Kommentar: Trumps Wahl war eine Wahl aus Protest

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Jetzt ist es also tatsächlich passiert: Donald J. Trump ist in der Nacht auf den 09. November zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden. Trumps Sieg ist  aber nicht nur als eine Wahl für ihn zu begreifen, sondern vielmehr als Wahl gegen Washington, gegen das politische Establishment − eine Wahl aus Protest. Ein Kommentar.

Eine Protestwahl: Nur so kann man sich den Erfolg dieses Mannes erklären, der sich in der Schlammschlacht des Wahlkampfes doch als so ungeeignet für die Politik erwies. Seine Äußerungen waren frauenverachtend, rassistisch, unheimlich radikal. Er sammelte seine Stimmen durch Hetze gegen Minderheiten und die Ankündigung großer Umbrüche in den Staaten – einige davon absolut unrealistisch, wie beispielsweise die Forderung, Mexiko für eine Mauer zwischen sich und den USA zur Kasse zu bitten. Trumps Wahl ist deshalb ein Schock für die freie Welt. Die Vereinigten Staaten, die Nation, die immer Vorzeigeland war für die westlichen Werte, die sich selbst als das Land betitelte, in dem Träume wahr werden und in dem man so leben könne, wie man will – sie hat nun einen Präsidenten, der sich gegen Schwule und Lesben ausspricht, der gegen Ausländer hetzt und zum Beispiel pauschal alle Mexikaner als „Vergewaltiger“ und „Waffenschmuggler“ bezeichnet. 

Aber wie konnte Trump überhaupt gewinnen? Wie konnte es dazu kommen, dass er Anfang 2017 vereidigt werden und ins Weiße Haus einziehen wird? Er profitierte in seinem Wahlkampf wohl von der Unzufriedenheit, die in weiten Teilen der USA herrscht. Viele Bürger − insbesondere weiße, weniger gebildete männliche Mittelschicht − fühlen sich in den USA vernachlässigt. Sie sehen ihre Mehrheit in Gefahr (schon jetzt gibt es in den USA weniger Geburten ‚weißer’ Kinder als anderer Ethnien) und haben vom wirtschaftlichen Aufschwung in den Staaten häufig nicht profitiert. Deswegen stimmten also hauptsächlich die Mittelschicht und die Arbeiterklasse für Trump. Und ihr durchschnittliches Alter zeigt: Es war auch ein Generationen-Entscheid. Denn fast die Hälfte von Trumps Wählern ist älter als 65. Die jungen Wähler schlugen sich hauptsächlich auf Clintons Seite − und wollen den Wahlausgang nicht akzeptieren: Schon kurz, nachdem in der Nacht Trumps Wahlsieg verkündet wurde, gingen erste Collegestudenten gegen ihn auf die Straße, zum Beispiel in Kalifornien und Pennsylvania. 

Die politische Unzufriedenheit vieler US-Bürger zeichnete sich auch schon in vorangegangenen Wahlen ab. So kam nach Bill Clinton, der wie seine Frau Hillary den Demokraten angehörte, der Republikaner George W. Bush und damit ein politischer Umschwung. Während seines ersten Wahlkampfes 2000, setzte sich Bush vor allem für ein faireres Steuersystem ein − das kam gut an, insbesondere bei genau der Wählerschaft, die jetzt auch Trump zum Sieg verholfen hat. Doch nach seiner Wiederwahl 2004 setzte Bush deutlich radikalere Regierungsstrategien um: Es folgten der Irak- und der Afghanistankrieg. Außerdem befanden sich die USA 2008 in der wohl schlimmsten Finanzkrise seit langem. Die Situation der Menschen war schlecht, sie wollten eine Veränderung. Das erklärt, warum auf Bush dann wieder ein demokratischer Präsident folgte: Barack Obama. Und nun zeigt sich innerhalb der US-Bevölkerung anscheinend wieder der Wunsch nach Veränderung − in Form eines radikaleren Kandidaten: des Republikaners Donald Trump.

Nach Obama hätte man denken können, dass die USA zu ihrer Vorbildfunktion in Sachen „freie Welt“ zurückgefunden hätten. Mit der Wahl von Donald Trump findet nun aber wieder ein radikaler Bruch statt. Denn: Trump hat keinerlei politische Erfahrung vorzuweisen, hatte noch nie ein politisch gewähltes Amt inne, kommt stattdessen aus der Immobilienbranche. Seine politische Unerfahrenheit allein würde eigentlich schon ausreichen, um ihn als ungeeignet für das präsidiale Amt anzusehen. Verschlimmert wird dies nur noch durch seine charakterliche Schwäche: Er ist egoistisch, weiß sich aber zu inszenieren und wichtige Personen auf seine Seite zu ziehen. Vereint in einem Präsidenten, können diese Charakterzüge durchaus beängstigend sein. 

Der baldige Ex-Präsident Obama hat es wenige Tage vor der Welt treffend ausgedrückt, nachdem Trumps Wahlkampfteam dem neuen „mächtigsten Mann der Welt“ den Zugriff auf seinen eigenen Twitteraccount entzogen hatte: „Ein Mann, dem man seinen Twitteraccount nicht anvertrauen kann, kann man keine Atomcodes anvertrauen.“ Und bei einem Präsidenten, der im Wahlkampf die Frage stellte, warum Amerika die vorhandenen Atomwaffen nicht einsetze, muss man sich wegen dieser Tatsache ernsthafte Sorgen machen.  

Und eine weitere Sache macht in Hinsicht auf Trumps Wahlsieg Angst: Der Kongress ist in seinen beiden Bestandteilen (Senat und Repräsentantenhaus) ebenfalls jeweils republikanisch dominiert. Das könnte Trump viel Handlungsfreiheit gewähren, wenn er beispielsweise neue Gesetze verabschieden will. Beunruhigend ist auch dabei vor allem Trumps Temperament, seine Unberechenbarkeit. Welche seiner geplanten Regierungsziele er tatsächlich anstreben will, und was sich nach seinem Amtsantritt bloß als „heiße Luft“ herausstellen wird, bleibt abzuwarten. Bei einigen seiner Pläne kann man aber nur hoffen, dass es bloßes Gerede im Wahlkampf war, um die „Wutbürger“ der USA auf seine Seite zu ziehen.

Beitragsbild: Flickr / Gage Skidmore, lizensiert nach Creative Commons