Mauerfall: Zwischen Ofenheizungen und Dönerbuden

 


Genau vor einem Vierteljahrhundert ist die Berliner Mauer gefallen. Beate Triesch hat diesen historischen Tag als Studentin miterlebt. Von 1987 bis 1990 studierte sie an der Humboldt-Universität in Berlin. Heute lebt die 45-jährige immer noch in Berlin und ist Grundschullehrerin für Biologie. Für die pflichtlektüre erinnert sie sich pünktlich zum großen Jubiläum an die Ereignisse vor 25 Jahren zurück.

pflichtlektüre: Wo waren Sie heute vor 25 Jahren?

Triesch: Tagsüber war ich, wie immer, in der Uni. Ich hab zu der Zeit Russisch und Englisch studiert, um Lehrerin zu werde. Am Abend des 9. November sind mein Mann und ich in die Berliner Kongresshalle am Alexanderplatz gefahren, zu einer Diskussion über die Volksbildung in der DDR. Im Auto haben wir diesen berühmten Satz von Günter Schabowski gehört (siehe Timeline Anm. d. R.), aber die Bedeutung haben wir in dem Moment nicht so realisiert. Wir dachten: Aha, dann können wir also bald einen Antrag stellen, in den Westen zu fahren. Auch während der Diskussion in der Kongresshalle hat niemand etwas dazu gesagt. Deswegen sind wir danach nach Hause gefahren und schlafen gegangen. Die ganze Tragweite haben wir dann erst am Freitag Morgen mitbekommen, als es im Radio hieß: „Die Mauer ist offen“.

Sind Sie dann gleich zur Mauer gefahren?

Nein, brav wie ich war, bin ich am Freitag erstmal ganz normal in die Uni gegangen. Erst in der Mittags- Vorlesung war eine eigentlich sehr gestrenge Professorin so tolerant und hat uns frei gegeben. Wir haben dann in unserer Naivität überlegt, dass wir mit dem Trabi so dicht wie möglich an die Grenze fahren würden. Natürlich war es viel zu voll auf den Straßen. Wir mussten also das Auto sehr weit weg von der Bornholmer Straße abstellen und zur Grenze laufen und sind dann mit den vielen, vielen Menschen nach Westberlin gekommen.

Wie war das, zum ersten Mal frei nach Westberlin zu gehen?

Als wir über die Bornholmer Brücke gingen war es einerseits sehr schön, denn meine Großeltern wohnten auf der anderen Seite und hatten immer von der Grenzkontrolle erzählt. Und es war schon etwas Besonderes, diesen Weg selber gehen zu können. Ich erinnere noch, dass die Gerüche ganz anders waren: bei uns roch es nach Ofenheizungen und drüben nach Dieselabgaben und Dönerbuden. Aber auf der Brücke hat es mich auf einmal richtig durchzuckt, weil da ein großes Schild stand: „Hier baut die Thyssen Krupp Stahl AG“. Da hab ich mich so erschrocken, weil ich Thyssen Krupp sofort mit dem zweiten Weltkrieg assoziiert habe. Und dass es diese Firma immer noch unter dem gleichen Namen gab, hat mich schon negativ berührt.

Was haben Sie dann in West-Berlin gemacht?

An der Grenze standen ganz viele Busse, in die man einfach einsteigen konnte, und die einen mitgenommen haben. Das war toll. Wir haben aus einer Telefonzelle Verwandte angerufen und die am späten Abend besucht. Meine Verwandte sagte: „Ich sitze den ganzen Abend vor dem Fernseher und heule nur.“ Das war sehr bewegend. 

Haben Sie in den Tagen und Wochen vor dem Mauerfall gespürt, dass etwas so schwerwiegendes bevorsteht? Vielleicht auch unter den Studenten?

