Die Welt des Adler 59

Asiye Eroglu bedient einen Kunden im Kiosk Adler 59.

Asiye Eroglu bedient einen Kunden im Kiosk Adler 59.

Muhammad Ali ballt die Fäuste. Siegessicher blickt er von der Wand im Hinterhof. Einige Anwohner sitzen auf Plastikstühlen vor ihren Garagen. Hinter den bemalten Toren verstecken sich ein Kühlschrank und ein Grill; Kisten, Kanister und Sperrgut.

Die Leute trinken Bier, erzählen. Die meisten von ihnen sind Männer, einer trägt eine ausgewaschene Kappe, ein anderer einen Blaumann und Turnschuhe. Ein kleines Mädchen mit Rock rennt mit ihrem rosa Rucksack zwischen den Erwachsenen umher. Aus einem alten Radio läuft Musik. Dieser Hinterhof, er wirkt ein wenig wie eine eigene Welt. Gut 100 Meter dehnt sich der Hof nach hinten aus. Street Art an den Mauern und Toren machen aus dem zunächst unscheinbaren und schäbigen Garagenrund eine Galerie urbaner Graffiti-Kunst. „Eigentlich ist hier immer etwas los“, erzählt ein Anwohner.

Grund für den regen Besuch ist der Kiosk, an den sich der Hof anschließt: Der Kiosk Adler 59. Ein Familienbetrieb, der über die Jahre zu einer wahren Institution im Unionviertel geworden ist. Eine Mischung aus Trinkhalle, Tante-Emma-Laden und Event-Schuppen. Und ein kleines bisschen Heimat.

Klein und unscheinbar liegt „Adler 59“ zwischen einer Hofeinfahrt und einem Hochhaus. Unter den Markisen hängt eine schwarz-gelbe Wimpelgirlande, neben der Eingangstür eine DHL-Fahne. Zwei große Fenster sollen Licht in den kleinen Kiosk und die Trinkhalle bringen. Viel kommt aber nicht mehr rein. Im rechten Schaufenster – Schilder über Schilder. Von einem großen QR-Code über Werbung für Sim-Karten bis hin zu Hinweisschildern für Eiswürfel, der Schreinerei im Hinterhof und der Suchanfragen von Kunden, etwa nach einer Armbanduhr. Das andere Fenster ist schlicht gehalten. Dort steht nur „Kiosk, Trinkhalle, Adler 59“ in roter und blauer Schrift.

Die Eroglus sind eine Kiosk-Familie

Der Schritt durch die schmale, von Plakaten verklebte Metalltür führt hinein in die Welt von Familie Eroglu. Hinter dem Tresen, auf einer Kiste Bier, sitzt Bilal, das älteste der vier Eroglu-Kinder. Er wird verdeckt von Weingummi, Kaugummi und Schokoriegeln. Über seinem Kopf stapeln sich die Zigarettenschachteln. Bilal und seine Geschwister helfen gelegentlich im Kiosk ihrer Eltern aus. „Wer neben Schule oder Beruf mal Zeit hat, der springt für ein paar Stunden ein“, erklärt Bilal.

 

Der 26-Jährige macht eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker; eine Lehre im Einzelhandel hat er bereits abgeschlossen. Nach Feierabend kommt er meist noch für ein paar Stunden in den Kiosk. „Es macht mir Spaß, ich wohne seit 20 Jahren im Viertel. Nur eine Sache zu machen reicht mir nicht, ich tanze lieber auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig.“ Die Familie wohnt oben im Haus, unten ist das Geschäft. Von 7.30 bis 1 Uhr hat der Adler 59 momentan geöffnet. „Wenn ich um 2 Uhr an die Scheibe klopfe, ist meist auch noch jemand da“, sagt ein Mann um die 50, Stammkunde, mit einem grauen Haarkranz auf dem Kopf. Mit einer Flasche Bier in der Hand lehnt er an einer Säule zwischen Bierkisten und Tütensuppen. Fast eine Stunde plauscht mit Bilal und seiner Mutter Asiye oder beobachtet einfach den Kiosk-Trubel. „Asiye kocht manchmal Köfte, die sind echt gut“, sagt der Mann. „90 Prozent der Leute sind Stammkunden, die kommen immer wieder“, sagt Bilal.

Eldorado der Produktvielfalt

Die Eingangstür öffnet sich, ein älteres Ehepaar betritt den Laden. Die Frau blickt ein paar Sekunden suchend durch den Laden, dann fragt sie: „Habt ihr schon die Zehn-Kilo-Kartoffelsäcke, die man im Keller lagern kann?“ Bilal nickt. Selbstverständlich. Bei den Eroglus gibt es nicht nur die klassischen Kiosk-Waren.

Auf den knapp zehn mal zehn Metern verkauft die Familie fast alles, was man zum Leben benötigt. In einer kleinen Auslage leuchtet frisches Obst und Gemüse, von Ananas bis Zucchini. Direkt daneben hängen an zwei Ständern massenweise Gummibärchen-Tüten. „Einige Leute fragen nach ganz bestimmten Sachen; manchmal gehen wir auch auf die Kunden zu und bieten ihnen die Ware an“, erläutert Bilal.

Das Sortiment im Kiosk ist riesig.

Das Sortiment im Kiosk ist riesig.

