentlich Moslem und spielt überwiegend Hindus. Er verbindet Widersprüche und ist für alle unterschiedlichen und widerstrebenden Gruppierungen als Identifikationsfigur und Role model tauglich.“

Im deutschen Fernsehen ist vor allem die Herzschmerz-Variante der Bollywood-Filme zu sehen. Laut einer Zuschauerauswertung setzt sich das relativ kleine Publikum neben so genannten „non-resident Indians“ also im Ausland lebenden Indern, mehrheitlich aus weiblichen Zuschauern zwischen 30 und 39 Jahren zusammen.

In Indien werden auch Autorenfilme gemacht

Das Bild dieses vom überladenen Herzschmerz-Kino trägt maßgeblich dazu bei, dass Bollywood in Deutschland ein Trash-Image hat. Expandiert zu einem universellen Lifestyle-Trend, hat der Bollywood-Hype nur noch am Rande mit der ursprünglichen Filmindustrie zu tun. Bollywood ist ein Schlagwort, steht für ein modernes, globalisiertes Indien und ist heute ebenso Synonym für einen indischen Yoga-Workshop oder ein indisches Restaurant wie für kitschigen Trash-Kult.

Kitsch-Alarm! Hierzulande gilt Bollywood eher als Trash.

Kitsch-Alarm! Hierzulande gilt Bollywood eher als Trash.

Für die Menschen in Indien ist Bollywood aber mehr als eine Filmindustrie. Im flächenmäßig siebtgrößten Land der Welt mit einer Milliarde Menschen, zehntausenden von Göttern, tausenden Jahren von Kultur und Geschichte und 18 offiziellen Sprachen ist Kino ein Massenphänomen und nach wie vor das wichtigste Medium des Landes. Es vereint soziale Gesellschaftsschichten und lässt das Alltagsleben für einen kurzen Moment in den Hintergrund rücken.

In Indien werden neben den kommerziellen Produktionen übrigens auch Arthouse-Cinema und Autorenfilme gemacht, die ganz ohne Masala-Musical funktionieren. Vielleicht ist das indische Kino für uns eine der letzten unentdeckten Filmkulturen – indische Filme gelten als exotisch. Medienwissenschaftlerin Pestal: „Die Faszination für Bollywood geht darüber hinaus, dass man sagt, diese Filme ziehen Menschen an, weil sie bunt sind und weil sie so eine üppige Kulisse und exotische Kostüme haben oder weil getanzt wird. Es geht darum in eine andere Kultur einzutauchen, um dort etwas Authentisches zu suchen- vielleicht sogar etwas Spirituelles.“

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