Es war schon viel in Bewegung, aber ich glaube fast niemandem ging es darum, dass die Mauer weg muss. Die Diskussionen gingen darum, wie wir unser Land umbauen können, damit es besser wird. Dass man nicht mehr die Augen vor Problemen verschließt und nur sagt, wie toll alles ist. Man hat zum Beispiel am 4. November (Alexanderplatz-Demonstration Anm. d. R.) gespürt, dass es so in der DDR nicht weitergehen kann. Da habe ich gemerkt, was für Potenzial und Ideen da waren, wohin es mit diesem Land gehen sollte und könnte. Gedanken an Wiedervereinigung waren uns aber, glaube ich, allen zu utopisch. Deshalb kam der Mauerfall am 9. November schon sehr überraschend. Dass das Ganze sich so schnell erledigt war nicht abzusehen. Aber wir hatten das Gefühl, dass wir etwas verändern können und dieses Gefühl habe ich zumindest heute nicht mehr.

Mauer Brandenburger Tor

Großer Menschenauflauf am Brandenburger Tor: In der Nacht vom 9. auf den 10. November öffnet sich die Grenze von Ost- nach West-Berlin. Foto: Raphaël Thiémard, VivaoPictures/ flickr.com

Was hat sich nach der Öffnung der Grenze an der Uni verändert?

Zuerst wurde mir sehr schnell bewusst, dass Russischlehrer jetzt nicht mehr die Perspektive ist. Deswegen habe ich ja auch nach meiner Babypause mit Biologie angefangen. Außerdem fiel die ganze Marxismus- und Leninismus- Lehre flach. Und in der Literaturausbildung las man jetzt Werke, die systemkritisch waren. Am Anfang natürlich in ganz geringem Maße, aber in denen für DDR-Verhältnisse schon viel Kritik geäußert wurde. Aber vor allem fiel die Ideologie des Klassenkampfes und „Sieges des Sozialismus“, die immer hinter allem stand, auf einmal komplett weg. Deswegen mussten die Dozenten teilweise ganz von ihrem Lehrplan abweichen. Dafür wurde dann viel über aktuelle Ereignisse diskutiert.

Wie haben Sie die Zeit direkt nach dem Mauerfall erlebt?

Es ist relativ schnell Normalität geworden. Ich gehörte allerdings zu denjenigen, die zwar eine offene Grenze haben wollten, aber die DDR auch nicht weghaben wollte. Denn ich hatte schon das Gefühl, dass der Sozialismus als Staatsform der richtige Weg sein könnte, nur eben nicht so wie er in der DDR praktiziert wurde. Aber subventioniertes Essen und gesicherte Arbeitsplätze waren eben Werte, derer ich mir damals schon bewusst war. Und darum kam auch schnell die Angst um unsere finanzielle Sicherheit und die Frage, ob mein Mann seinen Job behalten würde.

Ich war zur Zeit der Wende im dritten Monat schwanger und habe befürchtet, dass durch die Wiedervereinigung Vieles schwerer wird. Mein Mann und ich hatten uns unter anderem für das Kind entschieden, weil die DDR so kinderfreundlich war. Es war kein Problem mit Kind zu studieren und Dinge wie Kinderkleidung und –Nahrung waren stark subventioniert. Deswegen habe ich in den Wochen nach dem Mauerfall noch schnell Kinderschuhe und einige Klamotten gekauft, obwohl ich noch nicht wusste, ob ich ein Mädchen oder einen Jungen bekommen würde.

Auf der anderen Seite war die Möglichkeit der Reisefreiheit eine sehr schöne Veränderung. Einfach mal nach Paris oder London fahren zu können, aber eben auch seine deutschen Verwandten zu besuchen, das war schon toll.

Wie verbringen Sie den Tag heute?

Ich möchte zu der Ballonaktion in Berlin gehen. Da wird mit festen, leuchtenden Ballons der Grenzverlauf nachgestellt und am Sonntag um 19 Uhr werden alle gleichzeitig steigen gelassen. Klaus Wowereit wird kommen und die Philharmoniker spielen die „Ode an die Freude“. Ich finde das von der Symbolik sehr schön.

Teaserbild: Raphaël Thiémard, VivaoPictures/ flickr.com