Das Sortiment ist in den Jahren ziemlich umfangreich geworden. Gegenüber der Obstauslage finden sich Toast, Tütensuppe, Thymian. Regale an der Glasfront sind gespickt mit elektrischen Zahnbürsten, Bewegungsmeldern und Streusalz; darüber einige türkische Spezialitäten, Tüten und Konserven. Was nicht in den Kiosk passt lagert die Familie in den Garagen und im Keller. „Wir haben gar keinen Platz, um alle Waren im Laden zu präsentieren“, erzählt Bilal. Ein kleiner Spielzeug-Truck steht im Regal neben Teelichtern und DVDs. In zwei großen Kisten liegen Ladekabel für alle möglichen Geräte. Es wirkt, als verkaufe die Familie alles, was sie über die Jahre aufgetrieben hat – und beschriftet: kein Artikel, den die Eroglus nicht mit einem kleinen Preisschild versehen haben.

Vorbei an Kartoffelpüree für 1,99 Euro und Damendeo für 2,99 Euro gelangt man in die laute Ecke des Ladens. Ein ständiges Brummen ist zu hören. Tag ein, Tag aus beschallen die Kühlung der Frischeprodukte und die aktuellen Radiocharts den Laden. Hinter vergilbten Gummi-Vorhängen warten deutscher Käse, griechischer Tzatziki, türkischer Ayran. Ein Kühlschrank weiter ist die übervolle Adler-Getränkeabteilung.

Adler 59 behauptete sich gegen Supermarkt

Anfangs war der Kiosk nur halb so groß wie heute. Über die Jahre haben Bilal und seine Familie immer mehr angesammelt. Die Produktvielfalt ist mittlerweile nicht nur im Unionviertel bekannt: 2015 wurde der Adler 59 bei der jährlichen Umfrage der Dortmunder Kronen-Brauerei zum besten Kiosk der Stadt gewählt. Bis dahin war es ein langer Weg.

Das Dortmunder Unionviertel

Gegründet wurde das Büdchen vor 14 Jahren. Die Familie wohnte zu der Zeit bereits in dem Haus in der Adlerstraße. Vater Hikmet hatte zuvor zehn Jahre im Einzelhandel gearbeitet. Das Ladenlokal unter ihnen sollte zu einem Kiosk werden. Ein wenig Weingummi und ein paar Getränke waren bereits geliefert worden. Doch der Mieter sprang kurzfristig ab. Hikmet dachte: „Dann mach ich es halt.“ Der Adler 59 war geboren.

Der Kiosk der Familie Eroglu in der Adlerstraße.

Der Kiosk der Familie Eroglu in der Adlerstraße.

Ob er sich halten würde? Hikmet wollte zunächst abwarten. Die Konkurrenz schien übermächtig: Wenige Meter weiter gab es eine Rewe-Filiale. „Der Einzelhandel ist verdammt schwierig, auch der Umgang untereinander ist aufgrund der Konkurrenzsituation manchmal nicht einfach“, sagt Bilal. Der Kiosk behauptete sich. Nach vier Jahren schloss der Rewe, die Nachfrage an Lebensmitteln bei den Eroglus stieg.

Vom Kiosk zum Event-Schuppen

Über Kunden lernte Bilal vor wenigen Jahren einen Autor kennen. „Wir alberten rum. Und schließlich fand in unserem Kiosk eine kleine Lesung statt“, sagt Bilal. „Adler 59“ wurde zum Event-Schuppen. Das Büdchen nahm am „Tag der Trinkhallen“ im August dieses Jahres teil, einige kleine Konzerte und ein Hip-Hop-Jam wurden zwischen Tütenpüree und der Bild-Zeitung aufgeführt. Vor allem an die Jam-Session erinnert sich Bilal gerne. „Die Leute kamen aus dem Sauerland, dem Süden, Berlin, Hamburg, überall her.“ Der Hinterhof wurde zur Konzert-Arena. Die Leute mussten irgendwann von den umliegenden Garagen geholt werden, erzählt Bilal mit breitem Grinsen. „Die haben mit Flaschen auf dem Kopf getanzt.“ Ein Gast hört mit und wirft ein: „Das ging hier ab wie Sau. Die haben alle richtig Stimmung gemacht.“

Inzwischen ist Bilals größte Aufgabe im Kiosk, Veranstaltungen zu koordinieren, die Facebook-Seite zu verwalten und ab und zu Presseanfragen zu bearbeiten. Die Events sprechen sich rum. „Das meiste passiert durch Mundpropaganda“, sagt Bilal. Er hat immer wieder neue Ideen. Seine nächste: der „DJ im Kiosk“. Draußen will er Heizpilze aufstellen, innen soll das Weingummi-Regal zum DJ-Pult werden. „Die Leute können hier nach Feierabend vorbeikommen, auf dem Weg zur Party noch einen zischen oder einfach abhängen, Musik hören und neue Leute kennen lernen.“

Spiegel des Unionviertels

Zwischen der Kasse mit Lottoannahmestelle und gestapelten Getränkekisten geht es hinaus in den Hinterhof. Kein Garagentor, kein Ziegelstein gleicht dem anderen: Vom pinken Panther, Tiermotiven und Comicfiguren bis hin zu kaum entzifferbaren Inschriften und Gedenken an Verstorbene. „Das ist ein offenes Museum, eine Street-Art-Gallery“, sagt Bilal. Er selbst ist der Initiator. „Es war alles verunstaltet und beschmiert. Das mochte ich nicht mehr so sehen“, sagt Bilal. Er sprach einige Bekannte an und sorgte mit ihnen dafür, dass der triste Hinterhof lebendig wurde. Ein Spiegelbild des gesamten Viertels.

Fotos: Lukas Hemelt und Julian Hilgers

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