Auf der Überholspur

Wahre Größe zeigt sich erst nach Niederlagen: TU-Student und Langstreckenläufer Hendrik musste mit seinen erst 20 Jahren schon zwei Ermüdungsbrüche im Fuß und Rücken wegstecken. Jetzt hat er die schwere Zeit überwunden und ist für die U23-Europameisterschaften qualifiziert. Derzeit trainert der Läufer des TV Wattenscheid 01 mit der nationalen Elite im Trainingslager auf dem Rabenberg.

Hendrik Pfeiffer im Trainingslager

Hendrik Pfeiffer im Trainingslager, Teaserbild und Fotos: Hendrik Pfeiffer

Versucht man Hendrik zurzeit ans Telefon zu bekommen, kann sich das als echte Schwierigkeit erweisen. ″Ich bin zwischen 9 und 10 Uhr und 14 bis 15.30 Uhr erreichbar″, sagt der 20-jährige. Der Rest des Tages besteht aus Training, Essen und Schlafen. Um 7 Uhr geht es täglich für die Deutsche Lauf-Elite im Trainingslager auf dem Rabenberg auf den Tartan – vor dem Frühstück. Sechs Kilometer Einlaufen stehen dann an, ″Auftakt″ nennt er es. Jede Minute, die man zu spät kommt, kostet einen Euro in die Mannschaftskasse. Auch der ausgemachte Langschläfer Hendrik musste schon einmal zwei Euro blechen. Doch lieber als zurzeit hat er sich vermutlich noch nie mit Muskelkater aus dem Bett gequält. Bundestrainer Wolfgang Heinig hat ihn persönlich eingeladen, mit dem kleinen Kreis der nationalen Lauf-Elite ins Trainingslager zu fahren. ″Das war eine Riesenehre für mich. Der Bundestrainer ist zwar sehr anspruchsvoll, aber das Training unter ihm zahlt sich aus. Ich spüre richtig, wie ich besser werde″, so Hendrik.

Die fehlende Sekunde

Hendrik Pfeiffer im Wald

Hendriks Ziel ist der 4. Platz bei der U23-EM

Ausschlaggebend für die Einladung war seine starke Leistung bei den Deutschen Langstreckenmeisterschaften in Bremen Anfang Mai diesen Jahres. Dort brauchte Hendrik für die zehn Kilometer nur 29.38,99min. Obwohl er seine persönliche Bestleistung mit über einer Minute deutlich unterboten hatte und sich dazu noch die Bronzemedaille umhängen lassen durfte, konnte er sich anfangs nicht richtig freuen. Denn um genau eine Sekunde hatte Hendrik die Norm für die U23-Europameisterschaften verpasst. Dann aber kam sein Trainer Tono Kirschbaum zu ihm und sagte, er sei verrückt, wenn er sich jetzt ärgere. Die EM-Quali sei zu 99 Prozent trotzdem sicher, da Hendrik sich mit diesem Ergebnis auf Platz vier der europäischen Bestenliste katapultiert hatte. Nun ist es auch amtlich, er darf antreten. Und er hat Großes vor. Bei den europäischen Titelkämpfen vom 11.-14. Juli hat Hendrik sich den vierten Platz zum Ziel gesetzt. Er liebäugelt mit einer Zeit unter 29.35min.: ″Damit würde ich ins Junior-Eliteteam aufsteigen und hätte Anspruch auf einen begehrten Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr.″

Ein USA-Trip war der Knackpunkt

Trainingslager 2

Handschlag mit dem Trainer im Höhentrainingslager

Dass er heute über solche Ziele reden würde, hätte er im Winter nach den Verletzungen nicht im Ansatz gedacht. Diese unerwartet schnelle Rückkehr gelang aber nicht nur dank seines Fleißes und seines Selbstvertrauens. ″Das Höhentrainingslager in Flagstaff/USA war postwendend für mich. Danach hatte ich direkt ein besseres Gefühl″, so Hendrik. Positiv profitiert hätten davon nicht nur seine Beine, sondern auch sein Kopf. Das Trainingslager sei ein riesiger Ansporn gewesen, sagte er: ″Ich konnte mit meinen Vorbildern zusammen trainieren, und vom Bundestrainer habe ich viel Lob erhalten.″ Außerdem habe er sich durch den Sport den Traum erfüllt, nach Amerika zu reisen.

Die Uni steht hinten an

Das alles hat für Hendrik einen leicht bitteren Beigeschmack. Durch die vielen Trainingslager und Wettkämpfe musste er sein Journalistik-Studium stark strecken. Aber das findet der Läufer nicht allzu schlimm: ″Durch meine finanzielle Absicherung beim TV Wattenscheid 01 kann ich den Fokus auf den Sport legen.″ Da sei es nicht ganz so wild, wenn er fürs Studium ein bis zwei Jahre länger bräuchte. Dennoch hat das Studium für ihn einen hohen Stellenwert: ″Nach der Europameisterschaft wird für Klausuren gepaukt.″

Ob Hendrik seine Ziele erreicht, kann er natürlich nicht voraussehen. Was er allerdings längst weiß: Versäumte Minuten beim Training können Geld kosten, gewonnene Sekunden beim Lauf können Ruhm und Ehre bringen.

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