Der „Vorzeige-Bieber“ im Kino

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Justin Bieber ist keine 14 mehr. Weil das so ist und seine Stimme immer männlicher wird, macht er seit neuestem immer 20 Liegestütze vor jedem Auftritt. Das ließ vor kurzem seine Stimmtrainerin Jan Smith verlauten. Ob das der Grund ist, wieso man ihn so oft oben ohne in „Never Say Never“ sieht? Man weiß es nicht. Es könnte natürlich auch daran liegen, dass so eine Tournee ziemlich anstrengend ist. Und damit wären wir auch schon bei der Story des Films.

Justin Bieber mit seiner Mutter Pattie Mallette. Foto: Paramount Pictures

Justin Bieber mit seiner Mutter Pattie Mallette. Foto: Paramount Pictures

Justin kann nicht mehr. Der Hals schmerzt, die Stimme ist fast weg. Und das nur wenige Tage vor seiner ausverkauftem Show im „Madison Square Garden“, dem Pop-Olymp, in dem vor ihm so Größen wie Michael Jackson, The Police oder die Rolling Stones gespielt haben. Traurig wirft er sich in sein Bett im Tourbus und zieht die Decke über den Kopf.

Der Junge ist untröstlich. Selbst seine fast acht Millionen Follower bei Twitter oder die mehr als 22 Millionen Fans auf Facebook können da nicht mehr helfen. Aber keine Sorge. Denn natürlich hat „Never Say Never“ ein Happy-End und die bieberschen Stimmbruchprobleme sind nur dramatischer Moment vor dem finalen Auftritt im „Madison Square Garden“.

Zehn Tage begleitet man als Zuschauer Justin Bieber bei seiner Tour: vom Auftakt in seiner kanadischen Heimat bis zum großen Finale in New York. Das ist die eine Ebene des Films. Die andere springt immer wieder zurück in der Zeit und zeigt, wie aus dem „ganz normalen Jungen“ aus der kanadischen Provinz ein weltweiter Teenie-Star wurde. Und, weil die 3D-Szenen auf der Bühne deutlich weniger Gewicht haben als die verwackelten YouTube-Videos aus der bieberschen Historie, ist „Never Say Never“ eher Biopic als 3D-Konzertfilm.

Wie alles begann

Ein Herz für Bieber: Fans machen bei einem Konzert das typische Bieber-Handzeichen. Foto: Paramount Pictures

Ein Herz für Bieber: Fans machen bei einem Konzert das typische Bieber-Handzeichen. Foto: Paramount Pictures

Bevor man Justin Bieber in „Never Say Never“ sieht, bekommt man erst mal ein paar YouTube-Evergreens zu Gesicht: „Suprised Kitty“ (43 Millionen Klicks), „The Sneezing Baby Panda“ (100 Millionen Klicks) und dann kommt er: „kidrauhl„. So nennt sich Bieber auf der Videoplattform und allein sein Musikvideo „Baby“ hat bereits 482 Millionen Klicks. Es ist nur logisch, dass „Never Say Never“ so beginnt, denn das Phänomen „Justin Bieber“ ist auch eine Erfolgsgeschichte des Web 2.0.

Angefangen hat alles damit, dass seine Mutter Pattie Mallette Videos ihres singenden Sprösslings hochlädt, damit der Rest des Bieber-Clans den talentierten Knirps trotz tausender Kilometer Entfernung auch sehen und vor allem hören kann. Aber nicht nur die schauen die Videos. Tausende andere auch.

Unter ihnen ist der Musikmanager Scooter Braun. Begeistert von Biebers Talent macht er sich auf die Suche nach dem Jungen, findet ihn, lädt ihn ein nach Atlanta zu fliegen, um bei R’n’B-Sänger Usher vorzusingen. Auch Usher ist direkt begeistert vom Kanadier und nur ein Jahr später veröffentlicht Bieber seine erste Single „One Time“, die es in den US-Charts bis auf Platz 17 schafft.

