Fotografie: Leidenschaft für eine brotlose Kunst

Heute Fotograf zu werden, rät Thomas Zimmermann niemandem. Seit fast 50 Jahren übt der 70-Jährige den Beruf aus. Er hat die Entwicklung von der analogen zur digitalen Fotografie und die Zunahme an Bildern und Agenturen miterlebt. Auch Kevin Wester, 27-jähriger Hobbyfotograf, will seine Leidenschaft nicht zum Beruf machen: „Das ist eine brotlose Kunst.“ Aber deswegen aufs Fotografieren verzichten – das würde keiner der beiden.

Gut 50 Jahre liegen zwischen ihren Anfängen in der Fotografie. Sie haben unterschiedliche Zugänge, Motive, Themen – aber teilen dieselbe Leidenschaft: In eigener Regie Bildideen verwirklichen, ausprobieren, was gut aussieht, experimentieren und dabei etwas Neues schaffen.

Selbstporträt eines Fotografen (c) Thomas Zimmermann

Selbstporträt eines Fotografen Foto: Thomas Zimmermann Teaserfoto: Tim Reckmann/pixelio.de

Wann Thomas Zimmermann mit dem Fotografieren angefangen hat, weiß er heute gar nicht mehr genau. Irgendwann in seiner Jugend war das, zufällig: Er bekam eine Kamera geschenkt und probierte sie einfach aus. „Damals gab es noch Filme und Filmpackungen, auf denen man nachlesen konnte, wie man beispielsweise bei bedecktem Himmel belichten und die Blende einstellen muss“, erzählt er. „Das habe ich dann gemacht und einen ganzen Film verschossen – und die Leute fanden die Bilder schön.“ Auch später machte der heutige freiberufliche Sportfotograf keine professionelle Ausbildung, sondern brachte sich alles selbst durch Lesen oder Rumprobieren bei.

Bei Kevin war das ähnlich. „Fotografieren hat mir immer schon gefallen, aber bis vor etwa zwei Jahren kannte ich das nur so wie jeder andere auch“, sagt er: Schnappschüsse mit Freunden, Urlaubsbilder, Erinnerungsfotos. Geändert habe sich das, als er sich eine Spiegelreflexkamera kaufte. „Ich hatte keine Ahnung, ob ich die wirklich brauchte“, gibt er zu. „Ich wollte sie haben – nur wegen des Besitzens.“ Doch bald setzte sich Kevin mit der Technik und den Funktionen der Kamera auseinander, stellte Bilder nach, die ihm gefielen, und experimentierte rum. Manches – vor allem Bildbearbeitung – lernte er über das Internet, über Foren und Tutorials, aber „am meisten war es einfach learning by doing“.

„Heute geht das Ausprobieren sehr viel einfacher und schneller als früher“, sagt Sportfotograf Thomas Zimmermann. „Das Entwickeln hat damals natürlich viel länger gedauert.“ Irgendwann war es ihm auch zu teuer, dafür in den Fotoladen zu gehen. „Als billige Vergrößerungsapparate auf den Markt kamen, habe ich mir dann auf dem Dachboden eine eigene Dunkelkammer eingerichtet.“

„Fotografie in Sport und Action“

Urlaub am Meer (c) Nanna Zimmermann

Mit Urlaubsfotos fing die Leidenschaft für Fotografie bei Kevin Wester an. Foto: Nanna Zimmermann

Die ersten Fotos, die Thomas Zimmermann verkaufte, etwa an seine Mitschüler, schoss er auf Klassenfahrten oder in den Ferien. Aber so richtig begann seine professionelle Fotografie-Karriere mit dem Wettbewerb einer Fluggesellschaft. „Ich habe die Ausschreibung in einer Fotozeitschrift gesehen und gedacht: `Da mach ich mal mit`“, sagt der heute 70-Jährige. Weil er die Zeitschrift nicht wiederfand und nicht mehr wusste, wer den Wettbewerb veranstaltete, schickte er die Bilder auf gut Glück an die Lufthansa. „Die haben mir dann geantwortet, dass sie den Wettbewerb zwar nicht ausgeschrieben hätten“, erzählt er, „aber dass sie gerne sechs oder sieben der Fotos kaufen würden.“ Karnevalsfotos seien das gewesen, berichtet er, etwas unscharf durch veränderte Belichtungszeiten.

Auf „Fotografie in Sport und Action“, wie es heute auf seiner Visitenkarte heißt, hat sich der Berufsfotograf erst später spezialisiert. Pferdesport als Motiv habe sich irgendwie ergeben – weil der Vater regelmäßig zum Reitturnier nach Aachen fuhr und weil der Zaun zur Galoppbahn in seiner Heimatstadt Köln ein Loch hatte.

Verqualmtes Fußballspiel (c) Thomas Zimmermann

Thomas Zimmermann fotografiert heute vor allem Fußballspiele. Foto: Thomas Zimmermann

Heute fotografiert Thomas Zimmermann weniger Pferde, sondern vor allem Fußball. Aber auch beim Basketball, Eishockey und Segeln ist er regelmäßig dabei und auch zur Olympiade geht er immer noch gerne. Sport sei ein angenehmes Motiv: „Es gibt feste Zeiten“, erklärt er seine Vorliebe. „Es hat einen Anfang und ein Ende, ich kann mir aussuchen, wo ich hin will und überlegen, was ich das nächste Mal anders mache.“ Ein finanzieller Vorteil der Sportfotografie: Es werden immer neue, aktuelle Fotos gebraucht.

