Cannabis und Couchpotatos

In der Politik ist der Konsum von Cannabis derzeit wieder ein großes Thema. Während die Piraten eine Legalisierung von Cannabis fordern, führen die Niederlande den „Hasch-Pass“ ein, der es Deutschen nicht mehr ermöglicht, in Coffee Shops Cannabis zu erwerben. Doch was steckt hinter dieser Droge? Ist Kiffen vielleicht doch gar nicht so schädlich, wie behauptet wird? Und birgt der Wirkstoff THC wirklich so viele Möglichkeiten, wie von der Pharmaindustrie angepriesen?

Freiverkäufliches Cannabis-"Starterskit" in den  Niederlanden.  Foto: Xenia Kehnen/pixelio.de

Freiverkäufliches Cannabis-"Starter-Kit" in den Niederlanden zum Anbau von Hanfpflanzen. Foto: Xenia Kehnen/pixelio.de

Kiffen mal aus neuroanatomischer Sicht: Junior-Professorin Dr. Nora Prochnow weiß, wie sich der in der Droge Cannabis enthaltene Wirkstoff THC auf den menschlichen Körper auswirkt. „In Maßen ist THC nicht unwiderruflich schädlich, das Problem ist der Dauerkonsum“, sagt Prochnow. Denn der könne unseren Körper nachhaltig schädigen und sogar psychische Krankheiten auslösen. „Eigentlich besitzen wir selbst eine Art körpereigenes THC, das man Endocannabinoid nennt. Es funktioniert wie ein Schlüssel an unseren Synapsen, der die Reizübertragung regelt und Reize hemmt, wenn sie zu stark sind“, erklärt die Dozentin der Ruhr-Universität Bochum. Viele der „Schlösser“, an denen sowohl das körpereigene Cannabinoid als auch das THC andocken kann, befinden sich im Hippocampus. In dem Teil des Gehirns also, der vor allem für die Lernprozesse zuständig ist.

Lernschwierigkeiten und psychische Erkrankungen

„Neurobiologisch bildlich gesehen funktioniert Lernen so, dass Teile unserer Nervenzellen ihre für Botenstoffe sensible Oberfläche vergrößern, sozusagen ihren Speicher erweitern. Dadurch, dass wir ständig neue Sachen lernen, muss das Gehirn jedoch auch immer selektieren und momentan nicht gebrauchte Informationen auf einer Festplatte ablegen. Hierbei verkleinert sich diese sensible Oberfläche wieder“, sagt Prochnow. THC unterstützt die Verkleinerung der Oberflächen, ohne dass das Gehirn aktiv selektiert. Konzentrationsprobleme und Lernschwierigkeiten sind jedoch meist nicht die größten Probleme.

Denn der Hippocampus ist direkt mit dem emotionalen Zentrum verbunden. Das „Dämpfen“ der Reizübertragung sorgt dafür, dass die Synapsen beim Dauerkonsum zu „Couchpotatos“ werden, sozusagen in einer „Chill-Schleife auf Langzeit hängen bleiben“, wie es Prochnow erklärt. Dasselbe gilt für den Konsumenten. Emotionen wie Angst und Freude, aber auch der innere Antrieb, Motivation und Ehrgeiz werden wie durch einen Staudamm zurückgehalten.

Die Hanfpflanze dient zur Herstellung von Rauschmitteln, kann aber auch für den Hausbau oder als Futtermittel verwendet werden. Foto: Uwe Steinbrich / pixelio.de

Die Hanfpflanze dient zur Herstellung von Rauschmitteln, kann aber auch für den Hausbau oder als Futtermittel verwendet werden. Foto: Uwe Steinbrich/ pixelio.de

Die Persönlichkeit verändert sich, soziale Fähigkeiten können verkümmern. Bricht der Staudamm, weil auf einmal der THC-Konsum ausfällt, ist das Gehirn komplett überfordert. Es kann zu Panikattacken kommen, psychische Krankheiten wie manische Depression können ausgelöst werden. Auch nach medikamentöser Behandlung kann es sein, dass der ehemalige „Dauerkiffer“ nie wieder ganz der Alte wird.

Medizinische Anwendung

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. In der Medizin werden Cannabinoide bereits seit Jahrhunderten eingesetzt – und das nicht ohne Grund: Genauso wie das THC Emotionen dämmt, dämmt es beispielsweise auch den Schmerzreiz. Zur Schmerztherapie kann es folglich sehr nützlich sein. Eine andere Eigenschaft des Wirkstoffs: Der Hunger wird angekurbelt, der Würgereiz verschwindet fast vollständig. In den USA verwenden Mediziner deshalb THC für die Therapie von Magersüchtigen und Bulimikern.

„Cannabinoide birgen aus medizinischer Sicht ein Wahnsinnspotenzial“, sagt Nora Prochnow. „Durch wissenschaftliche Untersuchungen an Hühnereiern hat man herausgefunden, dass die körpereigenen Endocannabinoide in der Embryonalentwicklung maßgeblich daran beteiligt sind, wo sich später einmal was im Gehirn befindet. Sie fungieren sozusagen als Wegweiser, die sagen:
Hier muss eine Nervenzellgruppe für Emotionen hin, hier für Bewegung, hier für die Merkfähigkeit“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Körperliche Schädigungen mildern

Von daher hätte man den Schluss gezogen, dass auch THC und analoge Stoffe bei bestimmten körperlichen Schädigungen mildernd wirken könnten. Degenerative Erkrankungen des Nervensystems wie Multiple Sklerose oder die Effekte von Hirntumorentfernungen könnten wahrscheinlich in Zukunft durch gezielte Gabe von THC kotherapiert und gelindert werden.

Cannabis ist also mehr als „nur“ eine Droge. Wer weiß, vielleicht werden kranke Menschen in ein paar Jahren durch den Wirkstoff THC wieder schmerzfrei gehen können, ihre Bewegunsstörungen in den Griff bekommen oder nicht mehr an epileptischen Anfällen leiden.

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