2009 erscheint sein erstes Album „One Less Lonely Girl“ und erreicht sowohl in Kanada als auch in den USA Platin-Status. Bemerkenswert an Biebers Karriere ist, dass er es im Gegensatz zu Disney-Stars wie Miley Cyrus ohne Cross-Promoting berühmt wurde. Bieber hatte keine eigene Serie. Er hat einfach seine Videos ins Netz gestellt, irgendwann angefangen zu twittern. „Marketing-Tool“ Social Media.

Fans, Fans, Fans

Beten gehört, wie bei vielen anderen Stars, auch bei Justin Bieber zum Ritual vor dem Konzert. Foto: Paramount Pictures

Beten gehört, wie bei vielen anderen Stars, auch bei Justin Bieber zum Ritual vor dem Konzert. Foto: Paramount Pictures

Eine analytische Durchdringung des Phänomens „Justin Bieber“ erwartet man als Zuschauer  zwar nicht in „Never Say Never“, aber man bekommt sie trotzdem: die Fans hätten Justin entdeckt und nicht die Major Labels. Daher die enge Fanbindung. So die Begründung und wie zum Beweis sieht man ein junges Mädchen, das mit ernster Miene in die Kamera sagt: „Ich war von Justin’s erstem Video an Fan und werde es bis zum letzten bleiben.“ So funktioniert der Mythos vom YouTube-Star.

Weitere Zutaten: Eine Menge kreischender, zumeist weiblicher Fans. Und davon gibt es allerhand zu sehen im Film. Gefühlte hundert Heiratsanträge muss man sich anhören und jede fünfte Szene scheint ein „meet & greet“ mit Bieber und seinen Fans zu sein. Dass der Junge seine Fans aufrichtig mag, nimmt man ihm ab. Aber hätte da nicht eine Szene gereicht?

Too much, too much..

Justin Bieber trifft in seiner Heimatstadt Stratford, Ontario eine Straßenmusikern. Foto: Paramount Pictures

Justin Bieber trifft in seiner Heimatstadt Stratford, Ontario, eine Straßenmusikern. Foto: Paramount Pictures

110 Minuten lang ist „Never Say Never“. Ein bisschen weniger hätte es auch getan. Denn so bietet der Film Platz für die Wiederholung des immergleichen Musters: der „Vorzeige-Bieber“, der seinen Traum lebt. Auch dass ließe sich vielleicht sogar ertragen, wenn der Film nicht derart eindimensional und ironiefrei wäre. Denn die Schattenseiten des Ruhms zeigt der Film, wenn überhaupt, nur ansatzweise. Was man aber immer wieder zu sehen bekommt, ist der „Vorzeige-Bieber“ in Vorzeige-Situationen

So wird Bieber bei einem Besuch in der Heimat von seiner Großmutter aufgefordert, sein Bett zu machen und dann erst mit seinen Freunden spielen zu gehen. Natürlich wird erst das Bett gemacht. Eine weitere Szene des gleichen Kalibers: Bieber begegnet in seiner alten Heimatstadt einer jungen Straßenmusikerin, die wie er einst Geld sammelt. Natürlich hat er etwas zu sagen und was könnte das auch anderes sein als: Lebe deinen Traum – „Never say never.“

Auch wenn sich Biebers Leben – das hochbegabte Scheidungskind aus der kanadischen Provinz mit Persönlichkeit, das, wie aus dem Nichts, zum Star wird – für eine vom „Tellerwäscher-zum-Millionär-Story“ anbietet: ganz so kitschig hätte es dann doch nicht sein müssen. Sicherlich: Der Film ist gut (das heißt rasant) geschnitten, wer Fan ist, kommt vor allem bei den Konzertmitschnitten in 3D auf seine Kosten. Aber so richtig Nahe kommt man der Person „Justin Bieber“ nicht. Und so bleibt der Film doch irgendwie dröge Pop-Propaganda.

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