
Lernsituation
Als Katsiaryna Artsiomenka vor fünf Jahren nach Deutschland kam, um zu promovieren, konnte sie lediglich sagen, wie sie heißt. Ihr Journalistik-Diplom wurde hier nur teilweise anerkannt, und die Weißrussin musste schnell der deutschen Sprache mächtig werden, um die fehlenden Seminare nachzuholen. Sie besuchte einen Sprachkurs – mit dem Zertifikat in der Tasche ging es zurück an die Uni. Im Seminar folgte ein böses Erwachen: „Du sitzt dort und merkst, dass du nicht mitreden kannst und Angst hast, etwas zu sagen“, blickt die 25-Jährige zurück.
30 Paare reden miteinander
Hier setzt das Tandem-Projekt des Sprachenzentrums der TU Dortmund an. Aufgebaut von der 29-Jährigen Nina Kramer betreut das Sprachenzentrum mit dem Projekt mittlerweile über 30 Paare, die sich – so das Ziel von Tandem – gegenseitig ihre Muttersprache beibringen. In lockerer Atmosphäre geht es um die pure Konversation. Irgendwo auf dem Campus rückt das Lehrbuch in den Hintergrund, und es wird einfach gesprochen: über das vergangene Wochenende, über die Abendplanung oder andere alltägliche Dinge. Dabei sollen sich die Partner korrigieren, sich weiterhelfen oder einfach mal den Worten freien Lauf lassen.
Raus aus der Isolation
Katsiaryna kam über eine Freundin zu ihrer heutigen Tandem-Partnerin Annika Sehl. Sie ist ebenfalls Doktorandin. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin organisierte sie mehrere Russland-Aufenthalte und gab auch Seminare. Das weckte das Interesse für die fremde Sprache. „Vor Ort wollte ich außerdem nicht so stumm sein.“ Im Januar letzten Jahres begann sie mit ihrem Sprachkurs. „Ich wusste von Tandem, aber ich wäre von alleine nicht darauf gekommen, mir eine Partnerin zu suchen.“ Gut, dass Katsiaryna die Initiative ergriff: „Mein Problem war vor allem, dass niemand meine Texte korrigierte.“ Gerade ihre journalistischen Arbeiten wollte sie verbessern. „Wie man sich darin richtig ausdrückt, wusste ich ja gar nicht.“ Für sie ging die Isolation in den Seminarräumen weiter. Auf große Hilfe konnte sie nicht bauen. „Ich habe lange jemanden gesucht, wollte ja nicht nur schreiben, sondern auch sprechen.“
Dass sie mehr Sprachkenntnisse in Deutsch hat als Annika in Russisch, sieht sie als Vorteil für ihre gemeinsamen Treffen. „Es muss ja eine Grundlage da sein, sonst funktioniert das kaum.“ Außerdem erfordert Tandem auch eine gute Organisation. Schnell kommt mal was dazwischen. Die freiwilligen Treffen werden dann verschoben. Zu einer Regelmäßigkeit müssen sich beide Partner zwingen.
Creditpoints durch Teilnahme
Um die Bemühungen der Sprachfleißigen nicht vollends unbelohnt zu lassen, hat das Sprachenzentrum seit vorletztem Semester ein neues Angebot. Mit diesem können Studierende auch Creditpoints sammeln und gutschreiben. „Einmal in der Woche begleiten wir die Paare in einem Seminar“, sagt Nina Kramer. Dort kriegen sie Tipps, wie sie effizient üben und kommunizieren können. Daneben gibt es für die Tandempaare aber auch einen Leitfaden, der ihnen das Konzept erklärt und beim Treffen zusätzlich unterstützt. Weitere Tipps inklusive: Zum Beispiel, das eine Stunde sinnvoll ist. „Eine halbe Stunde die eine und eine halbe Stunde die andere Sprache“, weiß Kramer. Denn keiner soll zu kurz kommen.

Lernsituation
Viel Redebedarf
Das letzte Treffen von Katsiaryna und Annika liegt schon länger zurück. Da gibt es erst recht viel Redebedarf bei den beiden. Diese Gelegenheit nutzt die Weißrussin auch sofort und fragt ihre Partnerin nach den vergangenen Tagen. Die Antwort von Annika erwartet sie – natürlich – auf Russisch. Diese lässt hören, was sie in der letzten Zeit schon alles gelernt hat und kann auf die Hilfe von Katsiaryna setzen, die bei Ausspracheschwierigkeiten sofort weiterhilft. So nimmt das Treffen seinen Lauf und Annika klärt nach und nach alle aufgetretenen Fragen. Heute ist aber nicht nur das Sprechen angesagt, Annika muss für den Sprachkurs, den sie parallel noch besucht, einen Brief schreiben. Katsiaryna hilft gerne und gibt noch Extratipps, wo das Lehrbuch nicht mehr ganz auf dem neusten Stand ist: „Diese Anrede nimmt man heute nicht mehr. Das schreiben vielleicht Soldaten aus dem Krieg.“
Danach werden die Rollen getauscht. Auch Katsiaryna hat Fragen. Sie hat einen Artikel geschrieben, den Annika korrigiert. „Die direkte Hilfe ist gut, denn auf der einen Seite sind die Grammatikregeln, die ich verstehe, aber wenn ich sie anwenden soll, gibt es noch Probleme“, sagt Katsiaryna und ist froh über jeden Tipp.
„Du lernst nicht nur die Sprache du gewinnst auch einen neuen Freund“, ist die Weißrussin nun glücklich.
Und so funktioniert es:
Auf der Homepage des Sprachenzentrums einfach das Anmeldeformular für das Tandemprojekt ausfüllen, abschicken und auf die Antwort warten. Ist der passende Partner gefunden, gibt’s eine Mail zurück und dem ersten Treffen steht nichts mehr im Weg.
Ein bisschen länger dauert es, wenn der Wunsch schwer vermittelbar ist: Anfragen zu Koreanisch, Nepalesisch oder Kurdisch hat das Sprachenzentrum auch. Doch es fehlen interessierte Partner.
Generell gilt für das Projekt: Tandem macht wenig Sinn ohne Vorkenntnisse. Vorher empfiehlt es sich auf jeden Fall einen Sprachkurs zu besuchen.
Nicht nur das Sprachenzentrum der TU bietet das Sprechen außerhalb des Sprachkurses an. Im Rahmen der „Studierbar“, die der AStA als Informationssystem für Studierende betreibt, wird auch die „Sprechbar“ angeboten. In der Yangtse Lounge im Cinestar am Dortmunder Hauptbahnhof findet man jeden Mittwoch ab 18.30 Uhr viele interessante Gesprächspartner. Einfach hingehen und kostenlos auf der gewünschten Sprache plaudern.