Arbeit als Lebensmittelpunkt

Foto: A. Reinkober  / pixelio.de

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Ein Beitrag von Lara Enste

Aussägen, einpacken, verladen – eintönige Tätigkeiten? Rund 530 Menschen arbeiten in der „Werkstatt Über den Teichen“, einer Behindertenwerkstatt in Dortmund-Eving. Sie arbeiten dort gerne. Und es ist nicht der Lohn, der sie glücklich macht.

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Dorothea Franke ist 53 und nach einer Erziehungspause wieder in die Werkstatt gekommen. Fotos: Lara Enste

Dorothea Franke steckt zwei Dichtungsringe ineinander, dann kommen die nächsten beiden Plastik-Teile rein. Das Graue muss ins Schwarze, immer wieder. Im Radio läuft „91.2“, Deutsch-Pop, Dorothea Franke ist sehr konzentriert. Mit drei Kolleginnen sitzt sie an einem Tisch, von 8 bis 15.30 Uhr steckt sie Dichtungselemente zusammen. Jeden Tag. Das macht sie glücklich. Rund 260.000 Menschen arbeiteten laut Bundesarbeitsministerium 2010 bundesweit in den Arbeitsbereichen der Werkstätten für behinderte Menschen. Hinzu kommen die jüngeren Mitarbeiter im sogenannten Berufsbildungsbereich. Hier lernen sie den Alltag in der Werkstatt kennen und machen praktische Stationen in verschiedenen Arbeitsbereichen. So finden sie den, der am besten zu ihnen passt.

Die „Werkstatt Über den Teichen GmbH“ in Dortmund-Eving wird vom Elisabeth-Vormfelde-Verein getragen – und zu ihr gehören mittlerweile zwei Werkstätten, ein Fahrradgeschäft, ein integratives Café und das ambulant betreute Wohnen. Rund 530 behinderte Mitarbeiter haben die Werkstätten im Dortmunder Norden. Von einer Schlosserei über eine Schreinerei bis zur Verpackungswerkstatt gibt es hier sehr verschiedene Arbeitsbereiche.

Wer hier arbeitet, ist mindestens 18 Jahre alt und ist geistig behindert. Nach dem Besuch einer Förderschule entscheidet die Agentur für Arbeit, wer in einer Werkstatt arbeiten darf und wer nicht. Nach einem Eingangsverfahren folgt dann ein zweijähriger Berufsbildungsbereich für die Mitarbeiter, eine Art Ausbildung. Danach entscheidet der soziale Dienst gemeinsam mit der Agentur für Arbeit und dem Landschaftsverband-Westfalen-Lippe, wer im normalen Arbeitsbereich arbeiten kann und wer im Förderbereich. Hier verrichten schwerstmehrfachbehinderte eher einfache Tätigkeiten. Für Gudrun Leibfacher, Leiterin des sozialen Dienstes in der „Werkstatt Über den Teichen“, bedeutet das ganze Verfahren viel Papierkram: „Aber am Ende soll jeder da landen, wo er sich gut aufgehoben fühlt.“

Arbeit als Lebensmittelpunkt: Zusammenkommen, arbeiten, essen, feiern

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Die Schlosserei ist ein großer Bereich der "Werkstatt Über den Teichen".

Um das Geld geht es kaum. Behinderte Menschen beziehen Grundsicherung und das Werkstatt-Geld wird damit verrechnet. Es ist eher ein Taschengeld als ein wirklicher Lohn, der anfällt. Rund 170 Euro haben Werkstattmitarbeiter 2010 durchschnittlich verdient, in der „Werkstatt Über den Teichen“ sind es im Schnitt 270 Euro – plus zweite Lohntüte. So nennt man die Finanzierung von Essen und Fahrten durch die Werkstätten. Trotzdem: Die Frage, warum sie arbeiten geht, versteht die 53-jährige Dorothea Franke nicht ganz: „Was soll ich denn zu Hause? Die Kinder sind groß, hier kann ich arbeiten und bin unter Kollegen.“ In der Pause kann sie mit allen quatschen – und in der Werkstatt hat sie auch den Mann ihres Lebens kennengelernt. Mit ihm ist sie jetzt seit fünf Jahren in zweiter Ehe verheiratet.

„Die Arbeit ist der Lebensmittelpunkt unserer Mitarbeiter“, erklärt Gudrun Leibfacher. Morgens kommen alle mit Bussen oder mit der Bahn. Mittags essen alle zusammen. Der Gruppenbetreuer ist ein wichtiger Ansprechpartner. Arbeit ist eben auch Sozialleben. Außerhalb der Werkstatt ist das nicht anders. Der Unterschied: Meckern tut in der Werkstatt so gut wie nie jemand. „Ich würde mir ja fast schon wünschen, dass jemand mal Kritik äußert“, lacht Gudrun Leibfacher. Aber die Mitarbeiter gehen mit einer unglaublichen Begeisterung an die Arbeit. Selten fehlt jemand. Denn: „Sie wissen, dass sie hier gebraucht werden.“

Klingt wie ein sozialromantisches Märchen. Aber wenn potenzielle Kunden durch die Werkstatt geführt werden, dann sind alle Mitarbeiter „mächtig stolz“, erzählt Leibfacher. „Die werden dann durch die Werkstätten geführt, und das bekommen die Mitarbeiter natürlich auch mit.“