Fotografieren zur Selbstverwirklichung

Ob sich seine Fotos finanziell lohnen – darüber macht sich Kevin dagegen kaum Gedanken. Zwar schießt er manchmal gegen Bezahlung Fotos, zum Beispiel auf Hochzeiten oder für Pärchen. Aber sein Hauptverdienst ist seine Arbeit auf der Messe. Das Fotografieren ist für ihn „Spaß an der Freude“ – ein Hobby, das er nicht zum Beruf machen will, um seine künstlerischen Freiheiten nicht zu verlieren. „Mir kommt es nur auf den Spaß und die Selbstverwirklichung an“, sagt er.

Kevin fotografiert Models, die oft gar keine oder nur wenig Erfahrung mit Shootings haben. Bei seiner „Ersten“ war das anders. „Sie hatte schon drei Jahre Erfahrung und war sich ihrer Sache sicher“, erzählt Kevin. „Ich habe mich von ihr führen lassen und konnte mich auf die Kamera konzentrieren. Mit ihr habe ich Fotografieren gelernt.“ Heute, zwei Jahre später, kennt er die verschiedenen Einstellungen, kann seine Ideen schneller umsetzen und den Models Tipps geben. Wichtig seien ihm dabei nicht perfekte Körpermaße oder gleich beim ersten Shooting viele tolle Fotos zu machen, sondern dass sich beide wohlfühlten und experimentieren könnten. Gute Bilder entstünden dann automatisch, sagt Kevin, wenn auch manchmal erst beim dritten oder vierten Termin. „Es muss auch von der Persönlichkeit her passen, man muss sich verstehen“, meint er.

Frauenfußball: 1. Bundesliga 2012-2013 (c) Thomas Zimmermann

Frauenfußball: 1. Bundesliga 2012-2013. Foto: Thomas Zimmermann

Die Models kennt er vorher meistens nicht – ein weiterer Aspekt, der ihm am Fotografieren gefällt: Er lernt neue Leute kennen, neue Orte, sieht mehr. „Dadurch habe ich erst gelernt, richtig zu gucken, die Dinge bewusst wahrzunehmen“, sagt Kevin. „Ein Auge schaut immer, was man wo machen könnte.“

Die Models schreiben den Hobbyfotografen oft über seine Facebook-Seite an und fragen nach einem Shooting, wenn ihnen die dort veröffentlichten Bilder gefallen. Ab dem nächsten Jahr will er eine eigene Webseite einrichten, um in der Auswahl der Fotos freier zu sein: „Es ist für die Models anonymer und ich kann dann auch Akt- oder Dessousfotos veröffentlichen“, erklärt Kevin – bei Facebook ist das nicht möglich.

Heute kann jeder Fotograf sein

Eine andere Perspektive beim Basketball (c) Thomas Zimmermann

Eine andere Perspektive beim Basketball. Foto: Thomas Zimmermann

Die Fotografie hat sich in den letzten 50 Jahren gewandelt. Durch technische Entwicklungen kann heute fast jeder gute Fotos machen – oder sie nachbearbeiten, bis sie gut aussehen. „Es gibt mittlerweile eine unvorstellbare Masse an Bildern und auch Agenturen – das war früher anders“, sagt Thomas Zimmermann. Auch gute Kameras sind vergleichsweise billig, die Technik ist automatischer und damit einfacher geworden. Amateure bieten ihre Fotos auf Online-Börsen wie „Pixelio.de“ oft kostenlos an – was dazu beiträgt, dass bei Medien die Zahlungsbereitschaft für Fotos immer weiter sinkt. Aber das sei ja ein generelles Problem im Internet, auch in anderen Bereichen wie Musik oder Journalismus, sagt Thomas Zimmermann.

Obwohl Bildbearbeitungsprogramme es verlockend einfach machen, Fotos digital zu verbessern, verändert Hobbyfotograf Kevin nur Kleinigkeiten. Er will, dass seine Bilder von Anfang an gut aussehen, ausdrucksstark sind und Charakter haben. „Für gute Fotos muss man nicht viel bearbeiten und schon gar nicht manipulieren“, ist er überzeugt. Manipulation lehnt er ab, auch wenn die Models sich manchmal gerne schlanker oder mit größeren Brüsten sähen. „Da gebe ich ihr lieber schon beim Shooting Tipps, wie sie sich drehen soll, damit es für sie vorteilhaft ist.“

Regatta (c) Thomas Zimmermann

Segeln bei der Kieler Woche. Foto: Thomas Zimmermann

Thomas Zimmermann bessert auf seinen Fotos nur Kleinigkeiten wie das Licht nach – doch selbst das ist für ihn ein großer Unterschied zu früher. War zu Zeiten der analogen Fotografie noch der Mülleimer eines seiner wichtigsten Arbeitsutensilien, ist es heute der Computer. Doch das, was dem Berufsfotografen so gut gefällt, gilt nach wie vor: „Man drückt auf einen Knopf und hat etwas produziert, was vorher noch nicht da war und was man anderen Leuten zeigen kann“, sagt er. Auch wenn sich heute mit Fotografie kaum noch Geld verdienen lässt: „Für mich war und ist es noch der richtige Beruf.“

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