Job-Test Fahrradkurier: Stress auf zwei Rädern

Meine Lunge brennt, der Schweiß tropft mir von der Stirn, trotzdem komme ich kaum voran. Im Schneckentempo quäle ich mich den Berg hoch, es kommt mir so vor, als würde die Straße nie aufhören. Jeden Moment warte ich in Gedanken darauf, dass Sisyphos seinen Stein an mir vorbeirollt, aber es sind nur glückliche Autofahrer in ihren gemütlichen, beheizten Wagen, die mich überholen. Ich hätte nie gedacht, dass Fahrradkurier sein in Dortmund so anstrengend ist.

Normalerweise würde ich, Maik Zeisberg, 21 Jahre, nicht freiwillig stundenlang mit dem Rad durch die Kälte fahren, aber heute hat mich mein sportlicher Ehrgeiz gepackt: Ich will wissen, ob ich so fit bin wie ein Fahrradkurier. Und das könnte schwierig werden, denn ich besitze nicht mal ein eigenes Fahrrad. Für diesen Selbstversuch muss ich mir also eins leihen. Noch bin ich mir sicher, dass ich mit der Anstrengung gut klarkommen werde, schwieriger wird es wohl mit der Orientierung. Meine Ortskenntnis in Dortmund beschränkt sich nämlich hauptsächlich auf die Fußgängerzone in der Innenstadt und das Treppenhaus im Studentenwohnheim. Dazu kommt noch ein bisschen Angst, denn das Fahren im Berufsverkehr stelle ich mir ziemlich gefährlich vor.

Ohne Handy geht nichts

9:30 Uhr: Ich hole mir bei dem Dortmunder Fahrradkurierdienst „Heißer Reifen“ mit Sitz am Cityring Ost meine Zieladressen ab. Die Schicht geht vier Stunden, in dieser Zeit muss ich zehn Adressen abfahren. Selbst Päckchen ausliefern darf ich allerdings nicht. Ein professioneller Fahrradkurier bekommt – anders als ich heute – während seiner Schicht außerdem noch zusätzliche Aufträge per Telefon und muss seine Route dementsprechend anpassen. 

Meine Tour beginnt in der Innenstadt und ich merke sofort, dass mein Handy heute zu meinem wichtigsten Begleiter wird, denn ohne Google Maps läuft nichts. Für den halben Kilometer zu meiner ersten Adresse brauche ich direkt 15 Minuten. Wenn ich in vier Stunden fertig werden will, muss ich mein Tempo deutlich steigern. Zeitdruck macht sich bemerkbar. Entschlossen steige ich wieder aufs Rad und gebe mehr Gas, aber die nächste Ampel macht mir direkt einen Strich durch die Rechnung. Nervös starre ich auf das rote Männchen auf der anderen Straßenseite und habe das starke Bedürfnis, sämtliche Verkehrsregeln zu brechen, die ich kenne. Endlich grün: Ich lege einen Kick-Start hin. Ab jetzt läuft es besser. Die nächsten zwei Ziele finde ich problemlos.

 

 

 „Entschuldigen Sie, ist das da eine Alarmanlage für Ihr Fahrrad?“, fragt mich eine ältere Dame und zeigt auf mein Aufnahmegerät, mit dem ich gerade meine Eindrücke festhalte. Lachend kläre ich den Irrtum auf, es scheint, als würde ich mit meiner technischen Ausrüstung zur Fußgänger-Attraktion werden. Und so langsam macht mir der Job auch Spaß. Dortmund kenne ich zwar noch nicht wie meine Westentasche, aber inzwischen brauche ich nur noch einen kurzen Blick auf mein Handy, um die grobe Richtung zu meiner nächsten Adresse zu wissen. 

Auf meinem Weg über den Cityring blockieren immer wieder Autos die Fahrradwege. Ich muss auf die Autospuren ausweichen, eine falsche Bewegung von mir oder ein fehlender Schulterblick eines Autofahrers könnten in diesem Chaos fatal sein. Von einem der Fahrradkuriere habe ich gehört, dass er schon von einem Auto angefahren wurde und sich das Schlüsselbein gebrochen hat. Doch ich habe Glück, während der Tour bleibe ich unversehrt. Das Einzige, was mich an dem Job stört, sind die vielen Abgase, die ich permanent einatme.

So anstrengend, wie ich dachte, ist das Rad fahren wohl doch nicht. Doch dann fällt mein Blick auf das nächste Ziel. Von der Innenstadt muss ich bis nach Hörde. Fünf Kilometer und die Hälfte davon bergauf. Eine schöne Herausforderung, denke ich, doch ich freue mich zu früh. Denn ganz so fit, wie ich dachte, bin ich wohl doch nicht. Meine Beine werden langsam schwer und trotz des Zeitdrucks muss ich zwischendurch kleine Pausen machen. Hinzu kommt die Nervosität, denn in Hörde war ich noch nie und kenne mich nicht aus. Trotzdem muss ich jetzt Gas geben und blende die Anstrengung aus. Auf dem Gipfel der Steigung angekommen, lasse ich meinen Blick über Hörde schweifen. Ein Gefühl der Unbesiegbarkeit überkommt mich – bis mir einfällt, dass ich später noch den ganzen Weg zurückfahren muss. Aber bergab genieße ich dann erst einmal den Fahrtwind.

Auf die richtige Ausrüstung kommt es an

Auf dem Weg zu meiner letzten Station bin ich froh, dass ich keine schweren Päckchen transportieren muss. Um die 50 Kilo hält die Transportbox eines Lastenrads des Dortmunder Kurierdienstes aus. Neben Post und Medikamenten transportieren Kuriere oft auch kuriose Dinge, darunter meterlange Leuchtstoffröhren, Blumensträuße oder Champagnerflaschen. Mir macht heute besonders die Kälte zu schaffen, nach zweieinhalb Stunden spüre ich meine Finger kaum noch. Die Handschuhe habe ich nämlich leider vergessen. 

Da keine Zeit für die Übergabe verloren ging und ich keine Anrufe mit zusätzlichen Aufträgen bekommen habe, ist meine Schicht nach 25 Kilometern früher zu Ende als angenommen. Nach knapp drei Stunden treffe ich wieder beim Kurierdienst ein. Und allzu schlecht scheine ich mich nicht geschlagen zu haben, ich bekomme glatt eine Festanstellung angeboten, die ich aber dankend ablehne. Die meisten Fahrradkuriere, die hier arbeiten, sind Studenten wie ich. Sie verdienen rund 450 Euro im Monat, Trinkgeld gibt es auch ab und an.

Rasen auf dem Rad unmöglich

Mein Grund, das Jobangebot nicht anzunehmen, ist das hohe Risiko, mich zu verletzen. Viele Autofahrer nehmen nämlich keine Rücksicht auf die Radfahrer. Dass Kuriere selbst mit hohem Tempo fahren und sich so selbst in Gefahr bringen ist falsch, sagt mir Thomas Langermann nach meiner Ankunft. Der 48-Jährige ist seit 15 Jahren fest bei dem Kurierdienst „Heißer Reifen“ angestellt. Er macht dort die Büroarbeit und fährt Schichten. „Die meisten Menschen haben das Bild vom Fahrradkurier als Raser, aber wir haben ja diese Transporträder und so schnell kann man damit gar nicht heizen“, erklärt er. Bei mir hätte es sowieso nicht so weit kommen können. Mit meiner Fahrtgeschwindigkeit hätte ich höchstens einen Segway überholt. 

Ein Beitrag von Elisa de Oliveira Brinkhoff und Maik Zeisberg

Beitragsbild: Elisa de Oliveira Brinkhoff