Die Arbeit wird wertgeschätzt, sie ist wichtig. Natürlich gibt es auch Einzelfälle, die als Hauptgrund fürs Arbeiten das Geld angeben – „Kohle muss ich machen, Kohle“, grinst ein junger Mann, der Pflaster verpackt. Sein Bruder verdiene schließlich auch sein eigenes Geld. Aber selbst da zeigt sich also: Die Arbeit ist wichtig, um sich selbst zu definieren. „Ich verdiene Geld, ich kann sagen ‚Ich muss zur Arbeit‘ – wie Geschwister und Eltern, das ist ein ganz wichtiger Normalisierungseffekt“, sagt Sozialpädagogin Leibfacher.

Am Ende des Tages bedeutet Arbeit mehr als Geldverdienen

Und auch Professor Horst Biermann, Rehabilitationswissenschaftler an der TU Dortmund, sagt: „Über Arbeit wächst man in eine Gesellschaft hinein. Integration passiert auf dem Arbeitsmarkt – egal, ob Sie jetzt behindert sind oder nicht.“ Dass man eine Stelle hat, macht jeden stolz. Genauso, wie wenn ein Kunde vorbeikommt.

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Gudrun Leibfacher leitet den sozialen Dienst in der "Werkstatt Über den Teichen".

Schon 1933 in der ersten bekannteren soziologischen Studie, „Die Arbeitslosen von Marienthal“ kam heraus: Wer nicht arbeitet, wird antriebslos und manchmal sogar krank. Denn Menschen definieren sich über Arbeit. Es ist weit mehr als das Geld, das man nach einem langen Tag mit nach Hause bringt. In der Werkstatt über den Teichen wird das bloß sichtbarer als auf dem freien Arbeitsmarkt: „Arbeit gibt eine Tagesstruktur und Arbeit gibt Wertschätzung“, erklärt Gudrun Leibfacher vom sozialen Dienst. So erklärt sie sich auch, dass Mitarbeiter, die eigentlich durch eine Rente unter den gleichen Umständen komplett zu Hause bleiben könnten, weiterhin arbeiten kommen.

Wer 20 Jahre lang in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet hat, dem steht automatisch eine „Rente wegen Erwerbsminderung“ zu. Ab diesem Zeitpunkt könnten die Arbeiter auch zu Hause bleiben, in der Werkstatt gibt es dann noch minimal mehr Geld. Doch in der Werkstatt „Über den Teichen“ trifft das im Moment auf etwa 250 von rund 530 Mitarbeitern zu – sie bleiben trotzdem.

Ziel: Wirtschaftlicher Erfolg und Persönlichkeitsbildung der Mitarbeiter

Dorothea Franke ist schon 53, hat aber nicht durchgängig hier gearbeitet. In der Werkstatt bekam sie vielmehr wieder die Chance auf Arbeit. Nachdem sie 13 Jahre lang Hausfrau und Mutter war, kehrte sie vor sieben Jahren wieder in die Werkstatt zurück. Zwischendurch hatte Dorothea Franke zwei Jahre bei einer Supermarktkette geputzt. „Aber jetzt habe ich nur hier die Chance auf Arbeit.“ Sie ist damit nicht die Einzige in der Werkstatt: Einige Frauen kommen zur Arbeit zurück, weil sie nicht mehr länger nur den Haushalt machen wollen. In der Werkstatt kommen sie unter Leute, ihnen ist „einfach nicht mehr langweilig“, sagt Dorotheas Kollegin Birgit Bröker.

„In der Werkstätten Verordnung ist die Persönlichkeitsbildung der Mitarbeiter genauso vorgeschrieben, wie wirtschaftlicher Erfolg“, sagt Reha-Wissenschaftler Horst Biermann. Es geht also nicht nur um Beschäftigungsmaßnahmen, wie gerne gehöhnt wird. Klar gibt es Fördermittel. Dennoch arbeiten Verwaltung und sozialer Dienst in der Werkstatt beide gleichwertig.  „Hier gibt es einen Gruppenbezug, der Arbeitgeber organisiert auch mal Freizeitaktivitäten und es gibt eine große Identifikation mit den Produkten – davon können Unternehmen auf dem freien Markt eigentlich lernen“, meint Biermann.

Die Arbeit macht auch Dorothea Franke Spaß. Wenn keine Freizeitaktivitäten in der Werkstatt anstehen und sie nach der Arbeit zu Hause ist, macht sie „noch ein bisschen Haushalt“, dann trinkt sie Tee und legt die Füße hoch. Sie will noch möglichst lange arbeiten. „So lange, wie die Knochen aushalten“, sagt sie und in das Lachen stimmen ihre Kolleginnen mit ein. Damit ist sie nicht alleine, viele ihrer Kolleginnen und Kollegen sehen die Werkstatt als eine Art zweites zu Hause. Sind die Mitarbeiter also glücklich mit ihrem Job? Ja, ist sich Gudrun Leibfacher sicher: „Vielleicht sind sie sogar die einzigen Menschen, die noch so richtig uneingeschränkt Glück dadurch empfinden.“

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